Bassist spielt im Juli 2019 in Meppen CJ Ramone über seine Zeit bei den Punk-Ikonen Ramones

Einst bei den Ramones, heute als Solokünstler unterwegs: Punkrocker CJ Ramone (links). Foto: Silvy MaatmanEinst bei den Ramones, heute als Solokünstler unterwegs: Punkrocker CJ Ramone (links). Foto: Silvy Maatman

Meppen. Er war Bassist einer der einflussreichsten Punkbands – und hält nun deren musikalisches Erbe lebendig: Am 27. Juli 2019 wird CJ Ramone mit seiner Band beim Kleinstadtfestival in Meppen auftreten. Wir haben ihn interviewt.

Von der Urbesetzung der 1974 in New York gegründeten Ramones (bestehend aus Joey, Johnny, DeeDee und Tommy Ramone) ist heute niemand mehr am Leben. CJ Ramone stieß 1989 zur Band. Im Interview spricht er über Image und Wirklichkeit der Ramones, beschreibt, was für ihn die Schönheit Amerikas ausmacht – und erzählt, warum er das Angebot ausschlug, bei Metallica einzusteigen.

CJ, erinnern Sie sich, wo und wann Sie erstmals einen Ramones-Song hörten?

Ich war zwölf oder 13 Jahre alt und wuchs in einer ländlichen Region auf. Hinter unserem Haus gab es einen Wald, wo ich zwei hübschen blonden Mädchen begegnete. Eines von ihnen nahm mich mit zu sich nach Hause. In ihrem Zimmer zeigte sie mir das erste Ramones-Album und fragte, ob ich die Ramones kannte. Ich hatte von ihnen gehört, sie mir aber nie bewusst angehört. Also legte sie die Platte auf und setzte sich neben mich aufs Bett. Das war das erste Mal, dass ich die Ramones hörte und das erste Mal, dass ich ein Mädchen küsste. Es ist also leicht, sich daran zu erinnern (lacht).

Was zog Sie zum Punk, als Sie ein Teenager waren?

Wahrscheinlich das Gefühl, nirgends hinzugehören, nicht einmal zu den Außenseitern. Das empfinden wohl die meisten Jugendlichen: Entfremdung und die Angst, nicht dazuzugehören. Ich war gegen Autoritäten, wollte mir von niemandem etwas sagen lassen, sondern die Dinge auf meine Art tun.

1989 suchten die Ramones einen neuen Bassisten. Stimmt es, dass Sie zum Vorspielen gingen, ohne DeeDee wirklich ersetzen zu wollen, sondern bloß um mit der Band zu jammen?

Zu jener Zeit war ich beim Marine Corps und hatte Heimaturlaub. Ich glaubte nicht, den Job bekommen zu können, aber hielt es für eine gute Gelegenheit, die Band zu treffen und mit ihnen zu spielen. Als ich vom Vorspielen nach Hause kam, rief ich alle meine Freunde an und sagte ihnen, „ich habe heute mit den Ramones gespielt“ und ging mit dem Gedanken ins Bett, ein einmaliges Erlebnis gehabt zu haben. Zu meiner großen Überraschung baten sie mich, nochmal vorzuspielen – und so lief es.

Wie viele Bewerber gab es?

Anfangs hörte ich, sie hätten um die 70 Bewerber gehabt, aber Monte Melnick (langjähriger Ramones-Tourmanager, Anm. d. Red.) sagte, es seien etwa 40 gewesen, was wohl eher der Wahrheit entspricht.

Und wie erfuhren Sie, dass Sie das Rennen gemacht hatten?

Ich erfuhr es, nachdem ich vom Marine Corps inhaftiert worden war, weil ich länger fortgeblieben war als erlaubt. Ich wurde zuhause in Long Island festgenommen, drei Tage später war ich in Virginia in Haft. An meinem ersten Abend schaute ich mit den anderen Jungs im Gemeinschaftsraum fern, als mich der diensthabende Wärter ans Telefon rief. Johnny Ramone war dran. Ich sagte, „Johnny, es tut mir leid, eure Zeit vergeudet zu haben. Ich werde hier noch einen Monat bleiben müssen und dann entlassen sie mich.“ Er sagte: „Okay, sitz‘ es ab, und wenn du rauskommst, hast du den Job!“

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Als Sie die Ramones persönlich kennenlernten – waren sie so, wie Sie es sich vorgestellt hatten oder ganz anders?

