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Schutzgebiet im Emsland im Focus Wiesenvogelschutz unwirksam? NABU legt Beschwerde ein

Sie wird immer einsamer: Der Bestand der Uferschnepfe nimmt fast überall ab. Auch im EU-Vogelschutzgebiet an der Radde im Emsland. Foto: Anika BörriesSie wird immer einsamer: Der Bestand der Uferschnepfe nimmt fast überall ab. Auch im EU-Vogelschutzgebiet an der Radde im Emsland. Foto: Anika Börries

Vrees/Meppen. Der Naturschutzbund NABU hat mit Blick auf den Wiesenvogelschutz im Emsland und dem Landkreis Cloppenburg Beschwerde bei der Europäischen Union eingelegt. Der Vorwurf: Uferschnepfe, Kiebitz und Co. sterben nicht nur in der "Normallandschaft" weg, sondern sogar in EU-Vogelschutzgebieten. Und das verstößt nach Meinung des NABU gegen EU-Recht.

Denn mit der Ausweisung sowohl von EU-Vogelschutzgebieten als auch von FFH-Gebieten wird ein sogenanntes Verschlechterungsverbot wirksam – der ökologische Zustand des Gebietes muss erhalten und dies durch entsprechende Maßnahmen sichergestellt werden.  

Nach Angaben des NABU gelingt das im 4400 Hektar großen EU-Vogelschutzgebiet „Niederungen der Süd- und Mittelradde“, gelegen in den Landkreisen Emsland und Cloppenburg, aber nicht. Die Auswertung aller nach dem Umweltinformationsgesetz zur Verfügung stehenden Gutachten und Dokumente habe ein verheerendes Ergebnis ergeben, teilte der NABU bereits Ende Dezember mit.

Blänken wie diese in den Vreeser Wiesen verbessern den Lebensraum für Wiesenvögel erheblich. Archivfoto: Tobias Böckermann


NABU-Landesvorsitzender Holger Buschmann: „Seit Meldung des Gebiets an die EU-Kommission im Jahr 2007 hat sich der Kiebitz-Bestand nahezu halbiert“ – von 367 auf 193. Die Uferschnepfe stehe nach Bestandsabnahmen von über 80 Prozent (15 statt 95) lokal vor dem Aussterben. „Wir haben es mit einem eklatanten Verstoß gegen die EU-Vogelschutzrichtlinie zu tun.“

Der NABU fordert deshalb - stellvertretend für das ganze Land Niedersachsen - einen sofortigen Masterplan für die Niederungen an Süd- und Mittelradde. Der NABU geht davon aus, dass Niedersachsen nicht nur hier, sondern in vielen weiteren EU-Wiesenvogelgebieten "eklatant gegen europäisches Recht verstößt". Dabei habe Niedersachsen für Wiesenvögel eine besondere Verantwortung. Etwa die Hälfte aller bundesdeutschen Uferschnepfen, Kiebitze und Brachvögel lebten in diesem Bundesland, sagte Buschmann.

Die Niederungen der Süd- und Mittelradde seien auch elf Jahre nach ihrer Meldung nicht vollständig gesichert und die Brutbestände befänden sich seither auf Talfahrt. Im bereits als Landschaftsschutzgebiet gesicherten Teilbereich fehlten "wiesenvogelrelevante Bewirtschaftungsauflagen" fast vollständig: Dazu gehören unter anderem das Verbot des Schleppens und Walzens während der Brutzeit oder das Verbot des Mähens während der Kükenaufzucht.

Das Gelege eines Brachvogels.


Die vom Land Niedersachsen angebotenen sogenannten "Agrarumweltmaßnahmen für Wiesenvögel", bei denen Geld für erlittene Einschränkungen oder betriebenen Aufwand bezahlt wird, werden nach Einschätzung des NABU von den Landwirten vor Ort nicht angenommen. Praktiziert werde der sogenannte Gelege- und Kükenschutz. Durch Gelegemarkierung schütze er zwar vor landwirtschaftlich bedingten Verlusten, bringe aber keinerlei Änderungen in der Bewirtschaftungspraxis oder Verbesserungen im Lebensraum mit sich. Das Ergebnis seien artenarme Wirtschaftsgrünländer ohne dauerhafte Perspektive für Blütenpflanzen, Insekten und Wiesenvögel.

Feuchtwiese mit Wiesenschaumkraut im Vogelschutzgebiet an der Radde. Foto: Anika Börries


Die zuständigen Landkreise und das Niedersächsische Umweltministerium seien durch die jährlichen Gelege- und Kükenschutzberichte vollumfänglich informiert, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen, behauptet der NABU. „Uns blieb vor diesem Hintergrund nur der Gang nach Brüssel“, sagte Holger Buschmann vor einigen Wochen. Analog zur unteren Ems-Niederung fordere der NABU einen sofortigen Masterplan für die Niederungen an Süd- und Mittelradde. Laut Naturschutzbund gibt es auch in Niedersachsen erfolgreiche Wiesenvogelschutzprojekte, etwa am Dümmer.  

