Den Menschen Mut machen Walter Kohl in Meppen: Glück ist ein Maßanzug

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Meppen. Für Walter Kohl, Sohn des Altbundeskanzlers Helmut Kohl, ist Glück ein Maßanzug. Er möchte die Menschen beim Schneidern ihres persönlichen Maßanzuges unterstützen, sagte er im Interview mit der Meppener Tagespost.

Das Interview mit Walter Kohl, Sohn des Altbundeskanzlers Helmut Kohl, im Wortlaut:

Herr Kohl , Ihr Vater war 16 Jahre Bundeskanzler, davor Ministerpräsident. Wie war Ihre Jugend mit einem so prominenten Vater?

Nicht immer einfach, da ich häufig als Projektionsfläche für Dinge herhalten muss, die nichts mit mir zu tun haben. Besonders schwierig waren die 1970er-Jahre, also die Zeit des deutschen Linksterrorismus. Unsere Familie gehörte damals zum Kreis der als extrem gefährdet angesehenen Personen. Es gab viele Morddrohungen, viel Gewalt. Ich habe das später als Hochsicherheitstrakt mit Schulanschluss beschrieben.

Wie kommt man als Heranwachsender damit klar?

Ich habe diese Zeit als ein Leben in zwei Welten empfunden. Im äußeren Umfeld, also in der Schule, fühlte ich mich als anderer unter Gleichen. Ich war häufig in der Schule das Ziel vieler Angriffe – bis hin zu schweren körperlichen Angriffen und Demütigungen aller Art. Zu Hause dann das Leben in einer Isolation, in einer Hochsicherheitszone. Es war für mich eine große Herausforderung, hiermit meinen Frieden zu schließen und meinen eigenen Weg zu finden.

Das hätte ich nicht für möglich gehalten, dass Sie derart massive Probleme mit Ihren Mitschülern hatten …

Auch mit manchen Lehrern und Eltern meiner Mitschüler. Mein Bruder und ich waren damals ausgegrenzt. Keiner durfte mit uns spielen, denn wir waren ja ein Sicherheitsrisiko für die anderen Kinder.

Sie hatten keine Schulfreunde?

Erst mit dem Abklingen des Terrorismus konnte ich überhaupt ein eigenes soziales Umfeld aufbauen. Es waren Jahre großer Isolation und Fremdbestimmung. So wundert es nicht, dass dieses Thema später zu meinem Lebensthema wurde und ich mich der Frage stellen musste: Wie können wir mit Situationen umgehen, die uns vom Schicksal gegeben sind?

Sie haben für sich neue Wege gefunden?

Ich musste, denn meine große persönliche Krise 2002 und 2003, nach dem Tod meiner Mutter, der Parteispendenaffäre und der Scheidung meiner ersten Ehe überforderte mich total und nahm mir die Luft zum Atmen. Ich habe sogar überlegt, ob ich den Weg meiner Mutter gehe. Doch glücklicherweise gab ich mir noch eine Chance und zwang mich zum ersten Mal in meinen Leben zu vorbehaltloser, innerer Offenheit. Ich stellte meine bisherigen Denkmuster und Glaubenssätze konsequent infrage. Und plötzlich boten sich neue Wege und Chancen an; Dinge, die ich vorher konsequent ignoriert hatte. Als ich begann, meine Augen wirklich ehrlich aufzumachen, begann ich auch neue Ansätze zu finden.

Als Jugendlicher, aber auch als junger Erwachsener standen Sie unter einer großen Beobachtung. Dies trifft sicherlich auf Ihre gesamte Familie zu. Wie unfrei fühlten Sie sich?

Unfrei ist das falsche Wort, ich würde es Fremdbestimmung nennen. Für die meisten Menschen war und bleibe ich beim ersten Kennenlernen der „Sohn vom Kohl“. Früher hat mich diese einseitige Wahrnehmung mit all ihren Vorurteilen sehr eingeengt und belastet. Heute habe ich meinen Frieden mit meiner Herkunft gefunden und kann sie mit meiner eigenen Botschaft, meinem eigenen Leben sehr gut verbinden.

