Situation im Emsland noch entspannt Nach der Dürre: Preise für Heu und Silage im Höhenflug

Viel Heu und Maissilage fressen die 850 Schnucken von Schäfer Norbert Rüschen in ihrem Stall in Lathen. Foto: Tobias BöckermannViel Heu und Maissilage fressen die 850 Schnucken von Schäfer Norbert Rüschen in ihrem Stall in Lathen. Foto: Tobias Böckermann

Meppen/Geeste/Lathen. 2017 der Regen, 2018 die Trockenheit: Für die Landwirtschaft liefen die beiden vergangenen Jahre nicht eben optimal. Das spüren vor allem Bauern, die Milchkühe, Schafe oder Pferde zu versorgen haben: Es mangelt zum Teil an Grundfutter, die Preise für Heu, Grassilage und Mais sind deutlich gestiegen.

Ein Lied davon singen kann Schäfer Norbert Rüschen aus Lathen. Die Ablammzeit hat kurz nach Weihnachten begonnen  – mehr als 850 hungrige Schafe und Ziegen müssen versorgt werden und täglich werden es dank der Lämmer mehr. Wiederkäuer wie Schafe und Rinder, aber auch Pferde können nicht allein mit hochverdaulichem Kraftfutter wie Getreide oder Soja ernährt werden, sondern sie benötigen auch eine strukturreichere Ration sogenannten Raufutters.  

Wirtschaftseigenes Grundfutter nennen die Fachleute jene Ernte an Heu, Gras, Stroh und Silomais, die die Betriebe auf eigenen Flächen selbst einwerben und die im Schnitt die Hälfte der Futterversorgung der deutschen Tierbestände ausmachen. Die Bedeutung von Heu, Silage und Mais kann also kaum überschätzt werden.

Einen in Folie verpackten Ballen Gras- oder Maissilage benötigt Norbert Rüschen pro Mutterschaf im Winter.


Norbert Rüschen füttert seine Schafe im Winter mit Grassilage, die er in großem Stil im Emsland und Ostfriesland zukauft. Denn er bewirtschaftet vor allem Heide- und Moorflächen und kann dort kein eigenes Grundfutter einwerben. „Im Sommer 2018 wurde es aber schon schwierig, die Silage zuzukaufen“, berichtet Rüschen. Er bezieht das in angewelktem Zustand zu Rundballen gepresste und danach in Folie eingewickelte Gras von festen Lieferanten, aber der Dürresommer ließ die Wiesen im Norden verdorren. Die Folge: Statt normalerweise bis zu fünf üppiger Schnitte schafften viele Futterproduzenten nur einen oder zwei.

850 Rundballen benötigt Rüschen in diesem Winter und weil die nicht aufzutreiben oder zu teuer waren, hat er etwas Neues ausprobiert und 100 Rundballen aus gehäckseltem Mais pressen und wickeln lassen. Mit der Maissilage streckt Rüschen die Futterration und kommt so über den Winter – hofft er jedenfalls.

Denn wenn der Frühling auf sich warten lassen sollte, müssten die Tiere länger als geplant im Stall bleiben - diese Sorge teilt Rüschen mit Rinder- und Milchviehhaltern. Einige Hundert seiner Schafe weiden deshalb derzeit noch  Äcker ab, auf denen Landwirte Zwischenfrüchte oder Ackergras angebaut haben. Das spart Futter.

Gehäckselter Mais in Rundballen hilft in diesem Jahr weiter.


Ähnliche Probleme gibt es auch bei anderen Betrieben im Norden – wenngleich die große Katastrophe, wie sie zum Teil befürchtet wurde, im Emsland bislang ausgeblieben zu sein scheint. Dennoch: Die Preise sind vor allem im Herbst stark gestiegen – um bis zu 50 Prozent. Manchmal wird für einen Rundballen Heu mit bis zu 80 Euro auch glatt das Doppelte oder Dreifache des Vorjahrespreises aufgerufen – je nach Region auch noch mehr. Vor allem den Pferdehaltern mangelt es an Alternativen zu Heu und Silage – einige müssen zu fast jedem Preis kaufen.

So dramatisch sieht es bei Helmut Schwering aus Geeste-Groß Hesepe bei weitem nicht aus. Auf seinem gemeinsam mit dem Sohn geführten Betrieb müssen 125 Milchkühe gefüttert werden – sie benötigen fünf Tonnen Mais- und Grassilage – jeden Tag. Dazu kommt noch die weibliche Nachzucht und  die Trockensteher, also Kühe, die vorübergehend keine Milch geben. „Wir sind noch in der glücklichen Lage, Vorräte aus den Vorjahren füttern zu können", berichtet Schwering, der auch Vorsitzender des Landvolk-Kreisvereins Meppen ist und auch die Situation auf anderen Höfen gut kennt.

Eine Mischung aus Klee und Ackergras hat Helmut Schwering auf 20 Hektar Fläche rund um seinen Betrieb in Groß Hesepe ausgesät. Im frühjahr soll es einen frühen ersten Futterschnitt ermöglichen und die Lage im Kuhstall entspannen.