Seit vielen Jahren kümmern sich Vogelfreunde um einzelne Gelege im Grünland. Dieses Foto entstand im Rahmen einer Reportage über das Wiesenvogelschutzprogramm in der Raddeniederung im Jahr 2007.


Anja Rohde, Sprecherin des Landkreises Emsland, teilte auf Anfrage mit, der Rückgang der Brutvogelbestände sei nicht nur in dem EU-Vogelschutzgebiet „Niederungen der Süd- und Mittelradde“ zu beobachten, sondern es handele sich um ein generelles Problem, das seine Ursache „sicherlich im Wesentlichen in der stetigen Entwicklung und Veränderung unserer Kulturlandschaft“ habe.

Ohne einzelne Ursachen besonders in den Fokus rücken zu wollen, sei "sicherlich der Rückgang feuchter Grünlanstandorte ein generelles Problem für alle Bodenbrüter". Auch habe der Prädatorendruck stetig zugenommen, also der Verlust von Gelegen oder Küken durch Füchse, Marder, Krähen oder Greifvögel. Das bestätigen auch Beobachter vor Ort.

Laut Kreissprecherin Rohde soll der Gelege- und Kükenschutz ausgeweitet werden. Man versuche, gemeinsam mit den Landwirten dem Rückgang der Population entgegenzuwirken. Auch die Bekämpfung der Prädatoren solle intensiviert werden.

Der Kiebitz.


In einem gemeinsamen Fachgespräch mit dem Umweltministerium und dem Landkreis Cloppenburg sei über weitere gemeinsame Maßnahmen – wie Einzäunungen, Freistellen größerer Flächen und Intensivierung der Fallenjagd – gesprochen worden. Deren Erfolg werde durch die Naturschutzbehörden überwacht. Darüber hinaus betont die Kreisverwaltung, dass der Erfolg der Naturschutzmaßnahmen auf dem Miteinander und der Akzeptanz  durch die Bewirtschafter, also die Landwirte, beruhe.

Eine Sprecherin des Niedersächsischen Umweltministeriums teilte am Freitag mit, die Angaben des NABU zur negativen Bestandsentwicklung der Wiesenvogelarten im EU-Vogelschutzgebiet „Niederungen der Süd- und Mittelradde und der Marka“ seien korrekt. Um eine Verbesserung der Situation zu erreichen, stehe das Niedersächsische Umweltministerium derzeit in engem Kontakt mit den beiden zuständigen Landkreisen Emsland und Cloppenburg.  Seit der Meldung des Gebietes als Vogelschutzgebiet "sind die Brutbestände drastisch eingebrochen. Ursächlich dafür ist der mangelnde Bruterfolg. Kiebitz, Uferschnepfe und Große Brachvogel produzieren zu wenige flügge Küken, um den Bestand zu erhalten. Die bestehenden Schutzverpflichtungen, wie das Angebot von speziellen Agrarumweltmaßnahmen für Wiesenvögel, oder aber Gelege- und Kükenschutzmaßnahmen greifen bedauerlicherweise nicht in der Form, wie sich Landkreise und Umweltministerium dies vorstellen. Hier besteht Optimierungsbedarf."

Wiesenschaumkraut im Emsland.


"Wir sind gerade dabei, mit den Landkreisen gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, um dieser negativen Entwicklung entgegenzuwirken. Wir bauen sehr darauf, dass wir die Situation auch ohne Klage in den Griff bekommen. Von Seiten der Landkreise erhalten wir gute Signale."    

Für Beschwerden bei der EU-Kommission ist nach Angaben der Sprecherin ein Verfahren vorgegeben, aus dem sich unterschiedliche Konsequenzen ergeben können, die von keiner weiteren Behandlung der Beschwerde (in der Regel dann, wenn kein Verstoß gegen EU-Recht vorliegt) über informelle Konfliktregelungen bis hin zur Einleitung formeller Verfahren (Pilotverfahren, Vertragsverletzungsverfahren) gegen das betreffende Land reichten. Sollte es im Zuge eines Vertragsverletzungsverfahrens zu einer Verurteilung durch den Europäischen Gerichtshof kommen, sind auch Strafbzahlungen möglich.