Sie waren kein bisschen so, wie ich gedacht hatte (lacht). Ich hatte erwartet, einer Bande beizutreten, dabei war es eine gut geölte, streng geführte Maschine. In vieler Hinsicht war es für mich eine Lektion fürs Leben über Wahrnehmung und Image und darüber, die Leute glauben zu machen, was sie glauben sollen. Als ich über den ersten Schock hinweggekommen war, wurden Joey, Johnny und Mark zu Freunden für mich. Mein Bild von ihnen änderte sich nie völlig, ich behandelte sie immer noch anders als alle anderen. Ich hielt an diesem unschuldigen Teil meiner Jugend fest, aber konnte zu allen eine enge Beziehung entwickeln. Bis heute einige der wichtigsten Beziehungen für mich.

Sie waren ziemlich jung, als Sie zu den Ramones stießen, die anderen waren mindestens 13 Jahre älter. Wer von ihnen beeinflusste Sie am meisten?

Schwer zu sagen. Joey war der kreative Songschreiber-Typ, von ihm habe ich diesbezüglich viel gelernt. Aber lernen, Songs zu schreiben und sich musikalisch auszudrücken ist großartig, doch wenn man nicht, wie in jedem anderen Job, Disziplin, gute Arbeitsmoral, Motivation und all diese Dinge hat, zählt es nicht viel. Man kann eine Million tolle Songs haben, aber wenn niemand sie je gehört hat, ist es zwecklos. Und da kam Johnny ins Spiel. Er zeigte mir die geschäftliche Seite, wie man eine Band auf Tour führt, wie man unterwegs die Moral hochhält. Was ich von den beiden lernte, war gleichermaßen wichtig, wobei Joey das Kreative, Johnny mehr das Arbeitstechnische abdeckte. Dieses Wissen erlaubt mir, lange nach dem Ende der Ramones das weiterzumachen, was ich gerne mache.

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Ihr jüngstes Solo-Album heißt „American Beauty“. Mit dem Begriff verbindet jeder etwas anderes, sei es eine Rosensorte, ein Grateful-Dead-Album oder ein Filmklassiker. Was hatten Sie im Sinn?

Albumtitel und Covergestaltung waren erst ganz anders. Aber weil das politische Klima in den USA seit Langem sehr impulsiv ist, wollte ich nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Die Leute füttern ihre Unzufriedenheit, ihren Ärger und ihre Frustration, weshalb ich der ganzen Negativität etwas entgegensetzen wollte. Es passiert so viel Gutes, das die Leute schlicht übersehen. Wir hatten noch nie so viel politisches Bewusstsein in unserer Geschichte, noch nie so viele Leute, die bereit sind, sich für die Rechte anderer einzusetzen. Für mich tragen all diese Dinge zur Schönheit Amerikas bei, diese ganze Sache des „Lands der Migranten“. Darüber wollte ich eine Aussage machen. Viele Leute haben sich über die Flagge auf dem Cover aufgeregt, aber damit identifizieren wir uns immer noch vor uns selbst und vor der Welt. Außerdem ist schon allein der Titel die Aussage; das Bild des Sternenbanners ist nur der visuelle Teil. 

Einer der Songs auf dem Album, „Pony“, stammt von Tom Waits, genau wie „I Don’t Wanna Grow Up“, schon 1996 von den Ramones interpretiert. Warum eignen sich seine Songs so gut als Punk-Coverstücke?

(lacht) Als wir „I Don’t Wanna Grow Up“ aufnahmen, ging es auf meinen Vorschlag zurück. Ich bin seit Langem ein Fan von Tom Waits. Er lebt gewissermaßen in der gleichen Welt wie die Ramones – und das ist so ziemlich seine eigene Welt. Die Ramones gehörten nie einer bestimmten Szene an, ähnlich wie Motörhead oder AC/DC, ikonische Bands, die ihre eigene Szene schufen. Es ist schwer, Tom Waits in eine musikalische Schublade zu stecken. Das machte ihn immer interessant für mich. Indem ich einen Tom-Waits-Song covere, versuche ich, die Leute zu seiner Musik zu lenken, denn wenn man die Ramones mag, stehen die Chancen gut, dass man beim Hören von Tom Waits ein verbindendes Gefühl bekommt.

Ein weiterer Song, „Tommy’s Gone“, ist ein Tribut an Tommy Ramone. Was bedeutet er für Sie und das Erbe der Ramones generell?

