Landkreis fordert Ausgleich Wie viel Natur bleibt nach dem Moorbrand in der Tinner Dose?

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Straßenbau in Heide und Moor: Was für die Brandbekämpfung auf der WTD 91 notwendig gewesen ist, dient nicht zwingend der Natur. Foto: Tobias BöckermannStraßenbau in Heide und Moor: Was für die Brandbekämpfung auf der WTD 91 notwendig gewesen ist, dient nicht zwingend der Natur. Foto: Tobias Böckermann

Meppen/Haren. Nach dem Ende des Moorbrandes in der Tinner Dose geraten die Aufarbeitung der Löscharbeiten und die ökologischen Folgen zunehmend ins Blickfeld. Aber noch gibt es mehr Unklarheiten als konkretes Wissen.

Das ist in einer Sitzung des Feuerschutzausschusses des Landkreises Emsland deutlich geworden. Der zuständige Dezernent Marc-André Burgdorf berichtete über die aktuellen Erkenntnisse seiner Behörde. Sie ist mit der Unteren Naturschutzbehörde auch für das FFH-Gebiet 44 „Tinner Dose-Sprakeler Heide“ und das Vogelschutzgebiet V 15 „Tinner Dose“ als Aufsichtsbehörde zuständig.

Burgdorf berichtete, man müsse beim Moorbrand drei Schadenskomplexe in den Blick nehmen: erstens die direkt durch das Feuer verursachten Schäden am Hochmoor, zweitens die Schäden durch die Brandbekämpfungsmaßnahmen und drittens den entstandenen Schaden für das Klima durch freigesetzte Klimagase.

Anhand von einigen Grafiken erläuterte die Kreisverwaltung die Abläufe beim Moorbrand. Foto: Tobias Böckermann


Burgdorf erläuterte, die Schäden am Moor selbst müssten zwingend durch Gutachter untersucht werden. Man benötige eine exakte Darstellung der Brandfläche, die Kartierung der Vegetation im Zustand nach dem Feuer und einen Abgleich mit dem Zustand davor. Es müsse geklärt werden, ob ein Schaden durch Einbringen nährstoffreichen Löschwassers entstanden sei und das Wiederbesiedelungspotenzial der verbrannten Flächen durch hochmoortypische Flora und Fauna eingeschätzt werden.

Immerhin: Es müsste eigentlich eine recht ordentliche Datenbasis geben, weil für alle FFH-Gebiete ein Managementplan erstellt werden musste. Er soll sicherstellen, dass sich der Zustand der Schutzgebiete nicht verschlechtert. Informationen unserer Zeitung zufolge, hatte die Bundeswehr derartige Untersuchungen zumindest teilweise auf der WTD durchführen lassen und auch ein digitales Höhen- und Geländemodell erstellt.

Wertvoller Randbereich der Tinner Dose.


Letzteres könnte man wie von Dezernent Burgdorf gefordert mit einem jetzt zu erstellenden neuen Modell vergleichen und dadurch vermutlich auch feststellen, wie viel Torf denn tatsächlich verbrannt sind. Bisher dürfte niemand dazu verlässliche Erkenntnisse besitzen.

Burgdorf erläuterte weiter, es seien auch Schäden durch die Brandbekämpfungsmaßnahmen selbst entstanden. So habe die Bundeswehr 18.000 Tonnen Schotter für den Wegebau eingebracht – für Wege, die es vorher so nicht gab oder die nur aus Sand bestanden hatten. Grundsätzlich dürfe Schotter aber nicht in Moorschutzgebiete eingebracht werden, sagte Burgdorf. Man müsse prüfen, ob man zumindest Teile zurückbauen müsse.

18000 Tonnen Schotter sind in die Sprakeler Heide und die Tinner Dose eingebracht worden. Foto: Tobias Böckermann


Das Ausmaß der freigesetzten Klimagase sei derweil noch nicht zu quantifizieren, sagte Burgdorf. Dies müsse durch Sachverständige geschehen und dann gemeinsam mit der Bundeswehr überlegt werden, wie der entstandene (Klima-)Schaden insgesamt auszugleichen sei. Verwaltung und Kreistag hätten sich stets für die Wiedervernässung von Mooren als CO2-Speicher ausgesprochen.

Die wesentlichen Punkte habe man der WTD-Leitung inzwischen mitgeteilt und in einem Schreiben an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kommuniziert.

