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Selbstversuch in Meppen Auftanken, abschalten, loslassen – Yoga ist wie ein gemeinsamer Spaziergang von Körper und Geist

Von Carola Alge


Meppen. „Machst du jetzt auf esoterisch?“ „Na dann hinterher viel Spaß beim Auflösen der Knoten.“ Jede Menge Sprüche prasseln mir im Bekanntenkreis entgegen, als ich davon erzähle, dienstlich einen Yogakurs zu besuchen. Ich find’s aber irgendwie spannend, was mich da erwartet, gehe ohne Vorurteile in das Yoga-Studio von Sylvia Abon.

Es ist kurz nach 8 Uhr. Die ersten Sonnenstrahlen durchfluten die Räume an der Arnold-Blanke-Straße in Meppen. Neben einer großen Buddhafigur geben große Fenster den Blick frei auf den Dortmund-Ems-Kanal. Ein paar Kerzen und Lampen werfen wohliges Licht auf die am Boden liegenden lila- und pinkfarbenen Matten. Neun Frauen verteilen sich darauf, legen sich unter wärmende Decken. Ihre Schulterblätter berühren ganz leicht den Boden bzw. wie es beim Yoga heißt die Erde. Ruhig spricht Sylvia Abon auf die Frauen ein, während im Hintergrund leise dezente Musik läuft: „Du besinnst dich auf deine innere Welt. Spüre deine Körperteile. Deine Augen sind sanft geschlossen. Alle Anspannungen fallen in die Erde. Gedanken ziehen an dir wie Wolken vorüber.“

Ankommen im Hier, im Raum, den Alltag draußen lassen, nennt die Yogatrainerin diese Phase der Entspannung. „Namaste, guten Morgen“, begrüßt sie ihre Schülerinnen, die sich nach fünf Minuten der Ruhe mit langsamen Bewegungen aufrichten, gerade auf ihre Kissen setzen. Ein monotones „Omm“ erfüllt den Raum, sendet Schwingungen aus, die auch bei mir ankommen.

Lotus-Sitz

„Omm“ (abgeleitet von „Aum, dem Urklang) und die Buddha-ähnliche Lotus-Sitzhaltung der Frauen, ja, das kommt mir bekannt vor. Das verbinde ich mit Yoga. Dabei ist Yoga so viel mehr. Wie viel mehr, entdeckte Sylvia Abon 1987. Damals kam die Flugbegleiterin in New York zum ersten Mal in Kontakt mit Yoga. Dort hatte sie mehrere Tage Aufenthalt. „Das ist doch ein prima Fitnesstraining, das ich überall auf der Welt ausüben kann“, fand sie damals. Schon bald hatte sie die Vielfalt, die Yoga bietet, in den Bann gezogen. „Ich hab mich immer mehr dafür begeistert. Yoga wurde schließlich zu einem festen Bestandteil in meinem Leben“, sagt die heute 46-Jährige.

Mehr noch. Sie absolvierte eine Ausbildung bei Yoga Vidya. In dieser Zeit setzte bei ihr der „Aha-Effekt“ ein. Sie verstand immer besser, wie dieses uralte indische Übungssystem funktioniert, fühlte sich „wie neu geboren“. Seit 2009 ist die Meppenerin ausgebildete Yoga-Lehrerin, unterrichtet die klassischen Hatha-Übungen nach der Tradition von Swami Sivananda. Sie dienen dazu, während der Haltungen, Atemübungen und Übungsfolgen die eigene Verfassung zu beobachten und zu kontrollieren.

Jeder so, wie er mag und wie er kann. Nach diesem Prinzip kommen hier die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Die einen hatten einen anstrengenden Tag, möchten lieber sanft üben, ein anderer möchte die Welt auf den Kopf stellen, sich etwas mehr herausfordern. Ob Angestellte, Mediziner, Hausfrau, Businessfrau, die Kursteilnehmer kommen aus allen Bereichen, sind zwischen 15 und 70 Jahren alt. Und lernen alle vor allem eins: die Entspannung in der Anspannung finden.

Asanas heißen die Körperübungen dazu. „Adler“, „Krähe“ und ähnlich heißen sie, haben ihre Namen alle aus dem Naturbereich, denn Yoga bedeutet: Wir sind eins mit der Natur. Die Sonnengrüße vermitteln das optisch besonders deutlich. Wie ein Lot stehen die Frauen vor ihren Matten. „Nehmt euch wahr als Verbindung zwischen Erde und Himmel“, ermuntert Abon sie.

Namen aus der Natur

Das sieht alles noch vergleichsweise einfach aus, denke ich, werde aber schon bei der nächsten Übung eines Besseren belehrt. Brückenbau ist angesagt. Dazu verbiegen sich die rückwärts zur Matte geneigten Körper, werden nur von Händen und Füßen gestützt. Einige Frauen schaffen die Brücke prima. Andere „Bauwerke“ stürzen ein, wieder andere muss Sylvia Abon stützen.

Mit jedem ist sie zufrieden. Und jeder scheint mit sich zufrieden. „Es ist wie alles beim Yoga, für niemanden ist etwa ein Muss, sondern für jeden ein Kann.“ Das gilt vor allem beim Sirsasana, dem Kopfstand. Ein Drittel der Frauen schafft ihn an diesem Morgen, ein paar machen stattdessen den Schulterstand, wieder andere die Hundefigur.

Ruth Hessel hat den Kopfstand geschafft. Sie ist erst seit vier Wochen in der Gruppe, sieht Yoga als Entspannung und Ausgleich. Die42-jährige Lehrerin schmunzelt. „Es ist auch ein bisschen Jungbrunnen. Kopfstände hat man doch als Kind viele gemacht. Diese Fähigkeit entdeckt man jetzt wieder – wie viele andere Sachen.“ „Yoga, das ist wie Körper-scannen. Man beobachtet sich besser, nimmt sich bewusster wahr“, sagt eine 45-Jährige. Die Hausfrau aus Meppen fühlt sich nach dem eineinhalbstündigen Kurs „voller Power“. Yoga, das ist für sie und die anderen keine Religion, nicht nur ein Trend, sondern eine Lebensphilosophie, die hilft, wesentliche Dinge auf unserem Lebensweg mit zu gestalten, ihn bewusster und achtsamer zu gehen. „Oder zu fahren“, lacht eine Kommunikations- und Medienberaterin. Wenn sie zu ihrer wöchentlichen Yogastunde hierherkommt, sagt sie jedes Mal: „Ich tanke hier jetzt wieder eine Runde Super auf.“

Auftanken, abschalten, loslassen, die Selbstheilungskräfte stärken – Yoga ist wie ein gemeinsamer Spaziergang von Körper und Geist. Es ist eine Lehre ohne jeglichen Leistungsdruck. Man schöpft dabei nicht nur Kraft, baut Muskeln auf, dehnt, streckt, beugt und dreht sich, sondern fördert die Konzentration und seinen Mut. Yoga, das wird in der Runde hier schnell deutlich, ist nicht nur für Junge, Schlanke und Gesunde geeignet. Jeder kann es üben. Die älteren Teilnehmer beeindrucken besonders. Mit Hingabe und Disziplin sind sie regelmäßig dabei, erzählen glücklich, wie wohl sie sich fühlen, weil sich Verspannungen lösen, fühlen sich beweglicher und vitaler.

Seelen baumeln lassen

Das gefällt mir. Während die Frauen zum Schluss des Kurses wieder, auf ihren farbenfrohen Matten liegend, entspannen, sich auf ihre Atmung konzentrieren, die Seelen zu leichter Hintergrundmusik baumeln lassen, denke ich für mich: „Namaste, ich komme bestimmt wieder“ – privat. Ganz egal, welche Sprüche der Freunde mich dabei begleiten.