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Meppener entdecken auf USA-Reise zufällig Meppen in Illinois Kleiner Punkt auf der Landkarte sorgt für Staunen



Meppen/Meppen-Illinois. Christa-Maria Pfanzler und ihr Mann Henry Jung waren auf einer ganz normalen USA-Rundreise entlang des Mississippi. Als die beiden Meppener dort eine Tagestour von St. Louis planten, fiel ihr Blick auf einen kleinen Punkt auf der Landkarte auf einer Halbinsel zwischen dem Fluss und dem Illinois River. Die Emsländer staunten nicht schlecht: Meppen stand da.

Ein Ort gleichen Namens der deutschen Kreisstadt? Das konnten die beiden zuerst nicht glauben. Sie wollten es genau wissen, brachen zur Suche durch die landwirtschaftlich geprägte Hügellandschaft auf. Eine Stunde lang ging es vorbei an sehr gepflegt wirkenden Farmen inmitten großer Mais- und Sojafeldern nach Brussels. In der Kirche dort fanden die Deutschen einen ersten Hinweis auf das amerikanische Meppen: ein Altartuch. Auf dem blaugrundigen Wimpel mit Kreuz in der Mitte stand: „Blessed Trinity – Brussels – Meppen – Batchtown – Parish“.

Brussels, Meppen und ein weiterer Nachbarort bilden eine Pfarrgemeinschaft. Gegenüber der dortigen Kirche steht eine kleine Hütte, „Brussels Jail“, das Ortsgefängnis. Ob hier wohl auch mal ein deutscher Meppener saß, dachten die Urlauber im Vorbeifahren. Direkt daneben im General Store kamen sie beim Kauf eines Lottoscheins mit der Besitzerin ins Gespräch, erzählten von ihrer Suche. Die Inhaberin stellte sich als Sarah Pluestert vor, Nachfahrin einer der ersten Siedler in diesem Ort. Treffer. „Sie freute sich über unser Interesse und erzählte, dass sie sogar vor einigen Jahren in Meppen im Emsland gewesen ist“, berichtet Christa-Maria Pfanzler.

Der Amerikanerin habe es in der deutschen Kreisstadt sehr gut gefallen. In bester Erinnerung sei ihr der Aufenthalt in einem Hotel am Markt. Gewundert habe sich Sarah nur, dass der Bahnhof völlig unamerikanisch nicht mitten im Ort gewesen ist. „Das hat sie und ihre Schwester, die sie begleitete, zuerst mehr als irritiert“, sagt Pfanzler. „Das soll die Kreisstadt sein“, hätten sich die beiden Amerikanerinnen gefragt, als sie vor dem Bahnhof standen.

Pluestert war durch einen Studienaufenthalt ihrer Tochter in Paris auf die Idee der Europareise gekommen. Sie forschte während ihres Trips nach deutschen Vorfahren und besuchte unter anderem entfernte Verwandte in Börger. Dabei hörten sie auch vom deutschen Meppen, berichtete sie den deutschen Urlaubern. Sie erfuhren, dass Mitte des19. Jahrhunderts Bauern vornehmlich aus Börger in die USA auswanderten, sich auf der fruchtbaren Halbinsel niederließen und Farmen gründeten. Es entstand Meppen/Illinois.

Jetzt wollten Christa-Maria Pflanzler und Henry Jung erst recht mehr über das kleine Örtchen mit dem so vertrauten Namen erfahren. Von Brussels (durch einen belgischen Pater gegründet) waren es nur noch wenige Kilometer bis Meppen. Dort sollten die zwei, so ein Tipp von Sarah, unbedingt die Meppen Tavern besuchen.

Nach wenigen Minuten Fahrt über kleine Landstraßen inmitten der Felder standen die Deutschen plötzlich vor dem Schild „Meppen Lane“. Dahinter tauchten Kirche und Friedhof auf. „Es sah alles irgendwie ähnlich wie bei uns aus. Wir glaubten für einen Moment, wieder im Emsland zu sein“, berichtet die 56-jährige Lehrerin nach der Rückkehr aus den USA.

Ihr Mann und sie machten halt am Friedhof. Wie vertraut die auf den Grabsteinen zu lesenden Namen waren: Hillen, Geers, Klaas und Kronable stand da in Stein gemeißelt. Namen, die man aus dem Emsland kennt.

