Wie es beinahe zur Katastrophe kam Moorbrandbericht: Weitere Millionenkosten folgen

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Wie teuer war der Moorbrand in der Tinner Dose? Mindestens 7.9 Millionen Euro, sagt die Bundeswehr. Foto: BundeswehrWie teuer war der Moorbrand in der Tinner Dose? Mindestens 7.9 Millionen Euro, sagt die Bundeswehr. Foto: Bundeswehr

Meppen. Seit Mittwoch ist das Gutachten über den Ablauf und die Konsequenzen des Moorbrandes öffentlich zugänglich. Eine erste eigene Analyse bestätigt das Fazit der Bundeswehr: materielle, personelle und organisatorische Defizite haben zur Beinahekatastrophe geführt.

Der Bericht des Bundesverteidigungsministeriums umfasst 41 Seiten, hinzu kommen aber noch sechs Anhänge – unter anderem mit einer Chronologie der wesentlichen Ereignisse. Dort sind alle Ereignistage einzeln aufgeführt, entgegen erster Kritik fehlt also zumindest zeitlich nichts. 

Sie enthält interessante Details, die noch über den eigentlichen Bericht hinausgehen. Deutlich wird das Bemühen der Bundeswehr, zur Aufklärung beizutragen. Betrachtet man allerdings zum Beispiel zwei Grafiken zur Führungsstruktur der Bundeswehr, in die die WTD 91 vor und in geänderter Form während des Brandes eingebunden war, dann ahnt man: Hier blickte (und blickt?) vermutlich niemand mehr durch.

Das Drohnensystem vom Typ Aladin, das mit einer Wärmebildkamera ausgestattet ist, kam in Meppen zum Einsatz.


Aber zurück zur Darstellung der Bundeswehr. Die Planungen für die letztlich den Brand auslösende Schießkampagne mit dem Hubschrauber Tiger haben demnach bereits 2017 begonnen. Aufgrund der hohen Auslastung der WTD und wegen des enormen Aufwandes, der für die Erprobungen von Munition notwendig ist, haben nach Bundeswehrangaben alle Untersuchungen einen zum Teil so erheblichen zeitlichen Vorlauf. 

Hubschraubertest

Die geplanten Kosten für die „UH TIGER“ genannte Schießkampagne beliefen sich für die WTD 91 auf rund 792.000 Euro. Anlass war die Erprobung und Abnahme einer Hard- und Softwaremodifikation am Hubschrauber selbst. Es ging also nicht um die Erprobung der 70-mm-Raketen. 

Die Kampagne dauerte mehrere Tage und es kam zwischen dem 28. und dem 31. August 2018 zu mehreren Bränden, die „wie üblich“ schnell gelöscht werden konnten. Zum Vergleich: Zwischen November 2017 und Ende Oktober 2018 gab es dem Bericht zufolge auf allen Liegenschaften der Bundeswehr in Deutschland 2243 Brände. Und dass es auf der WTD 91 regelmäßig brennt, ist im Emsland bekannt und führt kaum zu Aufregung.

Am Meppener Möllersee entnahm ein Löschhubschrauber Wasser.

Normalerweise.  Am Montag, dem 3. September, wurde erneut vom Hubschrauber aus geschossen. Zehn Raketen in 13 Minuten, dann war der Versuch für diesen Tag beendet – so dachten alle.

Denn gegen 15.30 Uhr brannte es  in zwei unwegsamen Bereichen des Erprobungsgeländes, verursacht  unterhalb des Hubschraubers durch heruntergefallene Munitionsreste sowie im Zielgebiet der Raketen. Mit der Brandbekämpfung begannen die Kräfte vor Ort, aber mit Einbruch der Dunkelheit um 20.30 Uhr wurde sie im unwegsamen Gelände zu gefährlich und beendet.

Zunächst hielt man das Feuer für gelöscht, stellte aber in der Nacht fest, dass es noch glimmte. Ein Oberflächenbrand unter Kontrolle, so dachte man. Und irrte.