So sieht lebendes Hochmoor aus: Sogenannte Bulten- und Schlenken-Komplexe wechseln sich ab. Gemeint sind Bereiche, die tiefer im Wasser liegen (Schlenken) und solche, die darüber hinaus wachsen (Bulten). Zu sehen ist hier rotes Torfmoos. Dieses Fotos stammt nicht aus der Tinner Dose, weil derart nasse Bereiche dort zwar vorhanden, aber nicht zugänglich sind. Foto: Tobias Böckermann


Kreisdezernent Marc-André Burgdorf vermittelte den Mitgliedern des Ausschusses einen ausführlichen Überblick über den aktuellen Sachstand (wir berichteten kurz). Teil des Vortrages waren auch die Messungen von Schadstoffen, die durch das Feuer in die Luft gelangt waren. Auch hatte er die Kommunikation durch die Bundeswehr kritisiert.

Burgdorf berichtete, es seien 29 Messungen durchgeführt worden und zwar ab dem 18. September zunächst im Auftrag der Bundeswehr. Das Feuer war allerdings bereits am 3. September bei der Erprobung zweier Raketen entstanden - sie hatten das extrem ausgetrocknete Moor in Brand gesetzt. Weil eine Löschraupe nicht einsatzfähig war und die zweite einen Kettenschaden erlitt, konnte sich das Feuer ausbreiten.

Hauptproblem: Die Bundeswehr schätzte die Lage offensichtlich falsch ein und forderte zu spät die Hilfe kommunaler Feuerwehren an. Streit gab es dann in der Folge (wir berichteten mehrfach) um den Zeitpunkt der ersten Schadstoffmessungen. Hier ergaben sich im Ausschuss keine neuen Erkenntnisse.

Burgdorf betonte, es habe angesichts der Messergebnisse nie eine akute Gefahr für die Bevölkerung bestanden. Der Landkreis Emsland sei erst mit dem Feuer befasst gewesen, nachdem die Bundeswehr am 14. September erstmals überhaupt die Kreisverwaltung über die dann doch außergewöhnliche Tragweite des Brandes in Kenntnis gesetzt habe. Danach seien Planungen zu einer möglichen, aber nie unmittelbar notwendigen, Evakuierung in Stavern angelaufen.



Johanna Sievering vom Gesundheitsamt des Landkreises Emsland erläuterte, die Einschätzung, dass nie eine akute Gefahr bestanden habe, sei richtig gewesen. Im Berufsleben dürften Menschen weit höheren Belastungen Kohlenmonoxid ausgesetzt werden, als sie in der Spitze durch das Feuer entstanden seien. Grenzwerte wurden nicht überschritten.

Allerdings sei klar gewesen, dass der Brandrauch mit seinem Feinstaub Atemwege und Kreislauf belasten könne. Deshalb habe man die Bevölkerung aufgerufen, Fenster und Türen geschlossen zu halten.

Dezernent Burgdorf berichtete, zeitweise seien 2000 Helfer von Feuerwehr und THW im Einsatz gewesen. Allen gebühre größter Dank, denn ohne ihre Hilfe „wäre es nicht gegangen.“ Dem schlossen sich Vertreter aller Parteien im Ausschuss an.

Wie tief reichen die Brandschäden? Foto: Tobias Böckermann


Manfred Gerdes (CDU) äußerte Unverständnis über die Durchführung des Raketentests angesichts der herrschenden Trockenheit und an der mangelnden Kommunikation. Dennoch bleibe die WTD ein wichtiger Arbeitgeber der Region und es gelte nun, die entstandenen Schäden auf allen Ebenen unbürokratisch auszugleichen. Gerdes lobte die Kreisverwaltung für ihre Krisenmanagement.

Willi Jansen (SPD) schloss sich den Ausführungen und ergänzte, man müsse auch eventuelle Spätfolgen für die Feuerwehrleute im Blick behalten. Kreisbrandmeister Holger Dykhoff betonte in diesem Zusammenhang, die Feuerwehrleute seien möglicherweise deutlich höheren Schadstoffbelastungen ausgesetzt gewesen, als die übrige Bevölkerung. Denn zum einen sei man natürlich näher am Brandgeschehen gewesen und zum anderen sei hier nicht gemessen worden.

Tobias Kemper (FDP) forderte „personelle Konsequenzen“ durch die Verteidigungsministerin. Günter Buss (Grüne) sah weiteren Redebedarf und forderte ein Konzept zur Vorbeugung künftiger Moorbrände. Hermann Meyer (UWG) sah in Sachen Informationsfluss ein grundsätzliches Dilemma, da es sich bei der WTD um einen militärischen Sicherheitsbereich mit hoher Geheimhaltung handle.


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