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Warum Gesina Brink ihren Kopf verlor

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Der 10. April 1807 sollte kein Tag wie jeder andere werden! Etwas Außergewöhnliches, etwas Außerordentliches, etwas Unglaubliches würde geschehen - darüber waren sich die Jungen und Mädchen der kleinen Versener Schule im Klaren, als sie in Richtung Meppen aufbrachen. Sie wollten mit ihrem Lehrer Bösken die Hinrichtung der im Emsland heute vielfach als Hexe bezeichneten "Goose Sienke" miterleben!

Mit '"'Goose Sienke'"', also '"'Gänse (Ge)Sina'"' war eine gewisse Gesina Brink aus Hebelermeer gemeint, die im Meppener Gefängnis nach langer Haft zugegeben hatte, eines ihrer zwei Kinder ermordet und viele Häuser und Ställe in der Ortschaft Groß Fullen bei Meppen in Brand gesteckt zu haben. Wer war diese Gesina Brink, und wie war es zu den Verbrechen gekommen?

Anna Gesina Brink, so der vollständige Name, wurde am 24. September 1784 in Ahlen bei Kluse (früher Kreis Aschendorf/Hümmling) geboren. Ihre Eltern waren Susanna Pöker aus Altharen, damals Kirchspiel Wesuwe, und der Soldat Otto Brink, gebürtig aus Teglingen. Als der Vater vier Jahre später starb, wurde sein Wohnort mit Wesuwe-Geest angegeben. Ob Frau und Kind nun in Ahlen oder auch in Wesuwe lebten, ist nicht belegt.

Am 9. November 1802, also mit 18 Jahren, heiratete Anna Gesina Brink in der Wesuweer Pfarrkirche den 34-jährigen Hermann Fenslage, gebürtig aus Wesuwe, dessen erste Frau kurz zuvor im Alter von 60 Jahren gestorben war. Hermann und seine erste Frau waren gleich nach ihrer Hochzeit nach Hebelermeer gezogen, das kirchlich ebenfalls zu Wesuwe gehörte. Aus der Ehe der Gesina Brink mit Hermann Fenslage gingen zwei Kinder hervor, von denen das zweite Teil des tragischen Geschehens um '"'Goose Sienke'"' wurde: Es wurde erstickt und im Stroh des Ehebettes versteckt.

Man kann davon ausgehen, dass das Ehepaar Fenslage von der Landwirtschaft allein nicht leben konnte. Vielleicht liegt darin auch ein Motiv für die Ermordung des zweiten Kindes. Nach dieser Tat jedenfalls soll das Ehepaar weniger von der Landwirtschaft als durch Stehlen gelebt haben. Am Sonntag, dem 18. Mai 1806, soll Gesina, so die im späteren Prozess gegen sie angefertigten Gerichtsunterlagen, versucht haben, in Versen ein Haus anzuzünden, um bei der entstehenden Unruhe besser stehlen zu können. Da diese Brandstiftung misslang, zog sie weiter nach Groß Fullen und versuchte es dort erneut - mit Erfolg. Bei diesem Brand wurden 22 Wohn- und zwölf Nebengebäude eingeäschert. Gesine half bei den Löscharbeiten, stahl dabei aber Bettzeug und Geld.

Am Montag, dem 19. Mai, unternimmt '"'Goose Sienke'"' erneut einen Brandanschlag in Versen, der misslingt. Aber die Täterin wird erkannt, und am nächsten Tag das Ehepaar in Hebelermeer festgenommen. Bei einer Hausdurchsuchung findet man dort das fast verweste Kind der beiden und 79 Taler. Das Ehepaar wird ins Meppener Gefängnis gebracht und dort verhört. Nach einem Geständnis Gesinas, dass sie das Kind ermordet und die Brandanschläge unternommen habe, lautet das Urteil: Gesine soll enthauptet und ihr Körper verbrannt werden; ihr Mann Hermann wird als Mitschuldiger zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Dieses Urteil wird dem Ehepaar aber erst drei Tage vor Gesinas Hinrichtung bekannt gegeben, die am Vormittag des 10. April 1807 stattfinden soll. In den Gerichtsakten heißt es zu diesem Urteil, '"'wegen der Feyerlichkeit des Gegenstandes und als Warnung für andere wurde es höchst nötig gefunden ein abschreckendes Beispiel zu statuieren'"'.

