Das Leben der Unsichtbaren Ausstellung in Meppen zeigt fotorealistische Gemälde

Blick fürs Detail: Sarah Zagefka vor einem ihrer in Meppen ausgestellten Gemälde. Foto: Tim GallandiBlick fürs Detail: Sarah Zagefka vor einem ihrer in Meppen ausgestellten Gemälde. Foto: Tim Gallandi

Meppen. Ist das fotografiert – oder tatsächlich gemalt? Diese Frage ploppt beim ersten Blick auf Sarah Zagefkas Werke unweigerlich auf. Ihre vom Fotorealismus beeinflussten Gemälde, die jetzt im Meppener Kunstkreis ausgestellt sind, zeigen räumliche Situationen ohne Menschen – und verraten trotzdem einiges über diejenigen, die diese Orte bewohnen oder nutzen.

Etwa bei der Wohnzimmerszene, deren Mittelpunkt ein altes Dampfradio bildet. Von Detail zu Detail schweift der Blick, über Lautsprecherboxen, Kabelgewirr, DVD-Spieler ins Regal. Bücher hochkant und quer liegend, Schallplatten, Videokassetten. Etliche Kunstbände, eine Tom-Waits-CD, Filme von Jim Jarmusch. Hier lebt jemand, der weder pedantisch noch chaotisch ist, künstlerisch interessiert, vielleicht selbst kreativ tätig, mit einem Faible für Kultur jenseits des Massengeschmacks.

Als Sarah Zagefka 2009 ihr Kunststudium begann, fand sie in den Wohnungen und Ateliers ihrer Freunde und Kommilitonen willkommene Schauplätze für eine Nachbildung in Öl auf Leinwand oder Holz. Auf diese Weise entstanden Porträts von Leuten, die selbst gar nicht im Bild verewigt sind. Dass einige von ihnen zur selben Generation zählen wie die 1977 geborene Künstlerin, wird beim Betrachten rasch klar.

Räume und Straßen

Zagefkas Motive beschränken sich jedoch nicht auf Innenräume. Zum Studieren zog sie nach München, wo sie bis heute lebt, und bei Streifzügen durch die Straßen und über die Plätze der bayrischen Metropole eröffneten sich ihr weitere Panoramen, die sich aufdrängten, festgehalten zu werden. Weitere solcher Freiluft-Szenen zeigen Häuser in den USA, die Cafés, Diners und Kioske beherbergen. Und Läden an Straßenecken irgendwo in Indien, wo lediglich ein Heer von geparkten Mopeds auf das sonst dort übliche Menschengewusel deutet.

Der Fotorealismus entstand in den 1960er-Jahren, ähnlich wie die Pop-Art als Gegenbewegung zur damals vorherrschenden abstrakten Malerei. Künstler wie Richard Estes und Chuck Close zielten darauf ab, die Fotos malerisch bis in die kleinste Nuance zu kopieren, um geradezu hinter der Nachbildung zu verschwinden.

Detailreichtum

So weit geht Sarah Zagefka keineswegs, bei ihr wird Akkuratesse nicht zum Dogma. Zwar stellt sie nüchtern fest: „Ich brauche viel länger für ein Bild als andere Maler“, doch nimmt sie sich gleichwohl künstlerische Freiheiten. Daher verzichtet sie darauf, die Foto-Vorlage per Diaprojektion direkt auf die Leinwand zu werfen: „Da wird man zu akribisch. Es muss schon so aussehen, wie ich es in dem Moment empfunden habe.“ Was entsteht, ist manchmal großformatig, manchmal kaum größer als eine Postkarte – und mit entsprechend hauchfeinem Pinselstrich kreiert.

Besonderen Reiz entfalten die in Meppen gezeigten Werke aber durch ihren Reichtum an Einzelheiten. Ähnlich wie bei den Wimmelbildern von Ali Mitgutsch sind die Augen eingeladen, stetig umherzuwandern – um Aufschluss zu erhalten über das Leben der hier Unsichtbaren.


Näheres zur Ausstellung

Die Ausstellung „Ausweitung der Komfortzone“ mit Bildern von Sarah Zagefka ist bis zum 7. April beim Meppener Kunstkreis an der Koppelschleuse zu sehen. Der Eintritt ist frei. Geöffnet dienstags, donnerstags und samstags von 14.30 bis 17 Uhr, sonntags von 11 bis 17 Uhr.

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