„Es hätte ein Nein geben müssen“ Ehemaliger Erprobungsleiter kritisiert Vorgehen vor Moorbrand in Meppen

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Weiße Birken mit schwarzen Füßen: Das Feuer hat zum Teil die Streuschicht am Boden verbrannt. Foto: Tobias BöckermannWeiße Birken mit schwarzen Füßen: Das Feuer hat zum Teil die Streuschicht am Boden verbrannt. Foto: Tobias Böckermann

Meppen. Der Moorbrand auf der Tinner Dose wird wohl noch lange ein öffentliches Thema sein. Der ehemalige Versuchsleiter der damaligen „Erprobungsstelle“, Horst Brüske, kritisiert das Vorgehen scharf, fordert aber nach ausreichender Aufarbeitung auch ein Ende der Diskussionen. Er selbst hatte sich geweigert, Versuche mit Quecksilbermunition durchzuführen.

Brüske hat von 1961 bis 1994 auf der WTD in der Funktion als Erprobungsleiter für Waffen und Munition gearbeitet. Er sagt: „Ich kann es nicht gutheißen, derartige Versuche während einer solchen Hitzeperiode durchzuführen.“ Zur Erinnerung: Das wochenlang andauernde Feuer war durch das Abfeuern von Luft-Boden-Raketen ausgelöst worden.

Konfliktsituation

„Vonseiten der Dienststellenleitung der WTD 91 sowohl als auch vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz (BWB) hätte dieser Versuch unterbunden werden müssen“, sagt Horst Brüske. Aber auch Schieß- und Versuchsleitung bleibe kein Vorwurf erspart: „In Kenntnis der drohenden Brandgefahr hätte ein ,Nein‘ erfolgen müssen.“

Der inzwischen 81 Jahre alte Brüske berichtet, er selbst habe sich nach der „Wende“ in einer Konfliktsituation befunden. „Ich sollte mit dem Schützenpanzer BMP 1 der ehemaligen Nationalen Volksarmee Schießversuche durchführen. Aufgrund der uns bekannten hohen Quecksilberbelastung der Munition mit 13 mm Kaliber habe ich jedoch entgegen der Dienststellenleitung und nachgeordneten Vorgesetzten und auch entgegen der Weisung der Vorgesetzten Dienststelle, des BWB, das Schießen verweigert.“

Fachmann des Pulverlabor

Brüske zur Seite gestanden habe ein akademischer Fachmann des Pulverlabors, der die hohe Quecksilberbelastung durch entsprechende Messungen untermauert habe. „Es war für mich ein schwieriges Unterfangen, das sich über Wochen hinzog. Ich habe mich jedoch durchgesetzt, und es ist kein Schuss gefallen. Der Schießplatz blieb sauber und quecksilberfrei“, erinnert sich Brüske.

Zu dem sehr bedauerlichen Vorfall dieses Sommers hätte es aus seiner Sicht „zwar ohne Frage nicht kommen dürfen. Aber hierfür sind Menschen verantwortlich, und Menschen machen immer wieder Fehler. Ein Blick in unsere heutige Welt zeigt Fehler auf, die von unseren Volksvertretern sicher nicht immer aus Unwissenheit gemacht werden, sondern weil auch sie nur einfache Menschen sind. Daher sollten unsere Landes- und Kommunalpolitiker nicht den Stab über die WTD 91 brechen und möglicherweise die Existenz der WTD 91 infrage stellen.“

Frage der Kostenübernahme

Die anfallenden Kosten müssten und könnten „selbstverständlich von der Bundeswehr übernommen werden“. Die Natur werde sich in den nächsten Jahren wieder erholen, ist Brüske überzeugt. Aber auch davon, dass die Bundeswehr und ihre Bündnispartner die WTD 91 bräuchten. Denn die ersten Geräte seien nach Entstehen der Bundeswehr erprobt und eingeführt worden, und das Personal habe immer sorgfältig und zuverlässig gearbeitet. „Es wurde immer darauf geachtet, dass die Bundeswehr brauchbares, funktionstüchtiges und sicheres Gerät bekommt.“

Große Mitschuld?