Die Tinner Dose im Randbereich nach dem Feuer.


Am folgenden Vormittag (4. September) brannte es weiter, um 11.51 Uhr fiel die Feuerlöschraupe aus, was zu Verzögerungen führte und den Flammen Zeit gab, sich auszubreiten. Die zweite Löschraupe war ohnehin defekt. Ungünstige Winde fachten das Feuer an – die WTD forderte Unterstützung durch einen Löschhubschrauber an, der später auch eingesetzt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Rettungsleitstelle des Landkreises Emsland nach Bundeswehrangaben informiert und THW sowie Freiwillige Feuerwehr Meppen mit ersten Hilfsmaßnahmen involviert. 

Riegelstellung hält nicht

Allerdings befürchtete wohl niemand zu diesem Zeitpunkt, dass der Brand außer Kontrolle geraten könnte. Vielmehr wurde er wie sonst üblich bekämpft – mit der Sicherung einer Riegelstellung, also einer Verteidigungslinie, die das Überspringen des Feuers verhindern sollten, sowie Löschmaßnahmen. 

Es gelang allerdings nicht, den Brand zu löschen. Erste Blindgänger explodierten und am 9. September übersprangen die Flammen die Riegelstellung. Der Moorbrand nahm seinen Lauf. Tag für Tag rüstete die Bundeswehr auf, setzte Drohnen ein, forderte externe Hilfe an.

Am 14. September fielen Festnetztelefon und eMail auf der WTD aus, was dazu geführt haben soll, dass es nicht möglich war, ein Amtshilfeersuchen zu melden. Warum man kein Handy oder den Feuerwehrfunk nutzte, bleibt offen. Am 15. September erfolgten dann massive Amtshilfeersuchen, in der Nacht zum Sonntag sank die Sichtweite im Brandgebiet auf wenige Meter.

Von weitem zu sehen: Die Rauchwolke am 18. September.

Und während inzwischen sämtliche Staats- und Kommunalapparate auf Hochtouren liefen, entwickelte sich am 18. September jene riesige Rauchwolke über der WTD, die den Moorbrand dann bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Die Bundeswehr änderte ihre Strategie und setzte neben der Bundeswehrfeuerwehr zunehmend auf ein Pionierregiment aus Schleswig-Holstein, dazu auf immer mehr externe Feuerwehr- und THW-Einsatzkräfte. Am Ende waren es mehr als 1700.

Weil die Situation aber immer brenzliger wurde, löste der Landkreis Emsland am 21. September den Katastrophenalarm aus und bereitete die Evakuierung Staverns vor. Massiver Kräfteeinsatz sorgte am Ende dafür, dass ab dem 27. September die Lage unter Kontrolle schien. Am 10. Oktober war er gelöscht.

Wer wann informiert wurde, wer wann mit der Messung von Luftschadstoffen begann und mit welchen Ergebnissen – das alles hat die Bundeswehr aus ihrer Sicht dargestellt und das werden die Beteiligten des Moorbrandes prüfen. Auch die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt noch.

Noch nicht alle Kosten erfasst

Am Ende steht folgende Bilanz: Bisher sind Kosten in Höhe von 7,9 Millionen Euro erfasst worden. Darunter rund 340.000 Euro für Schäden von Privatpersonen oder Landwirten, 1,4 Millionen Euro für geleistete Amtshilfe etwa durch das THW, 2,6 Millionen Euro für die Bereitstellung des für die Brandbekämpfung erforderlichen Geräts, sowie 3,5 Millionen für weitere Kosten – etwa 481.000 Euro davon allein für Dieseltreibstoff.



Allein die Bundeswehr leistete dem Bericht zufolge 144.600 Arbeitsstunden, die aber nicht in Kosten umgerechnet wurden. Wie viele Stunden es bei den Feuerwehren waren, ist noch offen. Auch deshalb ist klar, dass die 7,9 Millionen Euro allenfalls ein Zwischenstand bei der finanziellen Bewertung des Moorbrandes sein können. Denn die Kommunen müssen den Arbeitgebern der Einsatzkräfte freiwilliger Feuerwehren die durch Einsätze entgangenen Arbeitsstunden bezahlen – und wollen diese Kosten der Bundeswehr in Rechnung stellen.

Allein der Landkreis Emsland wird dem Verteidigungsministerium entstandene Kosten in Höhe von rund einer weiteren Million Euro berechnen, wie eine Sprecherin auf Anfrage am Mittwoch mitteilte.

Klimaschäden noch nicht erfasst

Ebenfalls nicht beziffert und auch noch nicht erfasst sind die Schäden für das Klima, die durch das Verbrennen von kohlenstoffhaltigem Torf entstanden sind beziehungsweise für Maßnahmen, die einen Ausgleich schaffen könnten. Unbekannt auch die Schäden am Ökosystem, die möglicherweise monetär nicht zu beziffern sein werden. Sicher ist: Für Monitoring, Gutachten und Renaturierung werden weitere hohe Kosten entstehen. 

Deutlich wird im Bundeswehrbericht übrigens auch, dass die Pressearbeit mangelhaft war, vor allem, weil allerorten die Brisanz der Lage verkannt wurde.

Alles zum Moorbrand finden Sie auf unserer Themenseite.


Übersicht der eingesetzten kommunalen Einheiten Eingesetzte kommunale Feuerwehren:

  • Berufsfeuerwehr (BF) Bremen 
  • BF Emden
  • BF Hannover
  • BF Osnabrück
  • Freiwillige Feuerwehr (FF) Emsdetten
  • FF Cloppenburg
  • FF Lemwerder
  • FF Meppen
  • FF Nordenham
  • Institut der Feuerwehr NRW
  • Werkfeuerwehr BP
  • Berßen
  • Sögel

Seitens des Landes Niedersachsen wurden auf Anforderung nachstehende Kreisfeuerwehrbereitschaften (KFB) und später Feuerwehrfachzüge (FZ) zur Amtshilfe nach Meppen entsandt:

Bereitschaften:

  • ABC-Zug Leer
  • KFB Aurich
  • KFB Celle
  • KFB Cloppenburg
  • KFB Diepholz
  • KFB Emsland Mitte
  • KFB Emsland Nord
  • KFB Emsland Süd
  • KFB Landkreis Heidekreis
  • KFB Hameln
  • KFB Leer
  • KFB Leer Nord
  • KFB Nordhorn
  • KFB Osnabrück Nord
  • KFB Osnabrück Süd
  • KFB Osnabrück Wasserförderzug
  • KFB Wittmund

Anhang 5:

  • KFB Sangerhausen
  • KFB Stade
  • KFB Verden
  • Regionalfeuerwehrbereitschaft (RFB) Region Hannover 1
  • RFB Region Hannover 3
  • Technische Einsatzleitung (TEL) Landkreis Stade
  • TEL Landkreis Emsland

Fachzüge (FZ, die FZ WTD sind Sonderzüge, die für die Unterstützung der WTD gebildet und anschließend wieder aufgelöst wurden):

  • FZ Wasserförderung Brake
  • FZ Wasserförderung Friesland
  • FZ Wasserförderung Hannover Regionalfeuerwehr IV
  • FZ WTD Aurich
  • FZ WTD Cuxhaven 1
  • FZ WTD Cuxhaven 2
  • FZ WTD Diepholz
  • FZ WTD Gifhorn
  • FZ WTD Göttingen
  • FZ WTD Helmstedt
  • FZ WTD Hildesheim
  • FZ WTD Hameln
  • FZ WTD Holzminden
  • FZ WTD Leer 1
  • FZ WTD Leer 2
  • FZ WTD Nienburg/Weser
  • FZ WTD Landkreis Schaumburg in Stadthagen
  • FZ WTD Vechta
  • FZ WTD Wolfsburg

Informationen zu den einzelnen unterstützenden Ortsverbänden des THW lagen der Bundeswehr nicht vor, sind aber unter diesem Link zu finden.




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