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375 Jahre Windthorst-Gymnasium Meppen Ludwig Windthorst – ein Vorbild für uns heute?

Von PM. | 12.09.2017, 09:55 Uhr

Erst 1982 ist die Schule, die lange als Kreisgymnasium bezeichnet wurde, in Windthorst-Gymnasium Meppen umbenannt worden. In diesem Rahmen ist die Statue von Ludwig Windthorst endgültig im Vorgarten der ehemaligen Jesuiten-Residenz, dem heutigen Verwaltungstrakt des Windthorst-Gymnasiums, aufgestellt worden.

Schülerinnen und Schüler, aber auch Besucher fragen häufig: „Ludwig Windthorst – wer ist das eigentlich?“ Der eine oder andere weiß noch: „Da war etwas mit Bismarck“, „Er war Katholik, ich glaube vom Zentrum“ oder „Er hatte etwas mit Meppen zu tun.“ Das Leben und Wirken Windthorsts gerät bedauerlicherweise immer mehr in Vergessenheit. Aus den Lehrplänen und Schulbüchern ist der Name Windthorsts, der im 19. Jahrhundert vielen als der „größte Staatsmann des Jahrhunderts“ galt, im Gegensatz zu Bismarck weitgehend verschwunden. Warum lohnen sich aber die Beschäftigung mit Windthorst und das Erinnern an ihn?

Ludwig Windthorst wurde am 17. Januar 1812 auf Gut Caldenhof in Ostercappeln bei Osnabrück geboren. Er war der einzige Sohn der Familie. Zum Leidwesen der Eltern blieb der Junge sehr klein, nur 153 cm groß, körperlich schwach und war extrem kurzsichtig, im Alter nahezu blind. In seiner Kindheit und Jugend wurde er häufig Opfer von Hänseleien und Angriffen. Heute würden wir sagen, dass er „gemobbt“ wurde.

Intellektuell überlegen

Doch von Jugend an war er bemüht, die körperlichen Nachteile durch besondere geistige Leistungen auszugleichen. Nach dem frühen Tod des Vaters besuchte er das Gymnasium Carolinum in Osnabrück. Seinen Mitschülern ist der Klassenprimus intellektuell weit voraus. So wird folgende Anekdote berichtet: „Als einer von ihnen ihn einmal hänselt: ,Knirps! Wenn ich wollte, könnte ich dich in meine Tasche stecken!‘, erhält er prompt zur Antwort: „Du solltest mich besser in deinen Kopf stecken, dann hättest du wenigstens etwas drin!“

Nach Abitur, Jurastudium und Referendardienst ließ er sich in Osnabrück als Rechtsanwalt nieder und machte schnell Karriere. Im Revolutionsjahr 1848 wurde Windthorst mit gerade 36 Jahren Richter am Oberappellationsgericht in Celle, dem höchsten Gerichtshof des Königreichs Hannover. Nach und nach bekleidete er mehrere politische Ämter.

Rhetorisch brillant

Durch seinen Fleiß und sein politisches Talent machte er auf sich aufmerksam und wurde schnell Justizminister. Johann Carl Bertram Stüve, ebenfalls Osnabrücker und ehemaliger liberaler Innenminister der Märzregierung Bennigsen, äußerte sich so über Windthorst: „Ein echter Jesuit [...], schlau, unverschämt, wenn’s sein muß: er wird die übrigen einsacken.“

In der Tat erwies er sich von Beginn seiner juristischen und politischen Tätigkeit als rhetorisch brillant und verstand es geschickt, seine Gegner mit Worten in die Enge zu treiben. Seit 1867 kandidierte er im Wahlkreis Emsland für das preußische Abgeordnetenhaus und für den Reichstag des Norddeutschen Bundes. Mit überwältigender Mehrheit wurde Windthorst über 23 Jahre für beide Parlamente gewählt.

Zentrumspolitiker

Angesichts der politischen Veränderungen seit 1866 wurde Windthorst zu einem entschiedenen Vertreter der Rechte des Parlaments gegenüber der Regierung. Im Dezember 1870 beschlossen katholische Mitglieder des preußischen Abgeordnetenhauses, unter ihnen Windthorst, eine Partei zu gründen, die die Rechte der katholischen Minderheit schützen sollte. Windthorst entwickelte sich rasch zum eigentlichen Haupt der neuen Partei mit dem Namen „Zentrum“. Offiziell nahm er allerdings keine leitende Funktion ein.

Bei den ersten Reichstagswahlen 1871 nach der Gründung des Deutschen Reiches wurde das Zentrum zweitstärkste Partei. Bismarck empfand den politischen Katholizismus vor dem Hintergrund des Kulturkampfes als Bedrohung. Unzählige Rededuelle zwischen den beiden ungleichen Kontrahenten: Auf der einen Seite der große, massige „eiserne Kanzler“, häufig in Uniform, auf der anderen Seite der kleinwüchsige, unerschrockene und selbstbeherrschte Windthorst, der alle Angriffe mit Witz, Schlagfertigkeit und rhetorischem Geschick bewältigte und vielfach als Sieger aus diesen Wortgefechten hervorging. Von seinen Freunden wurde er liebevoll „die kleine Exzellenz“ genannt.

Bescheidenheit und Unbestechlichkeit

Mehr als 2200 Reden – und zwar immer frei – hat Windthorst trotz seines „verzwickten Körpers“ gehalten und keine einzige Parlamentssitzung verpasst. Sein Lebensstil war von Bescheidenheit und Unbestechlichkeit geprägt. Der Kampf gegen die Einschränkung staatsbürgerlicher Rechte sollte allen Bürgern zugutekommen. Stets sprach er sich für den Schutz von Minderheiten und Rechtsstaatlichkeit aus. Gerade seine eigenen Erfahrungen mit Ausgrenzung in der Kindheit und Jugendzeit haben ihn sein Leben lang angetrieben. Windthorst starb am 14. März 1891 in Berlin und wurde am 18. März in der Marienkirche in Hannover beigesetzt.

Warum also lohnen sich die Beschäftigung mit Windthorst und das Erinnern an ihn? Die Art und Weise, wie Windthorst seine schwierige Kindheit und Jugend gemeistert und niemals aufgegeben hat, kann nicht nur für Schülerinnen und Schüler in Krisensituationen eine Ermutigung und ein Ansporn sein. Windthorsts Eintreten für Rechtsstaatlichkeit, für die Achtung von Andersdenkenden und für den Schutz von Minderheiten sollte im Einsatz für eine wehrhafte Demokratie und gegen Rechtspopulismus ebenso Vorbild sein wie seine Prinzipientreue, seine Unbestechlichkeit und der Verzicht auf Polemik gegenüber dem politischen Gegner.

Wissen, Gemeinschaft und Mündigkeit

Diese Herausforderungen und Verpflichtungen, vor die uns Windthorst stellt, finden sich auch im Bildungsauftrag der Schule im niedersächsischen Schulgesetz (§ 2), in den Kerncurricula aller Fächer und im Leitbild des Windthorst-Gymnasiums – Wissen, Gemeinschaft und Mündigkeit – wieder. Unsere Aufgabe als Lehrerinnen und Lehrer besteht darin, unsere Schülerinnen und Schüler zu Persönlichkeiten zu erziehen, die sozial kompetent sind, Empathie zeigen können, die Dinge kritisch hinterfragen, ihr eigenes, reflektiertes Urteil fällen, somit Verantwortung in unserer Gesellschaft übernehmen und den Mut haben, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen. Daher gibt es kaum einen besseren Namenspatron für eine Schule.