Brüske kritisiert, dass die Firma, die diesen Auftrag unbedingt zu diesem Zeitpunkt habe durchführen wollen, eine große Mitschuld trage. „Auch ohne große Kenntnis der Moorlandschaft hätte sie die Gefahr erahnen können, die durch diese Versuche entstehen kann. Wenn der Versuch von der WTD 91 abgesetzt worden wäre, hätte sie eine Konventionalstrafe von 500000 Euro gefordert.“ Auch dies sei „unter den gegebenen Umständen“ unanständig. Die WTD 91 beziehungsweise die Bundeswehr müssten erwägen, ob man Fremdfirmen fernerhin Zusagen machen sollte, den Schießplatz für Übungen zu nutzen, wenn damit finanzielle Forderungen verbunden seien, die auch bei Nichtnutzung durch höhere Gewalt aufrechterhalten blieben, sagt Brüske.

Wenn aber dann alle Schadenersatzzahlungen ohne Rückhalt getätigt worden seien, „sollte man hinter das Thema Moorbrand einen Punkt setzen. Die WTD 91 wird heute mehr denn je, dringender gebraucht, um dem Eigenbedarf und dem der Bündnispartner gerecht zu werden. Nicht zuletzt sollte daran gedacht werden, dass sie einer der größten Arbeitgeber und somit Steuerzahler in dieser Region ist. Ein ähnliches Ereignis wie dieser Moorbrand wird sicher nicht wieder vorkommen“, hofft Brüske.


Gift in Munition und Fahrzeugen

Ende 1990, nachdem die DDR Teil der Bundesrepublik geworden war, bekamen das damalige Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung die Aufgabe, das Material der Nationalen Volksarmee zu untersuchen, mit erschreckenden Ergebnissen.

100 Waffen- und Munitionsspezialisten der Wehrtechnischen Dienststelle (WTD 91) gingen mit besonderer Vorsicht an diese Aufgabe. Der damalige Versuchsleiter Horst Brüske fand bei der Untersuchung des Schützenpanzers BMP 1 zusammen mit seinen Kollegen Hinweise auf das hochgiftige Quecksilber in den Zündern der Munition. Bereits im Frühjahr 1991 sprach sich dies herum. „Die Treibladungszünder enthalten zum Beispiel in vielen Fällen so viel Quecksilber, daß ein Übungsplatz in kürzester Zeit verseucht wäre“, heißt es in einem Bericht in der Meppener Tagespost vom 2. März 1991 nach einem Gespräch mit Dienststellenleiter Heinz Weßling und Baudirektor Horst Nebel.

Im Juni haben die beiden Hauptverantwortlichen weitere Ergebnisse bekannt. Es wurden unter anderem Schmier- und Motorenöle für die Waffen aus sowjetischer und tschechoslowakischer Produktion verwendet, die Krebserkrankungen auslösende polychlorierte Biphenyle (PCB) enthalten. Über das Kriegsmaterial und die Munition sagte Ingenieur Nebel: „Das Zeug war auf schnellen Verbrauch in einem Angriffskrieg zugeschnitten.“ Den Militärs und Politikern sei das Wohl und Wehe der eigenen Soldaten wohl nicht so wichtig gewesen. Dies machte Nebel auch am hohen Unfallrisiko für die Soldaten fest, weil Munition schlecht gegen unbeabsichtigtes Zünden gesichert war und viele Waffen und Waffensysteme eine hohe Verletzungsgefahr aufwiesen.

In einem Bericht in der Meppener Tagespost über eine Fachtagung in Meppen im November 1991 ist zu lesen, dass die Bundeswehr einen Vorschlag aus Meppen aufgegriffen hat. Die Munitionsbestände wurden von der Bundeswehr überwacht in Spezialbetrieben unter hohen Sicherheitsvorkehrungen in ihre Bestandteile zerlegt, die dann fachgereicht entsorgt werden konnten. mf

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