Plötzlich hielt ein Auto. Der Friedhofsgärtner, der sich wunderte, dass da Fremde zwischen den Grabsteinen spazierten. Es stellte sich heraus, dass er gebürtiger US-Meppener ist und eine Farm wenige Kilometer entfernt betreibt. Der Mann unterhielt sich mit den Landsleuten. Schade fänd er es, dass der kleine Ort, in dem er lebt, immer kleiner wird, eigentlich nur noch aus einer Straße mit sehr gepflegten Holzhäusern besteht. Die meisten Einwohner betreiben entweder im Umfeld Farmen oder arbeiten in den umliegenden Kleinstädten.

Kirche und Tavern allerdings sind immer noch ein Bindeglied. Wieder diese Meppen Tavern, dachten Pfanzler und Jung. Dort mussten sie unbedingt hin. Die Kneipe steht mittlerweile ganz allein in den Feldern. Das gegenüberliegende ehemalige Postamt ist fast zerfallen, nachdem der Ort in den 1960er-Jahren verwaltungsmäßig mit Brussels zusammengelegt wurde.

Aber Leben gibt es dort – ab mittags um eins vor der Tavern. Die Szenerie erinnerte an den Wilden Westen. Ein Querbalken unter dem Vordach, an dem man auch Pferde anleinen könnte, diente als Tisch für die Biere. Die Gäste wie auch der Wirt kamen allerdings zeitgemäß in ihren Pick-ups, den typisch amerikanischen offenen Klein-Lieferwagen. Lässig an die Balken des kleinen Hauses gelehnt, tauschten sie Neuigkeiten bei einem Bier aus.

„Wir waren sofort mitten im Geschehen. Immer wieder wollten die Leute vor der Tavern etwas über unser Meppen wissen, fragten, ob es ihre Namen im Emsland noch gibt“, schmunzelt Pfanzler. Gerne erzählten sie und ihr Mann von „ihrem“ Meppen. Viele interessante Gespräche entwickelten sich.

Und die deutschen Meppener erfuhren mehr über das amerikanische Pendant, über die Gegend drum herum. Alle gehen auf die Jagd in den Wäldern der Umgebung. Rehwild wird vorzugsweise erlegt, weil es überhand nimmt. Aber auch wild lebende Truthähne sind beliebtes Jagdziel. Nicht gejagt werden dagegen Kojoten. Sie kommen ebenso nicht selten vor wie Klapperschlangen, die sich im Unterholz verstecken.

Der Wildreichtum führte auch den Gründer der Anheuser-Busch-Brauerei in St. Louis, der weltgrößten Brauerei, gern regelmäßig nach Meppen zum Jagen. Abends kehrte er dann in der Tavern ein, um mit den Farmern zu pokern und zu klönen. Er genießt bei allen im Ort noch heute hohes Ansehen.

Deutsch, das bis 1918 gängige Sprache des Dörfchens und der Kirche war, spricht heute niemand mehr von den Einwohnern. Das hätten nur noch ihre Großeltern beherrscht, erzählten sie. „Den Ortsnamen sprechen sie allerdings deutlicher aus als die Emsländer Meppener üblicherweise“, wunderten sich Pfanzler und Jung.

Beide sind immer noch angetan von den Begegnungen im amerikanischen Meppen. Es seien offene Menschen, die sehr viel heimatverbundener lebten als viele andere Amerikaner. Auch nach 150 Jahren in der neuen Heimat hätten sie viele Traditionen und Lebensweisen bewahrt, die ihre Vorfahren mitbrachten.

Am späten Nachmittag fuhren die Emsländer zurück in die GroßstadtSt. Louis, deren Wahrzeichen der große Titan-Bogen ist, das sogenannte Tor zum Westen. Da waren sie wieder – mitten in einem neuen pulsierenden Leben.

Ein neues Leben war es auch für die Emsländer vor 150 Jahren und, wie es den Meppener Touristen schien, ein „nicht immer einfaches, aber insgesamt zufriedenes neues Leben“. Dieses hätten sich die Nachfahren der Auswanderer bewahrt. „Der Zusammenhalt ist groß. Die Leute sind füreinander da, klönen viel miteinander. Wenn man in ihrer Mitte ist, fühlt man sich ein bisschen wie daheim, wie im deutschen Meppen“, sind Pfanzler und Jung immer noch begeistert. Sie wollen wieder kommen – von Meppen im Emsland nach Meppen in Illinois.


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