Als das Urteil am Vormittag des Hinrichtungstages noch einmal öffentlich vor dem Meppener Rathaus bekannt gegeben wird, haben sich auf dem Marktplatz tausende Menschen eingefunden. Die Versener Schulkinder sind bereits auf dem Weg zum '"'Ehster Sande'"', wo auf einer Anhöhe die Hinrichtung stattfinden soll. Hier ist für das makabre Schauspiel alles vorbereitet: zehn Fuder Holz, geschlagen im Estertannenkamp, sechs Fuder Torf aus dem Hümmling, '"'weil er mehr Gluth hat'"', und 100 Bund Stroh sind für den Scheiterhaufen herangebracht worden.

Das Schwert für die Enthauptung Gesinas führt Scharfrichter Esselmeyer aus Rheine bei sich. Er fährt mit der Delinquentin auf einem Leiterwagen zum Hinrichtungsort. Ihnen folgen auf einem weiteren Wagen die Gerichtskommission und die Geistlichen. Dahinter machen sich die Schaulustigen auf den Weg über den Schullendamm und den Fuller Kirchweg zum Hinrichtungshügel. So lesen wir es in den Gerichtsunterlagen. Am Hügel sind die Versener Schülerinnen und Schüler mit ihrem Lehrer vermutlich bereits angekommen und werden besonders von den Fullener Kindern lautstark begrüßt. Stimmen schwirren lauthals durcheinander in Anbetracht des zu erwartenden Schauspiels.

Als die schon anwesenden Menschen aber die Pferdewagen herankommen sehen, wird es augenblicklich still in der Menschenmenge. Am Fuße des Hügels halten die Gefährte, Gesina wird vom Scharfrichter auf den Hügel nahe an den Scheiterhaufen herangeführt. Hier muss sie sich auf einen Stuhl setzen und wird festgebunden. Nach einem Gebet des Geistlichen für die Sünderin waltet Esselmeyer seines Amtes und trennt mit seinem Schwert den Kopf vom Rumpf. Sofort wird der Körper der Verbrecherin von Gehilfen mitsamt dem Stuhl ins auflodernde Feuer gestoßen.

Hermann Fenslage, auch '"'Schiele Herm'"' genannt, verbüßt seine Strafe im Zuchthaus zu Münster. Hieraus kann er am 30. November 1807 mit zwei Mithäftlingen fliehen, wird aber nach wenigen Tagen wieder gefasst. Sein '"'schandbares Leben'"', so die Gerichtsakten, endet hier bereits am 13. Oktober 1810.

Für viele Zuschauer ist diese letzte öffentliche Hinrichtung im alten Amt Meppen (heute ungefähr die früheren Altkreise Aschendorf/Hümmling und Meppen), ein gern gesehenes Schauspiel. Sie werden noch jahrelang von diesem Ereignis erzählen, und der Vorgang wird von Generation zu Generation weitererzählt. So ist es nicht verwunderlich, dass in der Folge die Vorgänge immer neu und immer auch etwas anders erzählt werden, sodass man nach Jahrzehnten nicht mehr genau weiß, was wirklich geschehen ist.

Und was ist mit den Versener Schülern? Wie haben sie dieses grässliche Schauspiel erlebt? Wie haben sie es verarbeitet? Und was haben sie erzählt, wenn sie dazu denn überhaupt fähig waren? Wie wissen es nicht, aber über diese Hinrichtung wird im Emsland immer und immer wieder erzählt, wobei es nicht immer auf die wahren Fakten ankommt.


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