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Bernhard Grünberg: „Plötzlich war alles ganz anders“

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Im Gespräch mit Schülern berichtete Bernhard Grünberg im Gymnasium Marianum in Meppen von seiner Jugend als Jude im Emsland. Foto: Franziska HolthausIm Gespräch mit Schülern berichtete Bernhard Grünberg im Gymnasium Marianum in Meppen von seiner Jugend als Jude im Emsland. Foto: Franziska Holthaus

„Am schlimmsten war, dass ich niemanden hatte, dem ich mich anvertrauen konnte“, erzählt Bernhard Grünberg. „Ich war noch ein Kind und völlig auf mich allein gestellt.“ Bei seinen Worten hätte man in der Aula des Gymnasiums Marianum in Meppen eine Stecknadel fallen hören können.

Der heute 87-Jährige ist klein und beinahe unscheinbar, seine Hand zittert, wenn er das Wasserglas zum Mund führt. Vor ihm sitzen Schüler aus vier zehnten Klassen und zwei Oberstufenkursen, zwischen ihnen und dem alten Mann liegen Generationen. Vielleicht ist das die Faszination, die von ihm ausgeht: Dass er dort von Dingen erzählt, die er selbst erlebt hat, von schrecklichen Dingen, die seine jungen Zuhörer nur aus den Geschichtsbüchern kennen.

Bernhard Grünberg ist ins Marianum gekommen, um von seiner Kindheit als Jude in Deutschland, genauer in Lingen, und seiner Rettung durch einen Kindertransport nach England zu erzählen. Er tut dies in einer Sprache, die ihm in all den Jahren fremd geworden ist – in Deutsch. „Manchmal fallen mir Wörter nicht mehr ein“, gibt er zu. „Deutsch ist für mich zur Fremdsprache geworden.“ Trotzdem findet er die richtigen Worte, um die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Man sieht es in den Gesichtern der Schüler.

Er berichtet von seiner Kindheit in Lingen, wo er 1923 geboren worden ist, sein Vater ein Viehhändler. In der Grundschule sei er völlig unbehelligt gewesen: „Dort waren wir alle gleich, egal ob Jude oder nicht. Niemand hat einen Unterschied gemacht.“ Dann kommt das Jahr 1933 und Hitler an die Macht. „Plötzlich wurde alles anders“, erinnert er sich. Als er von den Diskriminierungen durch seine Mitschüler auf dem Pausenhof erzählt, bricht seine Stimme – noch heute. Sein Appell ist umso eindringlicher: „Geht dazwischen, wenn ihr seht, das jemand ungerecht behandelt wird!“

Mit 15 Jahren ist er in Berlin, als die ersten Kindertransporte angekündigt werden. Insgesamt retten diese Züge nach England zwischen November 1938 und September 1939 beinahe 10000 jüdische Kinder. Einer von ihnen ist Bernhard Grünberg. Vor der Abreise kann er sich in Lingen von seiner Mutter verabschieden. Der Vater ist zu diesem Zeitpunkt bereits in „Schutzhaft“ im KZ Buchenwald. Er kommt jedoch rechtzeitig zurück und begleitet seinen Sohn auf den letzten Kilometern zur holländischen Grenze im Zug. Grünberg sieht weder seine Eltern noch seine Schwester jemals wieder.

In England angekommen, ist Grünberg allein in einem fremden Land mit fremder Sprache. Er bekommt eine Stelle auf einem Hof, wo er Kühe melkt – etwas, das er von zu Hause kennt. „Es war ein gutes Gefühl, eigenes Geld zu verdienen“, sagt er heute. „Aber ich war so jung und viele Jahre lang sehr allein.“ Seine Geschichte Schülern zu erzählen findet er wichtig. In England, wo er bis heute lebt, ist er viel an Schulen unterwegs, und mindestens einmal im Jahr kommt er nach Lingen, wo er Ehrenbürger ist – so wird er am kommenden Samstag in dieser Funktion auch an der offiziellen Verabschiedung des ehemaligen Oberbürgermeisters Heiner Pott teilnehmen.


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