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375 Jahre Windthorstgymnasium Meppen Theaterarbeit: „Bretter, die die Welt bedeuten“

Von Ellen Bechtluft | 15.09.2017, 09:55 Uhr

Das Theaterspiel, meist in der Form einer Arbeitsgemeinschaft, hat schon immer einen festen Platz im Schulsystem des Meppener Windthorstgymnasiums.

Dabei zeichnet sich Schultheater durch die außergewöhnliche Bereitschaft aus, sich außerhalb schulischer Pflichten an Schule zu engagieren. Das Theater ist aufgrund der Bildungsdebatte durchaus in den Mittelpunkt gerückt, weil dieser Unterricht zum einen das Potenzial aufweist, eine Vielzahl von Kompetenzen zu vermitteln, zum anderen gleichzeitig eine motivierende, persönlichkeitsstärkende Wirkung auf Jugendliche ausübt. So titelte der Spiegel im Jahr 2002 in einem seiner Artikel: „Jeden Tag Theater – Eine Reformschule in Wiesbaden macht fast alles anders als die meisten Lehranstalten und stößt damit in die internationale Pisa-Spitze vor.“ Dieses Potenzial nutzen wir am WGM; auch unsere Theaterarbeit kann auf eine lange Tradition zurückblicken.

2010 gegründet

Die jetzige Theater-AG gründete sich im Herbst 2010. Nun können wir stolz auf sieben Produktionen zurückblicken und freuen uns auf unser achtes Stück. Jedes einzelne Werk hat uns als Teilnehmer geprägt und jedem von uns eine neue kleine Welt geöffnet. Nach dem Einstieg über Molière wagten wir uns an Brecht und seine Gesellschaftskritik, die uns ermutigte, uns an eine der großen Theaterautorinnen unserer Zeit zu wagen. Und so war im Herbst 2012 „King Kongs Töchter“ von Theresia Walser bereits für viele Mitglieder der ersten Stunde das letzte Stück in ihrer Schülerkarriere - eine Herausforderung, die sich nicht nur sehen ließ, sondern alle nachhaltig beeindruckt hat.

Gesellschaftskritik

„Unser wohl aufsehenerregendstes Theaterstück hat mich selbst sehr zum Denken angeregt. Denn so befremdlich und abstrus uns das morbide Verhalten der drei Altenpflegerinnen, die über Leben und Tod entschieden, doch erschien, beinhaltete es deutliche aktuelle Gesellschaftskritik. Was passiert, wenn die Plätze in Altenheimen nicht mehr ausreichen, weil Menschen sich zu „fein“ dafür sind, die eigenen Eltern selber zu pflegen? Merkt es überhaupt noch jemand, wenn in einem Altenheim Menschen sterben, sie sind doch eh alt? Und wollen einige alte Menschen vielleicht sogar von ihrem Dasein erlöst werden, um niemandem zur Last fallen zu müssen?“ (Franziska Rolfs, damals 18, King Kongs Töchter, eine der drei Altenpflegerinnen)

Kompetenzen des Menschseins

Genau diese Erkenntnisse, direkt mit Leben gefüllt, sind es, die die Theaterarbeit zu einem Ausnahmeort des Lernens werden lassen, den ich jedem Schüler einmal wünsche. Die intensive Auseinandersetzung mit der Schnittmenge zwischen Mensch und Rolle fordert und fördert viele zentrale Kompetenzen des Menschseins, die im heutigen konventionellen Unterricht eher brachliegen. Ist es für die Mehrheit der Schüler eher ein unangenehmes Unterfangen, einem Gedichtvortrag etwas Positives abzugewinnen, verlieren sich Theaterschüler in seitenlangen Dialogen. Textliche Inhalte werden lebendig und öffnen ihren wahren Gehalt. Eigene Positionen werden in ungewohnter Spielerperspektive plötzlich deutlich und müssen dann neu zu einem großen Ganzen zusammengebracht werden. Das erfordert Sozialkompetenzen und Reflexionen - Fähigkeiten, die an anderer Stelle oft durchaus vergeblich gesucht werden.

Rollenmodell

„Die ganze Theaterzeit hat mich nicht nur Erfahrungen machen lassen, die man so im Unterricht vergeblich sucht, sondern vor allem hat sie mich als Person aufblühen und weiterentwickeln lassen. Zugegeben mag sich das anhören, als wäre das Theater die Lösung für alle Probleme auf der Welt. Die Theater-AG hat mir aber eine Chance gegeben, aus dem Alltag heraus eine andere Rolle einzunehmen. Und das ist eine Erfahrung, die ich nicht missen will. In meinem Studium habe ich sogar genau dieses Rollenmodell im Qualitätsmanagement wiedergefunden. Auch dort wird genau auf diese Rollen und Rollenkonflikte eingegangen. Es sind die Rollen, die man im Leben spielt. Der eine ist Vater und gleichzeitig Unternehmensführer, während wieder ein anderer Bruder und Polizist ist. Egal, welche Rolle man ausfüllt, wichtig ist, dass man immer sein Gesicht behält. Und dieses Gesicht wurde bei mir maßgeblich von meiner Zeit in der Theater-AG geprägt.“ (Maik Steffens – jahrelanges Mitglied der ersten Stunde – Student – 22 Jahre)

Leidenschaft und Begeisterung

Diese Leidenschaft und solche Begeisterung schenken uns Lehrern eine Welt, in der Lernen Spaß macht und große Früchte trägt! Weg von der aktuell geforderten Masse des Zentralabiturs hin zu einer Muße, die Schülern vieles auf höchstem Niveau abfordert und sie so gleichzeitig intensiv fördert. Sprache als Mittel zur Macht - nicht nur Kleider machen Leute, sondern noch viel mehr Worte und Körpersprache.

Kultur verbindet

Kultur verbindet: Daher freuen wir uns seit dem Herbst 2015 sehr über die gewachsene Zusammenarbeit mit unserem Schulchor. Die musikalische Untermalung bereichert die Stücke und schafft eine ganz besondere Atmosphäre. Jetzt möchten wir sie gerne noch auf unsere diesjährige Produktion „Der Prozess um des Esels Schatten“ von Friedrich Dürrenmatt (14. und 19.9. um 20 Uhr) hinweisen. Karten sind an der Abendkasse erhältlich. Wir freuen uns auf Ihren Besuch, mit dem Sie unseren kulturellen Einsatz wertschätzen.