Funktionierendes Ökosystem Wolfsberater und Schafhalter informieren über die Wolfssituation im Emsland

Matthias Engelken

Meine Nachrichten

Um das Thema Meppen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Haren. Das Emsland ist Wolfsland. Doch fürchten muss sich vor dem Raubtier niemand. Das wurde jetzt auf der Mitgliederversammlung des Fördervereins Imme Bourtanger Moor deutlich. Vielmehr wurde klar: Mit dem Wolf erobern auch weitere bisher fast ausgerottete Tiere die hiesige Natur zurück.

Gleich zwei Redner hatte der Förderverein Imme Bourtanger Moor nach Wesuwe-Siedlung ins Dorfgemeinschaftshaus zur öffentlichen Mitgliederversammlung eingeladen. Unter dem Motto „Der Wolf – Hochgeschätzt oder verhängnisvoll“, sollten Wolfsberater Björn Wicks und Schafzüchter Tobias Böckermann die aktuelle Situation vorstellen und ihre Sicht der Dinge beschreiben. Die Vielzahl an Besuchern, gut 140 waren gekommen, darunter Landwirte, Jäger, Tierhalter und besorgte Bürger, zeigte die derzeit große Skepsis gegenüber dem Tier. Die Skepsis bleibt sicherlich bei vielen, doch der Abend veranschaulichte gut, womit es die Emsländer derzeit realistisch gesehen zu tun haben.

Nebenbei erfuhren die Besucher unter anderem, welche Verbindung zwischen Bienen und Wölfen besteht. Weil nämlich die Schafe des Naturschutzvereins Land Unter, dessen Vorsitzender Böckermann ist, zum Beispiel am Heidesee in Meppen-Versen die Vegetation kurz halten und Wald keine Chance hat, gedeihen Besenheide und viele weitere höchst seltene Pflanzenarten, an denen Bienen Nahrung finden. Ein Schafe reißender Wolf bedrängt somit das ganze Ökosystem.

Ein Schafzüchter berichtet

Doch das muss nicht sein, wie Böckermann berichtete. Intensiv betreibt der Verein Schafzucht, hält die alte Nutzierrasse Bentheimer Landschafe auf Heide- und Moorstandorten im Emsland. Begünstigt durch die Bewirtschaftung dieser rund 40 Hektar hätten sich in den vergangenen Jahren insgesamt mehr als 80 Tier- und Pflanzenarten der Roten Listen angesiedelt oder blieben erhalten, sagte Böckermann. Doch der Wolf bedroht diesen sogenannten „Hot Spot“ der Artenvielfalt.

Auch deshalb hatten sich Böckermann und seine Vereinskollegen frühzeitig um Gegenmaßnahmen gekümmert, Kontakt mit dem Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) aufgenommen und nach Möglichkeiten der Abwehr und Fördermöglichkeiten gefragt. Dabei seien auch kuriose Vorschläge unterbreitet worden und die finanzielle Unterstützung für den Schutzzaun der Schafe hinterfragt worden, berichtete der Redakteur der Meppener Tagespost.

„Am Ende haben wir es aber hinbekommen, auch durch die gute Unterstützung des Landkreises Emsland“, dankte Böckermann den hiesigen Behörden. Allein 3,6 Kilometer Zaun errichtete der Verein am Heidesee, eine eigene Stromleitung musste gelegt werden, da Batterien nicht ausreichten, weitere Kilometer Zaun benötigte der Verein für die anderen Flächen. In einem Fall wurde gar eine Solarlösung installiert, um stetig Strom zu produzieren.

Hohe Kosten

Ein immenser Aufwand, verbunden mit hohen Kosten. Allein rund 50000 Euro am Heidesee, finanziert durch Fördergelder aus diversen staatlichen Töpfen. Ist das sinnvoll? Vereinsvorsitzender Böckermann verzeichnete zumindest noch keinen Schafriss und zeigte sich zuversichtlich, auch weiterhin verschont zu bleiben. Zudem verdeutlichte er die Alternative zur Schafhaltung, nämlich das manuelle Mähen der Flächen mit jährlichen Kosten von gut 20000 Euro, oder der Verzicht auf den Naturschutz mit dem Wissen, seltene Pflanzen- und Tierarten im Emsland aufzugeben.

Zudem gebe es derzeit eine intensive Diskussion um ein aktives Wolfsmanagement. Die Idee dahinter erläuterte Wolfsberater Björn Wicks. So diskutiert die Politik derzeit, Nutztiere besser zu schützen, indem die Ausbreitung der Wölfe stärker kontrolliert wird. Das Bundesnaturschutzgesetz erlaubt derzeit einen Abschuss nur mit Ausnahmegenehmigung. „Eine Änderung wird kommen“, ist Wicks sicher. Zudem setzt er auf den Lerneffekt beim Tier, etwa beim Kontakt mit Schutzzäunen. „Eine Fähe wird es ihren Jungen vermitteln und auch die werden später Nutztiere meiden“, ist er überzeugt. Damit dieser Lerneffekt sich aber einstellt, müssten Entnahmen etwa von auffälligen Wölfen möglich sein, damit diese sich nicht weiter fortpflanzten. Wichtig sei, Wölfe nicht zu habituieren, also an die Nähe zu Menschen zu gewöhnen.

Sichtmeldungen nehmen zu

Die Frage nach den aktuellen Zahlen im Emsland beantwortete Wicks unterdessen deutlich. „Wir wissen von einem Rudel mit acht Wölfen, das sich zwischen Lingen und Papenburg aufhält.“ Ein Tier – möglicherweise aus diesem Rudel – sei allerdings kürzlich auf der B70 überfahren worden. Auch wenn die Sichtmeldungen zunehmen, sieht der Experte kaum Chancen für viele weitere Wölfe. „Ein Rudel verteidigt sein Gebiet“, höchstens durchziehende Jungwölfe würden sich kurz aufhalten, dann aber in Richtung Niederlande weitermaschieren. Grundsätzlich würde aber eine Durchmischung des Genpools neuer Wölfe etwa aus dem italienischen Gebiet sich positiv auf die Population niederschlagen. So stamme die bisherige allein aus dem Raum Lausitz und Polen.

Positiv stimmt Wicks indes die Tatsache, dass in Begleitung des Wolfs auch weitere Tiere einstige Siedlungslücken zurückerobern. So profitieren Kolkraben von den Überresten der Wolfsbeute. Auch Seeadler freuen sich über Aas. Für Förster Wicks ist das ein Zeichen eines funktionierenden Ökosystems im Emsland. Auch deshalb beruhigte er in sachlicher Weise den ein oder anderen Besucher der Veranstaltung und forderte zum Waldspaziergang ohne Furcht auf. „Und wenn es zur eigenen Beruhigung dient, nehmen Sie einen Handstock mit. Falls Sie einen Wolf sehen, werden Sie ihn auch so vergrämen“, gab er den Besuchern mit auf den Weg.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN