Importierte Gefahrenquelle Auch im Emsland im Anflug? Suche nach der Tigermücke

Eine Asiatische Tigermücke bei einer Blutmahlzeit.Eine Asiatische Tigermücke bei einer Blutmahlzeit.
dpa/James Gathany/CDC/Centers for Disease Control and Prevention

Meppen. Die Asiatische Tigermücke kann exotische Krankheiten übertragen. Sie breitet sich in Deutschland aus, aber summt sie auch schon durchs Emsland? Und wie gefährlich ist sie wirklich?

In Deutschland leben 52 Mückenarten – die meisten von ihnen nerven, sind aber harmlos. Bei einigen bisher hierzulande unbekannten Neuankömmlingen wie der Asiatischen Tigermücke kann das perspektivisch aber einmal anders aussehen. Im Emsland waren Forscher jetzt auf der Suche nach dem Blutsauger.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Sie waren auf der Suche nach Mücken aller Art. Denn im Naturpark Moor läuft seit mehreren Jahren eine umfangreiche Erfassung von Flora und Fauna, die umfangreichste überhaupt bisher. Ein 30-köpfiges Expertenteam rund um Koordinator Johannes Weise vom Emsland Moormuseum in Geeste ist seit 2018 im Naturpark unterwegs, schaut unter jedes Blatt, dreht jeden Stein um und fängt unter anderem eben auch Mücken.

Umfangreiche Erfassung

Drei sogenannte CO2-Saugfallen hatten die Forschenden 2020 in den Naturschutzgebieten Wesuweer Moor, Dalum-Wietmarscher Moor und Meerkolk über einige Monate betrieben. Sie lockten durch Duftstoffe und CO2 weibliche Mücken auf der Suche nach einem Blutwirt an und die landeten dann in einer konservierenden Alkohollösung. In diesem Jahr dann haben Forschende sie gezielt untersucht und feststgestellt, welche Mücken denn so durch das Emsland fliegen.

Patrick Pleul
Doreen Werner, Biologin vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF).

Forscherinnen wie Doreen Werner. Die Mückenexpertin vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) ist eine viel gefragte Frau, wenn die Flugsaison der kleinen Quälgeister begonnen hat. Denn sie ist auch für den Mückenatlas verantwortlich, ein bundesweites „Citizen Science“-Projekt, also Wissenschaft, an der sich Laien beteiligen. Im Zuge dieses Projektes hatte sie 2013 im Moormuseum einen Vortrag gehalten. Dazu später mehr.

Dengue-Fieber und Co.

Für das Moormuseum haben Werner und ihre Kolleginnen und Kollegen nun auch die Auswertung der drei Mückenfallen aus den emsländischen Mooren übernommen. Mücke für Mücke haben sie am ZALF-Sitz im brandenburgischen Müncheberg untersucht – teils unter dem Mikroskop.

Tobias Böckermann
Eine mit CO2 betriebene Mückenfalle war 2013 bereits im Moormuseum im Einsatz.

Wichtigstes Ergebnis: „Keine Tigermücke dabei“, sagt Doreen Werner am Telefon. „Überhaupt keine invasiven Mückenarten. Dafür aber schöne moortypische, die wir uns erhofft oder auch erwartet hatten in dem Lebensraum.“ Eine genaue Auswertung folgt, denn Mücken sind als Indikator für die Qualität eines Lebensraums geeignet, ihre Artenvielfalt ist deshalb von Interesse.

Also keine Gefahr durch invasive Arten? Zunächst: Als invasiv werden Tier- und Pflanzenarten bezeichnet, die ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet verlassen oder versehentlich verschleppt werden, sich dann andernorts ausbreiten und dabei unerwünschte Auswirkungen haben.

So wie eben die Asiatische Tigermücke. Sie stammt aus Südostasien, lebt dort in tropischen Gefilden, ist aber anpassungsfähig. Mit dem globalen Welthandel kam sie nach Europa und hat sich südlich der Alpen bereits etabliert. In Deutschland kommt sie bisher nur sporadisch vor, profitiert aber wohl vom Klimawandel und wird häufiger gesichtet. Dass sie sich stellenweise sauerhaft ansiedeln wird, scheint sicher. Gleiches gilt für weitere summende Exoten wie die Asiatische Buschmücke, die Koreanische Buschmücke oder die Gelbfiebermücke.

