"Gelber Schein" für neun Euro Krankschreibung per WhatsApp: Was sagen Ärzte dazu?

Von Harry de Winter und dpa

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Eine Krankschreibung bzw. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu bekommen, ohne lange im Wartezimmer beim Arzt zu sitzen, das soll jetzt per Handy-App möglich sein. Symbolfoto: Harry de WinterEine Krankschreibung bzw. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu bekommen, ohne lange im Wartezimmer beim Arzt zu sitzen, das soll jetzt per Handy-App möglich sein. Symbolfoto: Harry de Winter

Meppen. Eine Krankschreibung bzw. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu bekommen, ohne lange im Wartezimmer beim Arzt zu sitzen, das soll jetzt per Handy-App möglich sein. Der "gelbe Schein" landet dann per WhatsApp auf dem Smartphone. Wie funktioniert das und was halten Ärzte in der Region von diesem Angebot?

Winterzeit ist Erkältungszeit, das ist nichts Neues. Wen es schlimmer erwischt hat, liegt flach und kann nicht zur Arbeit gehen. Bislang musste man sich trotzdem aufraffen und einen Arzt aufsuchen, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu bekommen. Ein Hamburger Start-up-Unternehmen bietet nun eine Lösung an, die es dem Erkrankten ermöglicht, ohne das Haus zu verlassen, an die Krankmeldung zu kommen. Auf der Webseite www.au-schein.de können die Symptome angekreuzt und die persönlichen Daten eingegeben werden. Diese werden dann an einen ausgewählten Arzt gesendet. Wenn dieser dann eine Erkältung feststellt, wird ein "gelber Schein" ausgestellt und per Whatsapp und per Brief versendet. Dafür wird eine Gebühr von neun Euro berechnet, die mit PayPal oder Sofortüberweisung bezahlt werden muss. Laut des Unternehmens gelte die Krankschreibung aber nur für Erkältungen, "da sie ungefährlich, gut erforscht und besonders gut per Anamnese zu diagnostizieren sind", heißt es auf der Internetseite. Zudem würden die meisten Erkälteten die Krankheitsanzeichen selbst erkennen und über die Therapieempfehlung aus eigener Erfahrung Bescheid wissen.

Maximal zwei Krankschreibungen pro Jahr 

Möglich sei dieses Angebot durch die im vergangenen Jahr erfolgte Lockerung des sogenannten Fernbehandlungsverbots, erklärt Firmengründer Can Ansay. Auch müssten die Krankschreibungen Rechtsgutachten zufolge von den Kassen anerkannt werden, selbst wenn diese von einer Privatärztin ohne Kassenzulassung ausgestellt würden. Erkältungen seien für Telemedizin optimal geeignet, da sie in der Regel ungefährlich und für den Arzt zumeist auch ohne persönlichen Kontakt diagnostizierbar seien. Um Tricksereien keinen Vorschub zu leisten, sei das Angebot auf maximal zwei Krankschreibungen pro Jahr beschränkt. Letztlich gelte aber für Whatsapp wie für den Arztbesuch: "Jeder Patient, der bewusst falsche Angaben macht, begeht einen Betrug."

Arzt muss Patient sehen

Von diesem Angebot hält Dr. Sylvan Amegashie, Allgemeinmediziner in Meppen, nichts. Der Hausarzt plädiert dafür, dass ein Arzt seinen Patienten in der Regel sehen müsse, um eine Diagnose zu stellen. "Wer krank ist, der muss zu uns kommen", so Amegashie. Normalerweise sei eine Erkältung kein Grund, nicht zur Arbeit zu gehen. Nur bei schwereren Infekten sei eine Arbeitsunfähigkeit zu attestieren. Telemedizin an sich sei aber eine gute Idee, sofern sie denn vernünftig umgesetzt werde. Das Internet-Angebot mit der Krankschreibung per WhatsApp zähle nicht dazu.

Fragwürdiges Angebot

Auch die Ärztekammer Niedersachsen hält die Geschäftsidee für höchst fragwürdig. "Der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt muss der Standard bleiben", sagt Thomas Spieker, Sprecher der Ärztekammer. "Für eine Krankschreibung sollte der Arzt den Patienten gesehen haben. Zumal sei die Glaubwürdigkeit einer solchen Bescheinigung nicht gerade hoch. Deshalb begrüßt Spieker, dass die Ärztekammer Hamburg diese Praxis gerade genau unter die Lupe nehme. Zwar sei die Kammer für Telemedizin, die sich gerade in Flächenlandkreisen wie dem Emsland anbieten würde, doch diese Geschäftsidee wäre nicht im Sinne dieser Idee. Die Ärztekammern in Hamburg und Schleswig-Holstein raten von der Nutzung des Online-Angebots des  Hamburger Start-ups ab - "allein schon aus datenschutzrechtlichen Gründen", wie der Ärztliche Geschäftsführer der schleswig-holsteinischen Kammer, Carsten Leffmann, erklärte. Ähnlich äußerte sich Nicola Timpe von der Ärztekammer Hamburg. Zudem müsse die rechtliche Grundlage des Online-Angebots noch geklärt werden, sagte sie. Auch könne es sein, dass misstrauische Arbeitgeber eine solche Krankschreibung nicht anerkennen. "Dann muss das letztendlich vor einem Arbeitsgericht entschieden werden".

Keine Internet-Diagnose

Diese Auffassung teilt auch der Allgemeine Patienten-Verband. "Wir sind nicht oft mit der Ärztekammer einer Meinung, aber in diesem Fall können wir nur zustimmen", sagt Verbandspräsident Christian Zimmermann. "Ein Arzt sollte sich immer ein Bild von seinem Patienten machen und nicht über das Internet eine Diagnose stellen." Selbst wenn man nicht in der Lage sein sollte, einen Arzt selbst aufzusuchen, bestehe immer noch die Möglichkeit, um einen Hausbesuch zu bitten. 

(mit dpa)


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