Wiesenvögel im Porträt

Standorttreuer Weltenbummler

Uferschnepfe: Frühe Flucht in die Wiese

Die Uferschnepfe (Limosa limosa) ist noch stärker im Bestand bedroht als Kiebitz und Brachvogel. Sie brütet in extensiv genutzten Niederungsgebieten auf Feuchtgrünland. Die Art kommt überwiegend in küstennahen Landesteilen in den Urstromtälern der Ems, Hunte, Weser sowie um den Dümmer und an der Elbe vor – durch Lebensraumverlust überall mit stark abnehmender Tendenz. Uferschnepfen können von den drei genannten Wiesenvogelarten am wenigsten mit Ackerflächen anfangen. Sie sind auf Wiesen angewiesen.

Bei einer Flügelspannweite von rund 75 Zentimetern sind die Männchen etwas kleiner als die Weibchen und haben einen kürzeren Schnabel. Uferschnepfen können bis zu 18 Jahre alt werden. Die Tiere ernähren sich von Insekten und Würmern – die Küken sind Nestflüchter und benötigen sofort kleine Insekten als Nahrung. Die Nester werden häufig jahrelang in derselben Fläche angelegt. Zur Überwinterung ziehen die Vögel teilweise bis in den Senegal.

Die Uferschnepfe hat im übertragenen Sinn ihren Ruf weg: Ihre Lautäußerung klingt ein wenig wie „wed“, „geg“ oder „grutto, grutto“, weshalb sie in der Region Bentheim/Emsland früher „Grieto“, andernorts auch „Greta“ genannt wurde.


Markanter Sturzflieger

Kiebitz: Seltener als gedacht

Sein lautes „Kiiiiieeeeewitt“ gab dem Kiebitz seinen Namen: Einst war Vanellus vanellus auch im Emsland so häufig, dass man im Frühjahr die Eier für die eigene Küche sammeln konnte. Heute ist der Kiebitz stark gefährdet und streng geschützt. Die Bestände sind eingebrochen.

Der Vogel aus der Familie der Regenpfeifer ist etwa taubengroß, Männchen und Weibchen unterscheiden sich kaum. Sein metallisch grün schimmerndes Federkleid, seine markanten Sturzflüge und sein lautes Rufen machen den Kiebitz auffällig und unverwechselbar.

Ursprünglich brütete er in Mooren und Sümpfen, dann insbesondere auf Feuchtwiesen und Überschwemmungsflächen mit niedriger und schütterer Vegetation. Inzwischen lebt die Art in einer Vielzahl von Biotopen, auch auf Ackerflächen.

Weil man sie ab und an zu Gesicht bekommt, hat es den Anschein, als seien Kiebitze noch zahlreich vorhanden – oftmals handelt es sich aber um durchziehende Vögel, die aus Ost- und Nordeuropa stammen. Die Populationen in Westeuropa tragen sich vielfach nicht mehr selbst. Die Art geht durch den Verlust von Feuchtgrünland überall zurück. In der Raddeniederung haben sie eines der größten Vorkommen.

Kiebitze legen im Frühjahr zwei bis vier Eier und fressen Insekten und deren Larven, weshalb vor allem die Küken kurzrasige Wiesen benötigen. Bei Gelegeverlust können Kiebitze weitere Eier legen. Ihren Nachwuchs verteidigen sie vehement.


Stimmgewaltiger „Wäärloop“

Brachvogel: Charakterart der Moore

Der Große Brachvogel (Numenius arquata) ist eine der Charakterarten der Moore und Heiden – kein Wunder, dass er im Emsland eigene Namen erhielt. Im Hümmling nannte man ihn der Überlieferung zufolge „Tütenwölup“, im restlichen Landkreis „Tutwelp.“ In Vrees hieß er „Wäärloop“, im benachbarten Auen „Goliep“. Die lautmalerischen Bezeichnungen deuten wohl auf den stimmgewaltigen melancholischen Reviergesang des Männchens, das eindeutiger als alle anderen Vogelstimmen der Region den Frühling verkündet.

Aber dem Brachvogel ist es wie den anderen Wiesenvögeln ergangen: Der Bestand ist stark zurückgegangen, in ganz Niedersachsen wird er auf höchstens 1700 Paare geschätzt. Eines der wichtigsten Brutgebiete Mitteleuropas sind die Niederungen von Mittel- und Südradde – dies war einer der Gründe für die Ausweisung als EU-Vogelschutzgebiet.

Der Brachvogel wird 50 bis 60 Zentimeter lang. Sein Flugbild mit dem Stocherschnabel ist markant, wobei Weibchen einen längeren und stärker gebogenen Schnabel haben als Männchen. Brachvögel fressen Insekten, Würmer und Schnecken, die sie ab einem Alter von zwei Wochen hauptsächlich im möglichst feuchten Boden suchen. Vorher benötigen die Küken hohe Vegetation, um Insekten abzupicken.

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