Tobias Böckermann
Mücken aus dem Emsland (Archivbild).

Das wäre bis auf die Mückenstiche kein Problem, könnten diese Arten nicht auch bisher in Mitteleuropa weitgehend unbekannte Krankheiten übertragen, etwa Chikungunya, Dengue und Malaria.

"Noch gibt es allerdings hier auch gute Nachrichten", sagt Doreen Werner. Denn so schnell wird aus dem angeblich gefährlichsten Tier der Welt (Bill Gates) hierzulande kein fliegendes Monstertier. Denn „erstmal müssen die exotischen Mückenarten in einer Region ankommen, was im Emsland offenbar nicht der Fall ist", sagt Doreen Werner. "Dann müssen sie sich etablieren, was auch noch nicht der Fall ist.“ Und am Ende müsse eine dieser exotischen Mücken mit einem zum Beispiel am Degue-Fieber infizierten Reiserückkehrer zusammentreffen, um das Virus über dessen Blut aufzunehmen und es dann bei einer nächsten Blutmahlzeit auf einen anderen Menschen zu übertragen.

Viele Unwahrscheinlichkeiten seien das zumindest im Emsland, sagt Werner. Noch.

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Vor einigen Jahren war Dr. Doreen Werner (links) im Moormuseum zu Besuch. Auf dem Bild auch Museumsleiter Dr. Michael Haverkamp und Dr. Silke Hirndorf.

Denn es gebe weder Grund für übertriebene Sorge noch für absolute Entwarnung. Denn auch einheimische Mückenarten könnten exotische Erreger wie das Usutu-, Sindbis- oder Batai-Virus übertragen. Diese verursachen bei Menschen allerdings nur milde Symptome. Das Robert Koch-Institut hat außerdem 2019 erstmals in Deutschland fünf Infektionen mit dem ursprünglich aus Afrika stammenden West-Nil-Virus bei Menschen festgestellt, die auf eine Übertragung durch hier heimische Mücken zurückgingen. Im vergangenen Jahr registrierte das RKI 20 solche Erkrankungen, darunter einen Todesfall.

Mückenatlas

Am Ende kommt deshalb noch einmal der Mückenatlas ins Spiel. Denn für Doreen Werner sind aus den genannten Gründen nicht nur die Vorkommen exotischer Mückenarten wichtig, sondern auch die 52 heimischen. Um deren Verbreitung zu erfassen, gibt es den Mückenatlas. Mehr als 22.000 Teilnehmende haben bisher in ganz Deutschland mehr als 120.000 Stechmücken gefangen und eingesandt – ohne ihre Hilfe wüsste man viel weniger über Deutschlands Mücken.

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Aus ganz Deutschland stammen die Mücken, die über den Mückenatlas auf Doreen Werners Schreibtisch landen.

Wer mitmachen will, sollte Mücken fangen, einen Tag in den Gefrierschrank stellen, um sie abzutöten und dann in einem geeigneten kleinen Gefäß, zum Beispiel einer Streichholzschachtel, einsenden. Dazu gehört ein Meldeformular, das es auf der Seite www.mueckenatlas.de zum Download gibt. Zerquetschte Exemplare sind dabei selbstredend unbrauchbar. 

Gefühlt jede zweite von Laien eingesandte Mücke trage übrigens inzwischen den Hinweis „Tigermücke“, sagt Werner. "Aber keine einzige war bisher tatsächlich eine Asiatische Tigermücke.“ Die wurden zwar auch eingesandt, aber nie im Vorfeld richtig erkannt. "Die Tigermücke ist sehr sehr klein", sagt Werner. Außerdem gebe es auch heimische Arten mit einer geringelten Beinzeichnung, einem der wesentlichsten Tiger-Merkmale. Die Ringelmücke zum Beispiel ähnelt ihr. 


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