Gebürtiger Meppener im Gespräch Andreas Müller: Der härteste Richter Deutschlands?

<em>Jugendrichter</em> und Buchautor Andreas Müller. Foto: Manfred FickersJugendrichter und Buchautor Andreas Müller. Foto: Manfred Fickers

Meppen. Im Atelier Bärylin & Co fertigt und zeigt der Künstler Johannes Cordes Collagen und Objekte aus haltbar gemachten Goldbären. Bunt, süß und weich sehen die Werke aus. Vor dieser Kulisse spricht Andreas Müller, „Deutschlands härtester Jugendrichter“, von Schwarz-Weiß-Malerei in den Medien, eigenen bitteren Erfahrungen und den Vorteilen von Härte gegen Straftäter. Es geht um sein neues Buch „Schluss mit der Sozialromantik“.

Für das Gespräch ist der richtige Ort gewählt worden. Zwischen dem Atelier in der Neustadt und dem Amtsgericht in der Altstadt liegen auf 700 Metern Fußweg der Bahnhof, wo bei Heimspielen des SV Meppen die Polizei immer wieder mit Gewalttätern zu tun hat, das Polizeikommissariat und das Kneipenviertel „Bermuda-Dreieck“, das bei Ordnungshütern, Justiz und Krankenhaus für Arbeit sorgt. Der in Berlin lebende Jugendrichter besucht häufig seine Geburtsstadt und verfolgt die Berichterstattung der Meppener Tagespost.

Seit Langem wollte er das Buch schreiben, sagt Müller. Er erzählt von seiner Jugend in Meppen und von seinen Erfahrungen im Richterberuf. Und entwickelt Gedanken seiner Kollegin Kirsten Heisig aus deren Buch „Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ weiter. Er ist überzeugt: „Schnellere Verfahren stoppen Täter und verhindern, dass weitere Menschen zu Opfern werden.“

Dass der 1961 geborene Sohn eines Bäckers aus Meppen-Esterfeld Richter werden würde und zudem deutschlandweit bekannt, war nicht zu erwarten. Sein alkoholkranker Vater starb, als Müller elf Jahre alt war, die Familie war sehr arm, der Bruder wurde drogenabhängig und kriminell. Trotz dieses harten Lebens war es „keine wahnsinnig schlechte Kindheit“, weil immer die richtigen Leute da waren, die Probleme wie seine Lese-Rechtschreib-Schwäche zu überwinden geholfen haben und ihm den Besuch des Gymnasiums Marianum in Meppen möglich machten. Schließlich schaffte er das Abitur und studierte Jura. Dieses Schicksal erlaubt ihm einen anderen Blick auf Täter und Opfer: „Ich kann mich in manche besser hineinversetzen.“ Beruflich ist er vom „Sozialromantiker“ zum Verfechter einer konsequenten Linie geworden.Den umstrittenen Jugendarrest muss es weiterhin geben, sagt er, aber mit Konzept, um Einfluss auf die Täter nehmen zu können. In vielen Bundesländern fehle ein Arrestvollzugsgesetz. Müller kennt erwachsene Straftäter, die meinen, ein Schuss vor den Bug in jungen Jahren hätte spätere Taten verhindern können. Eine andere Erfahrung ist die Signalwirkung von Strafen ins Umfeld der Täter, die durch schnelle Reaktion und tatangemessene Urteile entsteht. „Das schreckt ab.“

Trotz rückläufiger Zahlen bei den von Jugendlichen begangenen Straftaten hält Müller Reformen für dringend. „Jedes Opfer, das vermieden werden kann, ist die Arbeit wert.“ So rechtfertigt er seinen Umgang mit jugendlichen Intensivtätern und mit Rechtsradikalen, gegen die er als Jugendrichter in Bernau bei Berlin eine harte Linie verfolgt. Er will mit seinem Buch eine Diskussion anstoßen, die zu Veränderungen führt.

Eine seiner Forderungen ist die Legalisierung von Cannabis, denn „Alkohol ist die gefährlichere Droge“. Er hält das niederländische Modell mit seiner kontrollierten Abgabe über Coffee-Shops für vorbildlich. „Holland ist, anders als vorhergesagt, nicht wegen einer liberalen Drogenpolitik in der Nordsee versunken.“ Die Milliarden Euro für die Bekämpfung des Cannabiskonsums könnten besser in die Drogenprävention investiert werden. Der Staat gewinne Steuereinnahmen und Regulierungsmöglichkeiten des Cannabismarkts, außerdem werde die Anwendung der Droge im medizinischen Bereich, zum Beispiel bei Schmerzpatienten, vereinfacht.

Als isoliert in der Richterschaft betrachtet Müller sich nicht. Es sei seit einigen Jahren eine Tendenz zu einer klareren Linie bei den Jugendrichtern zu beobachten. Dies führt er auf die Diskussion um Heisigs Buch zurück, mit der er viel über den richtigen Weg im Umgang mit jugendlichen Tätern diskutiert hat. Mit Interesse beobachtet er die Entwicklung im Landgerichtsbezirk Osnabrück, durch die er sich bestätigt sieht. „Soweit ich das von außen beurteilen kann, leisten die Kollegen gute Arbeit.“

Als „Deutschlands härtester Jugendrichter“, wie ihn die Bild-Zeitung nannte, sieht er sich nicht, eher als Erzieher. Um gute Arbeit zu leisten, brauchen Jugendrichter pädagogische Kenntnisse, erklärt Müller und wünscht sich eine entsprechende Ergänzung der Ausbildung. Im Schwarz-Weiß-Bild vom hart strafenden Richter, der die „Sozialromantiker“ bekämpft, sieht er sich unzutreffend geschildert. Schnell verhängte, harte Strafen können besonders bei Ersttätern nachhaltige Veränderungen bewirken, meint Müller, aber der Lerneffekt muss durch Sozialarbeit verstärkt werden.

Der strenge Pädagoge in der schwarzen Robe des Richters hat auch eine andere, eine weiche Seite. Dies ist zu spüren, wenn über seine Kollegin Heisig gesprochen wird, die sich 2010 umbrachte, ebenso über seine Kindheit oder wenn er erzählt, dass ihn manche Verfahren, in denen es um schwere Gewalttaten oder sexuellen Missbrauch geht, noch in seiner Freizeit gedanklich beschäftigen. Der Romantiker spricht aus Müller, wenn er sich wünscht: „Die Menschen sollen im öffentlichen Bereich keine Angst mehr haben müssen.“ Als erfahrener Richter weiß er, dass sich dieses Ziel wohl nie überall in Deutschland durchsetzen lässt, er glaubt aber daran, dass die Verhältnisse verbessert werden können. Seine Erfahrungen haben auf Müller eine ähnliche Wirkung gehabt wie das Spezialverfahren, das sein Bekannter bei den Süßwaren anwendet. Die Gummibärchen und der Sozialromantiker sind härter geworden, bleiben aber noch als solche erkennbar.

Der Jugendrichter im Talk bei www.ev1.tv .


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