Spannung und Schauder Krimi und Groove bei der Meppener Polizei


Meppen. Begleitet von Groove-Chansons des Kölner Duos Barth & Roemer haben gleich vier namhafte Krimiautoren auf ganz unterschiedliche Weise Spannung und Schauder erzeugt und mit Wortwitz und Fantasie die Besucher im bis in den letzten Winkel gefüllten Vortragsraum des Meppener Polizeigebäudes unterhalten.

Unter der Leitung des Surwolders Kai Engelke in Kooperation mit Burkhard Sievers (Koppelschleuse Meppen) erwartete die Besucher ein Kunstgenuss der besonderen Art in fast wohnzimmerartig enger Atmosphäre bei warmem Licht und kühlen Getränken. Astrid Barth und Philipp Roemer, diesjährige Preisträger der Deutschen Schallplattenkritik, faszinierten mit ihrem Blues-Jazz-Rock-Soul-Mix vor, nach und zwischen den Lesungen und ließen mit spitz pointierten Texten den Zuhörer Gewohntes, Missliches, Beglückendes der Alltagsrealität aus neuer Perspektive entdecken.

Roemers perfektes, einfühlsames Gitarrenspiel und die Powerperformance mit sehr viel Herz in der leicht rauchigen Stimme von Astrid Barth kamen einfach an. So gelang auch der Freiraum zwischen den Lesungen, den es braucht, will man jedem Autor aufs Neue die volle Aufmerksamkeit schenken.

Joana Brouwer (Nordhorn) las zwei Passagen aus dem Prolog ihres Buches „Der Puppenfänger“. „Hinter der Idylle lauert Entsetzliches“, erläuterte Engelke einführend. Brouwers Sprache malt Bilder aus Gefühlen und lässt den Hörer / Leser die schrittweise Wahrnehmung des äußeren Geschehens aus dem Inneren der Romanfigur heraus erleben, schafft so gespannte Identifikation. Von der eigentlichen Handlung des Buches verriet Brouwer nichts, das überließ sie der Fantasie und der Leseneugier der Hörer.

Immer wieder leise auflachend, hingen die Hörenden an den Lippen von Regula Venske (Hamburg), die das Publikum höchst lebendig in eine Szene ihres Buches „Der zweite Stein“ versetzte, angesiedelt im Hamburger Kirchentagsgeschehen. Humorvoll leicht überzeichnend, aber ohne lächerlich zu machen, gewürzt mit sanfter Ironie, lässt ihre Sprache den Hörer zum Kopf schüttelnden Beobachter werden, wenn der Protagonist, der durch Mord verwitwete Pastor Tauber-Sperling, sich im Alkohol verliert und letztlich sich nicht seiner selbst entkommen kann. Geichzeitig wird der Hörer Teilhaber eines verworrenen Gedankenspiels. Ebenso garantierten Venskes minutiöse Beobachtungsgabe, ihr Sinn für Exzentrisches und ihr feiner, distanzierter Humor den Genuss auch am Geschehen in einer außergewöhnlichen Senioren-WG in „Der Bajazzo“.

Peter Gerdes (Leer), Erfinder des ostfriesischen Kommissars Stahnke, entschied sich auf dem Weg zum Mikrofon für seine „intergalaktische“ Kurzgeschichte „Sternschnuppe“. Ein Geburtstagsgeschenk, auf den Namen seiner Freundin Ulrike getaufter Stern, erweist sich nach dreißig Jahren und der Scheidung von Ulrike als Boomerang, da mitten in sein verkatertes Aufwachen „Hauptmulator Schulz“ und zwei weitere seltsame Wesen vom „Orbitalrat“ auf noch seltsamere Weise mit ihm kommunizieren und seine Verantwortlichkeit für „Ulrike IV/3“ sowie zwei Planeten und einen Mond einklagen.

Gerdes erweist sich in seiner humorigen, markanten Fabulierkunst als Meister skurril-fantasievoller Wortschöpfungen wie „Schnadogloben“ und „Bartopfühle“, ohne dass Nonsens daraus wird. Manchmal „passieren“ ihm auch Gedichte, wie er abschließend sprachakrobatisch in Meppen unter Beweis stellte.

Makabre Welt

Last, but not least entführte der literarisch vielfach ausgezeichnete Hamburger Gunter Gerlach sein Publikum schmunzelnd in die makabre Welt seiner Kurzgeschichten „Von Mädchen und Mördern“. In „Paarweise“ klingt zunächst Orwells „1984“ an, wenn Staatsbeamte das partnerschaftliche Zusammenleben der Bürger kontrollieren. Codiert warnt man den Single. Aber woher so schnell eine Partnerin nehmen? Da muss schon einmal eine gut gekühlte Leiche die kränkliche Ehefrau abgeben.

Nicht weniger skurril klingt „Der Spezialist“, ein Krimiautor, der im Dienste der Polizei Berichte und Geschehnisse wortreich aufpeppt und „tunt“, damit die fallende Kriminalitätsrate nicht polizeiliche Arbeitsplätze gefährdet, bis er selbst zum Opfer seiner Perfektionierung wird. Und auch in „Erpressung“ denkt Gerlach spitzfindig zunächst harmlose Impulse gnadenlos konsequent, aber mit viel Spaß an der Sache zu Ende.

Die lange Kriminacht – Krimi-Kult(ur) kurzweilig, vergnüglich und kreativ – hat wieder einmal gezeigt, welche Welten und Weiten ein Buch eröffnen kann


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