Tommy ist so ziemlich der Schöpfer des Ramones-Universums. Das war lange nicht bekannt. Später war es hauptsächlich Johnnys Wille, der die Ramones zusammenhielt. Aber Sound, Aussehen und Image stammen von Tommy. Schon bevor ich der Band angehörte, wurde mir Tommys Bedeutung klar, indem ich die Karriere der Ramones Album für Album dekonstruierte. Geht man von „Brain Drain“ rückwärts, ist das erste wirklich tolle Album „Too Tough To Die“. Alles ist vorhanden: Richie brachte eine Aggressivität in die Band, er und DeeDee sind eine klasse Rhythmus-Sektion. Von da rückwärts ist „Road To Ruin“ die nächste richtig starke Ramones-Platte. Von da an zurück bis zum Debütalbum ist es der größte Brocken großartiger Musik, den sie je herausbrachten. All diese Platten haben zweierlei gemeinsam: Tommy Ramone und Ed Stasium (als Produzenten, Anm. d. Red.). Sobald diese beiden nicht am Ruder sind, sind die Ramones-Alben schwach produziert, haben großartige Momente, aber viel mittelmäßiges Songwriting. Die leitende Hand fehlt. Als ich zur Band stieß, erklärte mir Johnny, dass Tommy jedem sagte, welches Instrument er spielen sollte und was sie tragen sollten: Lederjacken, zerrissene Jeans, Turnschuhe. Tommy wollte nie der Schlagzeuger sein, nur der Manager, aber konnte keinen finden, der den Stil beherrschte, den er im Sinn hatte. Also spielte er selbst Schlagzeug, bis sie einen Drummer fanden. So begannen sie mit dem Sound, für den sie bekannt sind. 

Also war Tommy Ramone für die Ramones, was Malcolm McLaren für die Sex Pistols war ...

Tommy war ein Visionär, weil die Ramones eine musikalische Revolution in Gang setzten. Es gibt Musik vor und nach den Ramones. Diese Revolution lief Jahrzehnte, bis in die 90er, mit Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden, der ganzen Seattle-Szene, wohl die letzte wirklich große Rockszene. Alle diese Bands nannten die Ramones als Einfluss. Sogar Metallica taten das. All das begann mit Tommys Idee.

Apropos Metallica: Denen hätten sie als Bassist beitreten können, ein paar Jahre nach der Auflösung der Ramones.

Ja! Johnny und Kirk Hammett (Metallica-Leadgitarrist, Anm. d. Red.) waren gute Kumpel, beide sammelten eifrig Horrorfilm-Poster. Eines Tages rief mich Johnny an und sagte: „Hey, erzähl‘ es niemandem, aber Jason Newsted hat der Band mitgeteilt, dass er aussteigt. Sie wissen, was du kannst und sie wollen dich.“

Jedoch schlugen Sie das Angebot aus ...

Kurz zuvor war bei meinem Sohn Autismus diagnostiziert worden, deshalb musste ich es ablehnen. Johnny, der mein Vorbild und Mentor war, meinte: „Es wird Leute geben, die euch auf Tour begleiten und sich um ihn kümmern werden. Es wird dein Leben verändern.“ Ich erklärte es dem Arzt meines Sohnes. Er sagte: „Wenn Sie wollen, dass ihr Sohn die besten Chancen erhält, muss er täglich am gleichen Ort aufwachsen, zur gleichen Zeit frühstücken und zur Schule gehen. Ihr Sohn braucht ein stark reglementiertes Leben und Stabilität, mehr als alles andere.“ Also sagte ich Johnny, dass ich es nicht machen könne. Er war echt sauer auf mich und sprach länger nicht mit mir.

Aber heute bedauern Sie Ihre Entscheidung nicht?!

Ich könnte es nicht bedauern. Das Schöne ist: Wenn Sie meinen Sohn heute sähen, kämen Sie kaum darauf, dass er Autist ist. Er schloss die High School mit Auszeichnung ab, ging zwei Jahre aufs College, um Kochkünste zu studieren. Jetzt ist er Koch in einem Restaurant und hat ein ziemlich gutes, normales Leben. Ich sage nicht, das sei nur deshalb so, weil ich nicht bei Metallica einstieg, aber hätte ich mich nicht um ihn gekümmert, wäre es für ihn nicht so gut gelaufen. Und glauben Sie mir: Ich bin ein großer Metallica-Fan und hätte gerne mit ihnen gespielt. Aber ich war schon bei den Ramones, das ist schwer zu schlagen. Ich glaube nicht, dass Metallica mir genauso viel bedeutet hätte. Wäre das Geld toll? Absolut! Ich würde mir wünschen, nie über Geld nachdenken zu müssen. Aber zu wissen, dass mein Sohn ein gutes Leben und eine gute Zukunft hat und all das tun kann, was andere können, bedeutet viel mehr. 