Dennoch sei das Jahr 2018 ein Besonderes gewesen, sagt er: „So eine Dürre habe ich in meiner beruflichen Laufbahn noch nicht erlebt“. Im vergangenen Jahr sei nicht nur insgesamt weniger geerntet worden, auch der Energiegehalt des Futters sei zum Beispiel beim Mais auf vielen Schlägen vergleichsweise niedrig ausgefallen. Deshalb müssten die Tiere mehr fressen, um ihre Leistungsfähigkeit und ihr Wohlbefinden zu erhalten.

Die Schwerings haben vorgesorgt, so weit das ging: „Wir haben mehr Flächen für den Anbau von Kleegras genutzt“, berichtet er. 20 statt sonst 13 Hektar. „Wir hoffen, dass wir genügend Regen und früh Wärme bekommen und dann Anfang Mai den ersten Schnitt ernten können. Noch ein Dürrejahr oder einen langen Winter können wir uns eigentlich kaum leisten.“

Zahlreiche Rinderhalter in Niedersachsen spüren beim Futterangebot weiterhin die Folgen des zurückliegenden Dürresommers. Manche Betriebe behelfen sich derzeit, indem sie Futterrationen mit Stroh strecken, andere haben Maissilage aus Regionen mit Ernteüberschuss gekauft. Foto: Ehrecke/Landwirtschaftskammer Niedersachsen


Etwas Abhilfe bei der Futtersuche hat die von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen ins Leben gerufene Grundfutterbörse geschaffen. Hier können Anbieter und Abnehmer von Heu, Stroh, Silage oder Mais niedersachsenweit in Kontakt treten. Die Eingabe von Angeboten sowie auch von Gesuchen ist kostenfrei.

„Eine erste starke Nachfrage erlebte die Grundfutterbörse im vergangenen Spätsommer“, berichtet Wolfgang Ehrecke, Pressesprecher der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. „Anfang September 2018 zählten wir mehr als 1000 angemeldete Nutzer, der Höchststand bei den Inseraten lag bei 132 Angeboten und 95 Gesuchen. Seit dem Start im August 2018 gab es rund 14000 Anzeigenaufrufe.“

"Etwas beruhigt"

Inzwischen habe sich die Lage aber wieder etwas beruhigt, berichtet Ehrecke. „Gleichwohl hören wir immer wieder, dass vor allem für Heu stets eine erhöhte Nachfrage herrscht. Es kann im Laufe der ersten Jahreshälfte je nach Witterungsverlauf durchaus sein, dass die Zahl der Nutzer, Gesuche und Angebote wieder deutlich steigt.“

Nach Einschätzung der Grünland-Expertin Christine Kalzendorf von der Landwirtschaftskammer „haben derzeit eine Reihe von Milchviehbetrieben Mühe, mit dem Futter bis zur nächsten Grasernte beziehungsweise bis zum nächsten Silieren hinzukommen.“ Deswegen würden die Futterrationen in den betroffenen Betrieben mit Stroh gestreckt.

Heuernte.


„Ende Februar oder Anfang März werden viele Betriebe feststellen, dass die Maissilage aus dem vergangenen Jahr nicht so ergiebig ist, wie die reine Masse vermuten lässt“, sagt Kalzendorf. Daher komme es jetzt darauf an, das Grünland etwa durch Nachsäen optimal auf den ersten Schnitt vorzubereiten, um später möglichst viel frisches Grundfutter ernten zu können. „Insgesamt werden die Auswirkungen der Dürre des vergangenen Jahres noch sehr lange beim Futterangebot zu spüren sein.“

Folgen hatte die Dürre auch für die Hersteller von Mischfutter für Schweine und Geflügel, weil diese viel Getreide einsetzen, von dem ebenfalls weniger geerntet wurde. Hermann-Josef Baaken, Sprecher des Deutschen Verbandes Tiernahrung, berichtet aber, durch den Zukauf von Agrarrohstoffen aus den EU-Nachbarländern sowie aus Nordamerika hätten die Mischfutterhersteller große Teile der deutschen Ernteverluste auffangen können. Die deutschen Nutztiere haben nach seinen Angaben 2015/2016 rund 85 Millionen Tonnen Futter gefressen, davon stammten 24 Prozent von Mischfutterherstellern. Der Rest werde als Grundfutter oder Getreide von den Betrieben selbst gewonnen.


Grundfutter

Heu

Wenn Landwirte eine Wiese oder einen Grasacker mähen und das Erntegut trocknen lassen, entsteht Heu.


Silage

Silage, auch Silofutter oder Gärfutter genannt, ist ein durch Milchsäuregärung konserviertes Futtermittel für Nutztiere oder auch Biogasanlagen. Die Silierung erfolgt unter Luftabschluss. Siliert werden können grundsätzlich alle Grünfuttermittel, unter anderem Gras (Grassilage), Mais (Maissilage), Klee, Luzerne, Ackerbohnen oder Getreide (als Ganzpflanzensilage). 


Stroh

Stroh bleibt bei der Ernte von Weizen, Roggen, Gerste, Triticale oder Hafer übrig und besteht aus den Halmen und den leeren Ähren der Getreidepflanzen. Es wird als Einstreu oder auch als Futter verwendet.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN