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375 Jahre Windthorst-Gymnasium Meppen „Schule mit gewissem Etwas“

Von Anke Voß | 14.09.2017, 09:55 Uhr

Das Windthorst-Gymnasium Meppen (WGM) feiert sein 375. Jubiläum. Wie es sich an der Schule lebt und arbeitet, berichten nun Schüler, Lehrer und Referendare.

Kompetenzen, Bildungsstandards und Lernziele – über die inhaltliche Ausrichtung von Schule und den damit verbundenen Zielen wird viel diskutiert. Doch was sagen die Menschen, die tagtäglich viel Zeit in „ihrer“ Schule verbringen? Was ist ihnen wichtig? Eine Spurensuche.

Ein Zeichen der Gemeinschaft

Betritt man den Klassenraum der 8c, fällt sofort auf, dass ein Großteil der Schüler gleiche Pullover trägt. Das Motiv: „cklasse“. Die Schüler haben weder auf einen Anlass gewartet – zum Beispiel das bestandene Abitur wie viele Generationen vor ihnen – noch haben sie die Pullover der schuleigenen „WGM company“ gekauft, die auch allerlei andere Artikel mit Schullogo verkauft. Nein, sie haben sich ihren eigenen Pullover drucken lassen: 8c = cklasse. Man kann dies als überflüssig betrachten – in einem Jahr wird die Klasse vermutlich wieder neu gemischt – oder aber als das sehen, was es ist: Ausdruck und Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Und ein klares Bekenntnis zu ihrer Klasse und ihrer Schule.

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„Ich gehe gern auf diese Schule, weil die Atmosphäre freundlich ist und hier fast alle meine Freunde sind“, bestätigt die 13-jährige Julia Doskoč. Und auch die 14-jährige Carina Bölscher betont, wie sehr ein gutes Schulklima zum Lernen beiträgt: „Schüler und Lehrer sind sehr nett zueinander und ich kann hier auch aufgrund der Vielzahl an Aktivitäten viel lernen.“

Hohe Identifikation mit der Schule

Dieses Bekenntnis geht weit über den vorrangigen Sinn von Schule hinaus. Schule wird hier von den Schülern nicht nur als Lernort, sondern als Lebensort empfunden. Die Schüler verbringen aufgrund drastischer Veränderungen im Hinblick auf die (offenen) Ganztagsschulen und dem damit breit gefächerten Angebot an zusätzlichen Aktivitäten sehr viel Zeit in der Schule. Da ist das Bedürfnis nach einem angenehmen Umfeld und einer funktionierenden Gemeinschaft sehr groß.

„Die Schule soll Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern“, so heißt es im Bildungsauftrag des Niedersächsischen Schulgesetzes, „den Erfahrungsraum und die Gestaltungsfreiheit bieten, die zur Erfüllung des Bildungsauftrags erforderlich sind.“ Fragt man Schüler nach ihrem „Erfahrungsraum“ und danach, was sie an ihrer Schule besonders schätzen, werden Schlagworte wie „Gemeinschaft, Freunde und Freude“ (Eva Ruf, Jahrgang 12) oder die Tatsache, dass das WGM „viele verschiedene Persönlichkeiten in einer Schule vereint“ (Emelie Ahlers, Jahrgang 8), genannt. Und für viele gehört zu einem guten Lernklima auch eine gesunde Portion Humor: „Gerade Lehrer sollten im Alltag Spaß verstehen und auch mal lustig sein“ (Emily-Luisa Kremer, Jahrgang 12).

Zeitmangel und Stress

Aber in Schülergesprächen sind auch kritische Stimmen zu hören. So findet die 11-jährige Pia Berenzen: „In einem guten Unterricht sollte man viel lernen, aber auch mal Zeit zum Pause machen haben.“ Fehlende Zeit greift auch Marius Labahn aus dem Jahrgang 12 auf und betont, dass diese Pausen für die G-8-Schüler kaum noch vorhanden seien: „Der Stresslevel ist unzumutbar und auch nicht förderlich für die Ergebnisse im Abitur.“

Dies empfinden auch viele andere Oberstufenschüler so, fragt man sie nach ihrem persönlichen Stresslevel. Ihnen Recht gibt die groß angelegte Studie der DAK zum Thema Schulstress, die am 1. September 2017 veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse alarmieren. Demnach leidet jeder zweite Schüler der Jahrgänge fünf bis zehn unter Stress. Und Stress macht krank. Deshalb ist auch ein Großteil der Schüler froh, dass bald das Abitur wieder nach 13 Jahren (G-9) abzulegen ist.