(Weiterlesen: Kartenvorverkauf für Meppener Kleinstadtfestival 2019 beginnt)

Es gibt Leute, die behaupten, Punk sei tot, andere bestreiten das. Davon ab: Was bedeutet Ihnen Punk heute?

Leute sagen seit sehr langer Zeit, dass Punk tot sei. Das sehe ich nicht so (lacht). Punk mag nicht mehr so populär sein wie in den 90ern, aber es gibt immer noch viele Punks. Punkrock existierte schon immer in verschiedenen Spielarten: In Europa und an der Westküste war er fast durchweg politisch. An der US-Ostküste ging es nicht um Politik oder dergleichen, sondern darum, sein eigenes Ding zu machen. Nicht völlig nihilistisch, aber definitiv das Establishment veralbernd. Damit wurde ich groß. Für mich ging es dabei mehr um die Freiheit des Ausdrucks und darum, nichts auf die Meinungen anderer zu geben. Heute geht es bei Punkrock wieder mehr um Politik, wegen des politischen Klimas in der Welt. Verärgerte junge Leute singen darüber, was sie täglich sehen und was sie ändern wollen. Das ist gut, und das ist stets der Job der Jugend: einen an Dinge zu erinnern, die kaum wahrgenommen werden. Jetzt geht Punkrock dahin zurück. In den 90ern und frühen 2000ern gab es Punkrockbands, die in Stadien spielten. Das ist super, ich schaue es mir gerne an, doch es driftet weg vom Punkrock-Ethos. Bands mit politischen Inhalten verlieren oft ihre Macht, wenn sie größer und größer werden, weil dann ihre Botschaft schwindet. 

Heute kommen jüngere wie ältere Leute zu Ihren Konzerten. Warum kann Punk Generationen übergreifen?

Musik, die man hört, wenn man seine Persönlichkeit entwickelt, bleibt einem ein ganzes Leben. Keine Musik wird je so wichtig sein. Das hat körperliche und mentale Gründe. Wenn das passiert, ist es wie ein Erwachen. Als Kind wuchs ich während des Kalten Kriegs auf. Durch Black Sabbath wurde ich auf viele Dinge angetörnt, weil sie über das sangen, worüber ich mich sorgte und was mich bewegte – vom Atomkrieg bis zum Gras rauchen und dergleichen. Black Sabbath und die Ramones sind das Fundament von allem, was ich künstlerisch geschaffen habe, weil sie das ansprachen, was ich fühlte, als ich erwachsen wurde. Deshalb erlebe ich, wie Eltern ihre Kinder zu meinen Konzerten mitbringen. Ich habe Leute über 70 getroffen, die sagten: „Ich habe die Ramones 1975 gesehen.“ Vor ein paar Jahren spielten wir in Key West, Florida, und da war ein älterer Typ, der aus New York City stammte und dort die Geburt der Punkszene erlebt hatte. Er hatte alle Bands gesehen, von Television über Blondie und Talking Heads bis zu den Ramones, hatte die ganze CBGB-Szene erlebt. Nach dem Konzert kam er zu mir und sagte: „Es tut so gut, diese Songs wieder live zu hören.“ Genau das meine ich: Nichts wird jemals besser klingen als das, was man in jener Zeit gehört hat.  


Sieben Jahre Bassist der Ramones

CJ Ramone, bürgerlich Christopher Joseph Ward, wurde am 8. Oktober 1965 im New Yorker Stadtteil Queens geboren und wuchs dort sowie in Deer Park auf Long Island auf. Als Jugendlicher lernte er Schlagzeug und E-Bass und spielte später in der Heavy-Metal-Band Axe Attack. Nach der High School arbeitete Ward als Flugzeugbauer und leistete Militärdienst beim Marine Corps. 1989 stieg er unter dem Künstlernamen CJ Ramone bei den Ramones ein und gehörte der Band bis zu deren Auflösung 1996 an.

Danach wirkte er bei Los Gusanos, Ramainz und Bad Chopper mit. „American Beauty“, erschienen 2017, ist sein drittes Soloalbum, jüngst brachte er die Single „Christmas Lullaby“ heraus. Der Vater zweier Töchter und eines Sohnes ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt auf Long Island.

Am 27. Juli 2019 wird CJ Ramone zum Kleinstadtfestival nach Meppen kommen und dort Ramones-Klassiker und eigene Songs spielen. Informationen zum Ereignis und zum Ticketverkauf auf www.kleinstadtfestival.de. trg

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