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21-Jähriger soll nach Italien Flüchtling aus Meppen-Hemsen plant Klage gegen das Land

Von Carola Alge | 20.01.2016, 17:15 Uhr

Sami Moringa (Nachname von der Redaktion geändert) lebt seit Frühjahr 2015 im Meppener Ortsteil Hemsen. Der 21-jährige Flüchtling fühlt sich dort wohl, ist in Vereinen aktiv, engagiert sich in der Jugendarbeit. Jetzt soll er nach Italien ziehen. Dort hat er seinen ersten Fingerabdruck hinterlassen.

Auch Moringa hat eine mehrmonatige Odyssee hinter sich. Wie viele kam er in einem der zahlreichen Flüchtlingsboote über das Mittelmeer nach Deutschland. Er flüchtete mit Mutter und Schwester aus Eritrea in den Sudan. Die Frauen starben in Libyen. Sein Vater ist Moslem und Offizier. In Treue zu seinem Heimatland trennte sich der Vater von Frau und Kindern und wirkte sogar bei deren Verfolgung mit. Im Sudan sind die humanitären Zustände in den Flüchtlingslagern katastrophal. Die dort lebenden Menschen sind von Hunger geplagt und von Seuchen bedroht. Diese hoffnungslose Situation war für den jungen Mann der Grund zu flüchten. Dorthin, wo er ein menschenwürdiges Leben erwartete, nach Europa.

Voll mit Menschen

Er vertraute sich Bekannten an, die Kontakt zu Schlepper- und Schleuserbanden haben, flüchtete, ständig um sein Leben fürchtend, quer durch Nordafrika, bevor er dann in Libyen ein Schlepperschiff bestieg. „Dieses völlig überladene Schiff war vollgepackt mit Menschen, die nur eines wollten: ohne Angst ein menschenwürdiges Leben führen“, erzählt er. Mehrmals drohte das Schiff zu kentern, bevor es kurz vor Italien in die Obhut der italienischen Küstenwache genommen wurde. Noch auf dem Schiff wurden Personalien und Fingerabdrücke aufgenommen.

Schnell integrieren

Der Sudanese schloss sich dann einem Flüchtlingstreck nach Deutschland an. Viele Hunderte gingen mit ihm diesen Weg. Irgendwann kam Moringa in Deutschland an. Wie lange er bis dahin unterwegs war? Der junge Mann weiß es nicht genau. Er wurde registriert und in ein Grenzdurchgangslager gebracht. Von dort ging es für ihn gemeinsam mit sieben weiteren Männern in die Meppener Nordgemeinden. Dort bewohnt er mit fünf Sudanesen und zwei Männern von der Elfenbeinküste ein Einfamilienhaus. In dem leben derzeit sechs Moslems, ein Jude und er, der Christ.

Hemsener laden ihn oft ein

Moringa wollte sich schnell integrieren, begann zeitnah mit einem Deutschkurs. Er wollte und will die Chance, die Deutschland Flüchtlingen bietet, nutzen. Bei den Nachbarn ist der Sudanese, der in seinem Heimatland um sein Leben fürchten muss und deshalb nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, beliebt. Sie laden ihn oft ein. Einer von ihnen ist der Vorsitzende des SV Hemsen, Klaus Bandowski. Er nimmt Sami als seinen Schützling oft zu sich, erklärt ihm, wie die Menschen hier „ticken“, und motiviert ihn mitzumachen. Mit Erfolg. Sami schießt als Stürmer seine Tore in der 2. Mannschaft des SV Hemsen und hilft in seiner Freizeit anderen Flüchtlingen im Jam-Center. 

Hilfsbereit

Der junge Mann ist als hilfsbereit bekannt. Gemeinsam mit Landsmännern half er vor einiger Zeit einer Radfahrerin aus Borken. Sie war zwischen Meppen und dem Ortsteil unterwegs, als plötzlich die Kette von dem Gefährt sprang. Zahlreiche Passanten sahen die Fahrrad schiebende Frau und ihr Malheur, hielten aber nicht. Anders Moringa und ein paar Freunde. Sofort blieben die Afrikaner stehen, befestigten die Kette wieder an dem Rad. Die Frau fand das „toll und sehr nett“.

Nach dem sogenannten Dublin-Abkommen hätte der 21-Jährige sein Ziel erreicht. In Europa, in Deutschland eine sichere Unterkunft zu finden. Theoretisch. Allerdings hätte er in Italien seinen Asylantrag stellen müssen. Das Asylverfahren ist durchzuführen, wo sich jemand erstmalig hat registrieren lassen. Ein Fingerabdruck ist da ein Indiz der Registrierung.

Nicht am Weiterzug gehindert

Erklärt habe ihm das seinerzeit niemand. Weder auf Englisch noch in irgendeiner anderen Sprache. Und aufgehalten und an einem Weiterzug gehindert worden sei er auch nicht. Vor wenigen Tagen musste Moringa nun im Grenzdurchgangslager Bramsche vorstellig werden. Bereitwillig folgte er dieser Aufforderung. Dort eröffnete man ihm, der sich hier in Deutschland so gut integriert hat, dass er nach Italien zurückmüsse. Dort habe er schließlich vor knapp einem Jahr seinen Fingerabdruck hinterlassen. „Warum hat man mir da nicht gesagt, dass es nicht weitergeht?“, fragt der junge Mann in einer Mischung aus Englisch und Deutsch.

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Für den Flüchtling brach eine Welt zusammen. „Das Verfahren soll jetzt wieder von vorn beginnen, ich muss wieder Freunde verlassen“, sagt er traurig. Hier hätte er eine Ausbildung beginnen und allen zeigen wollen, „dass man mit Geschick, Fleiß und gutem Willen eines Tages ungeachtet der Hautfarbe oder der Religion dazugehören kann“.

Rechtsbeistand

Moringa hat sich einen Rechtsbeistand genommen, überlegt, gegen das Land zu klagen. „Hemsen bzw. Deutschland zu verlassen würde mir unendlich schwerfallen. Ich möchte dem Land, das mich so freundlich aufgenommen hat, etwas von dem zurückgeben, was ich bekommen habe. Ich will hier lernen und arbeiten und will anderen Flüchtlingen helfen, sich hier zu integrieren.“ Alle seien so freundlich. Er habe viele wirklich gute Freunde gefunden. Auch nach den Vorkommnissen in der Silvesternacht in Köln begegneten ihm die Menschen hier nicht anders. „Über Köln reden wir fast jeden Tag. Ich versuche, immer klarzumachen, dass ich nicht so bin, dass ich friedliche Absichten habe.“