Heimspiel für Tobias Sudhoff Bernd Stelter in Meppen: „Ich will auch gar nichts anderes sein ...“

Von Petra Heidemann

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Meppen.   „Wer Lieder singt, braucht keinen Therapeuten“ – von diesem Motto hat sich das Publikum des ausverkauften Theaters in Meppen in Bernd Stelters musikalischer Lebensreise drei Stunden voll und ganz überzeugen lassen.

Unverschnörkelt frisch von der Leber weg einfach einen „schönen Abend“ wünschend, hatte der Nicht-nur-Kabarettist 24 seiner in sechs Kabarett-Programmen „abgespielten“ Lieder im Gepäck, viel zu schade, sie nicht noch einmal auf die Bühne seines 30-jährigen Bühnenjubiläums zu bringen. Mit dabei sein Kabuff-Orchester mit dem gebürtigen Meppener Tobias Sudhoff (Piano, Glöckchen und Melodica) und dem Jazzgitarristen Daniel Goldkuhle (vier Gitarren, Trommel). „Zwei sind kein Kammerorchester, die brauchen nur ein Kabuff (kleiner Abstellraum)“.

Feinfühliges Aufgreifen

Sudhoff, einst Schüler des Meppener Windthorstgymnasiums, und Goldkuhle zeichneten nicht nur feinfühliges Aufgreifen unterschiedlicher Stimmungen der Stelter’schen Lieder und präzises, nuancenreiches und dynamisches Spiel aus, sie bereicherten nicht nur begleitgesanglich oder mit kleinen fetzigen Dialogen, sondern glänzten auch solistisch.

Erkennungssong

Das Publikum ließ seiner Begeisterung gleich beim „Erkennungssong“ „Ich hab‘ drei Haare auf der Brust, ich bin ein Bär“ klatschend und mitsingend freien Lauf. Dann gewährte Stelter Einblick in seine ersten Schritte als Liedermacher mit dem „Salzwasser-Rock“ eines 15-Jährigen, der hätte Pfarrer oder Organist werden sollen, aber die Gitarre praktikabler fand. Dem gegenüber stellte Stelter sein volltöniges Stimmungsbild aus heutiger gereifter Sicht „Ich will am Meer sein“. Den Weg dazwischen skizzierte der 57-Jährige als musikalische Lebensetappen.

Die Pubertät der „in den 1970er Jahren“ versetzte so manchen gedanklich zurück in die Zeit der Schlaghosen, Hotpants und Drei-Meter-Schals. „Pubertät sei mehr als Pickel“ und die „Neuvernetzung der Stirnlappen“ bedinge einfach einen „Wahrnehmungsstau“. Mit „Abschied“ erinnerte er sich ein wenig weise-wehmütig seiner Bonner Studentenzeit, um anschließend als „Komplimenten-King“ digitales Flirt- und Partnerfindungsverhalten ad absurdum zu führen mit „Ich brech die Herzen der coolsten Ischen“. In der „Stelter-Saga“ suchte er vergeblich bei Mose, Wolfgang Amadeus und Galileo nach einem Vertreter des Namens Stelter. Mit „Ikarus“ setzte er so ernst wie dankbar dem Miterleben des Mauerfalls ein Denkmal nicht in Vergessen geraten dürfender Freiheit.

Gefühlswelt

Immer wieder öffnete der Künstler authentisch seine Gefühlswelt, wenn er hingebungsvoll, aber weit weg von Sentimentalität oder gar Kitsch, liebevoll-vertraute Beobachtungen kleinster Gesten und Gewohnheiten seiner Frau besang, „Wenn sie Schokolade isst“ und „Ich bleib immer neugierig auf Dich“, oder sich als einfühlsamer Ganz-und-gar-Vater erwies mit „Guten Morgen, kleiner Mann“ und „Gute Nacht, mein Engel“. Die kleinen, aber umso wichtigeren Momente, die das Leben ausmachen, verbalisierte Stelter auch in „Das Gute“ und erwies sich als Meister, Tiefgründiges durch Schmunzeln schweben zu lassen. Wortspiele, kabarettistisches Auf-den-Punkt-Bringen und scharfsinniges Sezieren von Alltagsgewohnheiten, „Schalt den Fernseher aus“, brachten die Balance in ein Programm, das menschliche Schwächen lächelnd betrachtete und ihnen Positives abzugewinnen verstand. Während „Komm, setz Dich her“ schottische Gemütlichkeit verbreitete, riss „Schnall mich fest, mein lieber Mann“ als Persiflage auf sex-industrielles Verhalten zu Lachsalven hin. Selbstkritisch-leicht betrachteten „Männer über 50“ und „Alte-Männer-Rock ‚n Roll“ humorvoll die eigenen Veränderungen als liebenswert. Das Trio rockte den Saal.

„Nackig – knackig“

Umso tiefgehender schloss das Programm mit der Erinnerung „Ein Leben lang“ an das Leben und Sterben seiner Eltern, nicht schwermütig, sondern liebevoll mit großem Respekt erinnernd, dass manche verstohlene Träne beim Publikum schimmerte. Solchen Schlusspunkt ließ der frenetische Applaus nicht zu. Gerne brachte der Kabarettist, Liedermacher und Schriftsteller humoristischer Krimis noch sein philosophisch-witziges Lied über die absurden Fragen des Lebens sowie sein selbstironisches „Nackig - knackig“ zu Gehör, bevor er mit „Der Clown“ einen Vorausblick in sein nächstes Programm gewährte und den Abend besinnlich beschloss - anderen einen Moment der Freude schenken, „ein Clown, ich will auch gar nichts anderes sein“.


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