Sowohl Sie als auch Ihr Bruder haben Frauen aus ganz anderen Kulturkreisen geheiratet. Ist es Zufall?

Nein. Es ist Ausdruck eines internationalen Lebensweges, den wir sowohl durch unser Studium als auch durch berufliche Stationen gemeistert haben. Doch jetzt würde ich gerne über meine jetzige Arbeit berichten, in der ich als Buchautor,
Referent und Coach tätig
bin.

Bitte?

Mein Ziel ist, Menschen Mut zu machen, über ihr eigenes Leben und dessen Gestaltung nachzudenken und wenn notwendig, neue Schritte zu gehen. Dazu gehört sowohl der Friede mit der eigenen Biografie, der eigenen Vergangenheit als auch Sinn und Ziele für die eigene Lebensgestaltung. Dann können Tatkraft und Handlung für die Gegenwart entstehen. Glück ist ein Maßanzug, und ich möchte die Menschen beim Schneidern unterstützen.

Was ist entscheidender in der Lebensgestaltung: Vernunft oder Gefühl?

Das Gefühl ist immer stärker und führt die sogenannten Kopfentscheidungen. Deshalb betone ich die Wichtigkeit des inneren Friedens mit der eigenen Vergangenheit und des Sinns für die Zukunft.

Was hat Ihnen am meisten geholfen, Ihre persönliche Harmonie zu finden?

Mir haben mehrere Dinge gleichzeitig geholfen, die ich nicht gewichten möchte. Ich möchte an dieser Stelle meine Familie nennen, aber auch Denker wie Viktor Frankl und seine Logotherapie, Seneca, Nikolaus von der Flüe, Hildegard von Bingen oder Menschen wie Anselm Grün oder Bonhoeffer. Sie alle haben mir sehr viel gegeben. Doch letztlich sind wir trotz Vorbildern und Inspiratoren stets selbst für unseren Lebensweg verantwortlich.

Die Personen, die Sie nannten, eint ein starker Glaube …

Über allem thront für mich der Glaube. Glaube heißt Wissen ohne Beweis. Wer an Gott glauben kann, kann auch an sich und an Menschen glauben, weil er die Freiheit eines Wissens ohne Beweise in sich trägt – das ist die Grundlage für Vertrauen überhaupt.

Welche Rolle spielt für Sie der christliche Glaube?

Ich sehe mich als Christ, für den die Verbindung zu Gott eine zentrale Achse des eigenen Lebens ist. Im Gebet, im Lesen der Bibel finde ich Zugang zu Gott. Für mich ist Glaube zunächst eine stille, persönliche Sache, mit der man nicht auf dem Marktplatz hausieren gehen sollte. Ich würde es einmal die stille Kraft im Hintergrund oder im persönlichen Fundament nennen.

Was ist das Motiv Ihrer Arbeit als Trainer, als Coach?

Frieden, denn ich bin überzeugt, dass jeder Mensch, der seinen eigenen Frieden hat, keinen Krieg macht und besser lebt.

Was war der Anlass, der dazu führte, dass Sie diese Aufgabe jetzt umsetzen?

Konkret zu dieser Aufgabe gekommen bin ich durch mein erstes Buch, dessen Resonanz mich total überraschte. Immer wieder wurde ich in Lesungen und Veranstaltungen von Teilnehmern gefragt: Kann auch ich Versöhnung lernen? Meine Antwort war stets Ja. Dann kam immer gleich die zweite Frage: Und wie mache ich das? Darauf hatte ich zunächst keine praktikable Antwort. Deshalb habe ich mein zweites Buch „Leben, was du fühlst“ geschrieben. Es ist ein Praxisbuch, das den Weg der Versöhnung mit seinen fünf Schritten darstellt und umsetzbar macht.

Wie sieht Versöhnung konkret aus?

Der Grundgedanke der fünf Schritte ist, dass wir durch eine neue Sicht der Dinge den für uns stimmigen Frieden finden können. Dazu muss unser Anliegen klar definiert werden und dann über verschiedene Schritte, wie „Alles auf den Tisch“ und „Energiewandel“, ein einseitiger Friedensvertrag mit unserem Anliegen erreicht werden.


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