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Eine 18-Jährige wird Bestatterin Ein Beruf voller Würde

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Meppen. Die Vielseitigkeit des Berufes hat sie gereizt. Mal ist sie im Büro, mal unterwegs. Mal ist wenig zu tun, mal weiß sie nicht, wann sie am nächsten Tag nach Hause kommt. Lena Loddeweg ist 18 und hat gerade ihre Ausbildung begonnen. Sie wird Bestatterin.

Während ihre Altersgenossen hinter einem Bankschalter stehen oder studieren gehen, organisiert sie Beerdigungen und begleitet trauernde Angehörige. Was bringt ein junges Mädchen zu so einer Entscheidung? Lässt der Tod sie kalt?

„Viele sagen, ich müsse kalt sein, aber das bin ich eben nicht.“ Ursprünglich wollte sie nämlich wie ihre Mutter Altenpflegerin werden. Aber das könne sie einfach nicht. „Ich wollte wissen, wie das ist, mit Verstorbenen zu arbeiten und ob ich das ertragen kann“, benennt Lena ihre erste Motivation. Mit 16 machte sie in den Ferien ein Praktikum im Bestattungshaus Efken in Meppen. In jener Woche erlebte sie viel, fuhr unter anderem ins Osnabrücker Krematorium. Nach Abschluss der Kaufmännischen Berufsfachschule in Nordhorn entschied sie sich für ein zehnmonatiges Praktikum, wieder bei Efken. Nach fünf Monaten bekam sie dann das Angebot, ihre Ausbildung zur Bestattungsfachkraft dort zu machen. Anfang August hat sie diese nun begonnen.

„Wir wussten schon immer, dass du irgendwie anders bist“, hätten einige ihrer Freunde anfangs gesagt und eher auf der „coolen Schiene“ reagiert. Den Wunsch haben sie erst nicht ganz ernst genommen. Mittlerweile hätten die meisten jedoch Respekt vor ihrer Entscheidung.

Wenn Lena nicht gerade in Springe bei Hannover auf die Berufsschule für Bestatter geht, nimmt sie am Arbeitsalltag des Bestattungshauses teil. Einen Großteil davon verbringt ein Bestatter am Schreibtisch. Mit Formalitäten wie Abmeldungen, mit Telefonaten, mit Zeitungsanzeigen, Abschiedsmappen.

Wenn die Angehörigen zum ersten Mal anrufen, ist es Lenas Aufgabe, sie zu beschäftigen. Sie bittet sie, das Stammbuch herauszusuchen und angemessene Kleidung zurechtzulegen. Es geht darum, sie vom Tod abzulenken.

Für die Verstorbenen

Dann müssen die Verstorbenen abgeholt und versorgt werden. Zusammen mit ihren Kollegen wäscht, kleidet und frisiert Lena sie. Das Wichtigste dabei: sich Zeit nehmen. Mithilfe eines aktuellen Fotos versuchen sie, den Verstorbenen so natürlich wie möglich aussehen zu lassen. Dafür gibt es sogar Lehrgänge beim Friseur. „Ich möchte für mich erreichen, dass die Angehörigen sagen ‚Das haben Sie gut gemacht, und es war ein schöner Abschied‘“, sagt Lena. „Ich mache es nicht für mich, sondern für die Verstorbenen und die Angehörigen.“ Gerade die Abwechslung gefällt der 18-Jährigen. „Ich stehe morgens auf und weiß nicht, wie der Tag sein wird.“ Bereitschaftsdienst am Wochenende, Polizeianrufe, Ungewissheit – all das findet sie „total spannend. Es ist ein würdevoller Job, den ich gerne mache.“ Natürlich gibt es auch dunkle Seiten. „Am schlimmsten ist es, wenn Kinder sterben.“ Dann habe sie jedes Mal eine Gänsehaut. Bedenken hat sie auch vor der ersten Bahnleiche. „Das soll das Schrecklichste sein.“ Nichts davon könnte sie aber zum Aufhören bewegen. „Jeder schwere Moment hat mich eher darin gestärkt, dass ich den Beruf auf jeden Fall machen möchte.“

Das Bedürfnis über ihre Erlebnisse zu reden, habe sie nicht. „Ich kann Berufliches und Privates sehr gut trennen. Abends denke ich nicht mehr über den Tag nach.“ Das sei ein großer Vorteil. Trotzdem hat der neue Beruf auch ihr privates Leben beeinflusst. „Ich lebe bewusster als vorher, nutze meine Freizeit besser und fahre wieder öfter zu meiner Oma.“ Auch hat sie jetzt selbst weniger Angst vor dem Tod. „Wenn ich sehe, wie sich alle Angehörigen um einen kümmern, habe ich keine Angst mehr.“

„Der Tod und das Sterben sind keine Tabuthemen mehr“, begründet Irmgard Efken die steigende Zahl Jugendlicher, die ein Praktikum in einem Bestattungshaus machen wollen. Eigentlich nehme das Bestattungshaus Efken nur ältere Auszubildende. Denn es gehöre einiges dazu, diesen Beruf auszuüben, vor allem eine gewisse Reife. „Lena ist aber sehr reif für ihr Alter. Wir waren uns sicher, dass sie es schafft.“ Es müsse unbedingt unterschieden werden zwischen Mitgefühl und Mitleid, betont Efken. Die Trauer müsse nachvollzogen, aber nicht geteilt werden. Lena sieht es ähnlich. „Wir wollen die Angehörigen unterstützen, aber nicht mit ihnen trauern.“ Deshalb kleidet sich im Bestattungshaus Efken auch keiner ganz in Schwarz. So entstehe ein lockerer Umgang, der bei den Betroffenen gut ankomme. Auch sonst läuft hier vieles ab wie in einem normalen Betrieb. „Wir lachen auch mal“, betont die 18-Jährige.

Irgendwann möchte sie sich gerne selbstständig machen. Jetzt aber freut sie sich erst mal auf ihr zweites Lehrjahr. Im Ausbildungszentrum Münnerstadt wird sie dann etwa lernen, mit einem Bagger ein Grab auszuheben.


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