Tägliche Herausforderungen

Die große Aufgabe von Schule, alle unterschiedlichen Bedürfnisse zu erkennen und entsprechend zu agieren, ist kaum zu bewältigen. So sieht sich Simon Thiering, Lehrer für Erdkunde und Sport, auch täglich am meisten herausgefordert, „jedem Schüler gleich gerecht zu werden“. Dies liege vor allem an den vielen nebenunterrichtlichen Themen, die zu bearbeiten seien. Doch andererseits ist er sich „absolut sicher, dass sich die allermeisten Schüler am WGM sehr wohlfühlen“. Ines Heidemann, Lehrerin für die Fächer Politik-Wirtschaft und Deutsch, pflichtet ihm bei und wünscht sich „mehr Zeit für die Schüler“, gerade weil sich Schüler „besonders dann wohlfühlen, wenn sie das Gefühl haben, ernstgenommen zu werden und Probleme im Vertrauen besprechen zu können“.

(Weiterlesen: WGM – eine Schule zwischen Tradition und Moderne)

Gesa Schubert, Lehrerin für Deutsch, Evangelische Religion und Darstellendes Spiel, wünscht den Schülern von heute wieder mehr „Zeit und Muße“. Die Qualität sei auch in dem intensiven eigenen Zugang, den Schüler zu einem Thema entwickeln können, zu sehen, was die Quantität von Angeboten aus ihrer Sicht verhindere, weil „Freiräume, Spielräume fehlen“. Die Bildungspolitik hat ihrer Meinung nach „einen gewissen Anteil daran, dass ihr Leben arm an solchen Erfahrungen ist“. Gerade deshalb sei auch ein Umfeld wichtig, durch das sie sich definieren können.

Freundlicher Umgangston

Trotz all dieser Beanspruchungen – sowohl auf Lehrer- als auch auf Schülerseite – stellt ihre Kollegin Maria Köhler, Lehrerin für Latein und Katholische Religion, den „ausgesprochen freundlichen Umgangston“ am WGM heraus. Der Umgang der Kollegen untereinander und auch das Miteinander zwischen Lehrern und Schülern sei von Hilfsbereitschaft und Kollegialität gekennzeichnet. Das sei nicht selbstverständlich. Die Schule habe „das gewisse Etwas, diesen einen Tick mehr“.

Dass dieser Gemeinschaftssinn einen außerordentlichen Stellenwert innehat, wird auch im Leitbild der Schule deutlich. Da wird „Gemeinschaft“ flankiert von „Wissen“ und „Mündigkeit“, quasi als Mittelpunkt und Kern der übergeordneten Ziele im Schulprogramm.

So beurteilt auch Ines Heidemann das Miteinander am WGM als „offen, streitbar und vielfältig“. Gerade diese Offenheit gegenüber anderen Menschen und anderen Positionen bewertet sie als besonderes Merkmal am WGM: „Mir fällt immer wieder positiv auf, dass Schüler sich für Schwächere einsetzen und in Diskussionen kontroverse Meinungen vertreten, aber auch bereit sind, andere Perspektiven einzunehmen und damit Andersdenkenden gegenüber offen sind.“ Für die Pädagogin „eine beruhigende Perspektive für die Zukunft von Demokratie“. Und diese Einschätzung wäre vermutlich ganz in Ludwig Windthorsts Sinne – der kleine, „große“ Mann, der durch sein geradliniges Eintreten für Minderheiten und seinen Kampf für christliche Grundwerte in Erinnerung geblieben ist.

Tod von Hermann Otten

Denkt Carina Bölscher an ihre Schule, treibt sie ein ganz anderes Thema um, das viele noch immer berührt: „Ich vermisse Herrn Otten.“ Der langjährige Schulassistent Hermann Otten verstarb 2017 plötzlich und unerwartet. Für alle ein Schock. Besonders die Schüler verliehen ihrer Trauer Ausdruck, indem sie auf kreative Art Abschiedsbriefe schrieben und Bilder malten. Und auch heute noch wird im Alltag immer wieder deutlich, wie sehr Hermann Otten fehlt. Für viele war er die „Seele des Hauses“. Auch solche Erlebnisse verändern und stärken, wenn auch auf traurige Weise, das Gemeinschaftsgefühl.

Zurück zur „cklasse“. Marit Schute, die jüngst Gold und Silber bei den niedersächsischen Leichtathletikmeisterschaften gewonnen hat, wünscht sich von einigen Lehrern „mehr Interesse für die Schüler, zum Beispiel bei sportlichen Aktivitäten“. Marie Schulte möchte mehr Ipads im Unterricht, und Mona Wessels hätte gern noch mehr Smartboards in einzelnen Klassenräumen. Doch alle sind sich einig, dass sie sich keine bessere Schule wünschen könnten.

Was könnte besser geeignet sein als ein Schulfest, dieser Gemeinschaft Ausdruck zu verleihen? Dazu lädt das Windthorst-Gymnasium zu Donnerstag, 28. September 2017, ab 15 Uhr ein.