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Diskussion über DDR an Marienhaus-Schule Kindergarten mit schwarzer Pädagogik

Von Tim Gallandi

Über die Wende in der DDR 1989/90 diskutierte Uwe Dähn (2. von links) mit Schülern der Meppener Marienhaus-Schule. Ferner abgebildet (von links): Lehrer Dr. Friedhelm Wolski-Prenger sowie die Schülerinnen Saskia Wilmes und Katharina Hüer.Foto: Tim GallandiÜber die Wende in der DDR 1989/90 diskutierte Uwe Dähn (2. von links) mit Schülern der Meppener Marienhaus-Schule. Ferner abgebildet (von links): Lehrer Dr. Friedhelm Wolski-Prenger sowie die Schülerinnen Saskia Wilmes und Katharina Hüer.Foto: Tim Gallandi

Meppen. Von seinen Erfahrungen in der illegalen Oppositionsbewegung im real existierenden Sozialismus hat Uwe Dähn gestern an der Marienhaus-Schule in Meppen erzählt. Bei einer Podiumsdiskussion in der Reihe „Zehn Jahre Schulstiftung“ ging der Friedensaktivist, der ab Herbst 1989 dem Neuen Forum angehörte, auf jene Faktoren ein, die zum Mauerfall und später zur deutschen Einheit führten.

Das Jahr 1968 hat nicht nur in der westlichen Welt für Aufruhr und Aufbruch gleichermaßen gesorgt und einer ganzen Generation ihren Namen gegeben. In der damaligen DDR wurden die Ereignisse jener Zeit ebenfalls zur Erweckung besonders für junge Menschen.

So auch für Uwe Dähn: „Im Westen waren es Paris oder Berlin, im Osten Prag.“ Der Versuch der CSSR, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu verwirklichen und darin Meinungsfreiheit zu ermöglichen, machte ihm Hoffnung. Nach wenigen Monaten wurde der Prager Frühling gewaltsam beendet – durch Panzer, die auch aus dem Bruderstaat DDR einrollten. „Das war ein einschneidendes Erlebnis“, sagt Dähn heute. „Da hat man gesehen: Mit diesem Staat stimmt etwas nicht.“

Denn es war nicht nur die fehlende Redefreiheit, die ihn störte, sondern auch „das permanente Nörgeln“, die ständige Bevormundung seitens des SED-Regimes. Nicht zuletzt mischte sich der Staatsapparat massiv in den Werdegang seiner Bürger ein, etwa im Versuch, deren Berufswahl zu lenken: „Man konnte nicht frei über sein Leben entscheiden.“

Dähn, geboren 1950, arbeitete bereits in den 70er-Jahren in oppositionellen Zirkeln, die etwa nach SED-Auffassung missliebige Schriften verbreiteten. Später war er im Pankower Friedenskreis tätig, dem ostdeutschen Pendant zur Friedensbewegung in der Bundesrepublik.

Die rund 200 Schüler der Marienhaus-Schule interessierte vor allem, wie Dähns Eltern, die beide der SED angehörten, auf die Haltung ihres Sohnes reagiert haben, der sich erfolgreich gegen eine Vereinnahmung durch das Regime sträubte. „Ich habe Glück gehabt, dass sie nicht gegen mich gearbeitet haben“, sagte der spätere Geschäftsführer von Bündnis 90 und verwies auf Fälle, in denen Oppositionelle von Ehepartnern oder anderen Familienmitgliedern bespitzelt wurden. „Man wusste nie ganz sicher, wem man vertrauen konnte.“

Zur Frage nach dem Ausmaß staatlicher Repression antwortete Dähn: „Die DDR war wie ein Kindergarten mit schwarzer Pädagogik.“ Wer nicht gespurt habe, sei – im übertragenen Sinn – „in die Ecke gestellt worden“. Dennoch sei er nicht geflohen, auch aus Rücksicht auf seine Eltern. Das Wolf-Biermann-Zitat „Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier“ umschreibe sein damaliges Gewissen treffend.

Den Mauerfall beschrieb Dähn mit dem wohl meistzitierten Wort jenes 9. November 1989: „Wahnsinn!“ Damit habe „keiner so schnell gerechnet“. Aus seiner Miene sprach die Begeisterung über die Wende in der DDR, die es ihm bald darauf ermöglichte, erstmals in seinem Leben frei zu wählen – „mit 39 Jahren“.