Erinnerungen an die Disco "Barbarella" „Marianne im Bermuda-Dreieck“ war Kult in Meppen

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"Marianne im Bermuda-Dreieck“: 22 Jahre lang führte Marianne Schwennen die Barbarella in der Bahnhofstraße. Sie war einst in dem Gebäude untergebracht, in dem sich heute die Meppener Tagespost befindet. Foto: Carola Alge"Marianne im Bermuda-Dreieck“: 22 Jahre lang führte Marianne Schwennen die Barbarella in der Bahnhofstraße. Sie war einst in dem Gebäude untergebracht, in dem sich heute die Meppener Tagespost befindet. Foto: Carola Alge

Meppen. Ort zum Abtanzen, zum Vergessen der Sorgen des Alltags, Ehestifter, Promitreff. Die „Barbarella“ in Meppen war Kult. 22 Jahre lang. Mit ihr untrennbar verbunden ist ein Name: Marianne Schwennen Armann, die von ihren Gästen gern „Marianne im Bermuda-Dreieck“ genannt wurde, führte die Kult-Disco von 1971 bis 1993. Am 12. November wird sie 80 Jahre alt. Erinnerungen.

Das Alter sieht man der gebürtigen Lathenerin nicht an. Ihr Haarschnitt ist modern kurz. Durch die Brille blicken blaue Augen, die oft strahlen und die Lachfältchen um sie herum angenehm unterstreichen. Schwennen, in zweiter Ehe seit 2002 mit Horst Armann verheiratet, wirkt zufrieden, glücklich. Über den einstigen Tanztempel im damals noch deutlich kleineren Bermuda-Dreieck Meppens spricht sie gern. Schließlich waren sie und ihre Disco Institutionen in Meppen.

Szenetreff für viele Meppener: die "Barbarella" in der Bahnhofstraße in Meppen. Foto: Archiv Ansgar Deters

In der Barbarella tauchten die heute seriösen Berufen nachgehenden Jugendlichen von damals mit Begeisterung ab in das glitzernde Nachtleben der Bahnhofstraße. 50 bis 70 Jahre alt sind sie heute, die Besucher von einst, die sich in ihre engsten Schlaghosen-Jeans zwängten und ihre Füße in Plateauschuhen oder -stiefeln verbogen, um auf der Tanzfläche eine gute Figur zu machen. 


In der Disco war jede Menge Spaß angesagt. Mancher Gast wagte sich an das DJ-Pult und sang aus voller Kehle. Foto: Archiv Ansgar Deters

Das Publikum war gemischt. Besitz- und Bildungsstand waren, wenn überhaupt, zweitrangig. In die „Barbarella“ kamen alle möglichen Feiersüchtigen, um die Sorgen des Alltags oder Ärger loszuwerden oder einfach nur abzufeiern, nette Menschen zu treffen, bestens präsentierte Discomusik zu hören und etwas zu trinken. 


Eine Disco zu betreiben, hatten Schwennen und ihr erster Mann Heinz eigentlich nicht vor. Schließlich führte Marianne Schwennen das Tanzlokal 22 Jahre. Das Bild zeigt sie 1985 hinter der Theke der "Barbarella". Foto: Archiv Ansgar Deters

Eine Disco zu betreiben, hatten Schwennen und ihr erster Mann Heinz eigentlich nicht vor. 1971 hörte das junge Unternehmerpaar, das einen Getränkevertrieb in Dörpen hatte, zufällig von Kunden, in Meppen stehe das ehemalige Hotel Germania leer. Es gefiel ihnen. Sie pachteten es zunächst für zehn Jahre, eröffneten dort doch eine Disco. Auf den Namen ‚Barbarella‘ kamen sie spontan. „In der schwärmerischen Zeit der 1970-er-Jahre sollten in unserem neu gegründeten Lokal Träume wahr werden. Wir dachten an die Südsee, an eine Traumfrau. Und plötzlich war unser irgendwie wohlklingender Name geboren“, erinnert sich Schwennen.


Das Gebäude an der Bahnhofstraße mit dem heutigen Sitz der Meppener Tagespost. In ihm war früher die "Barbarella" untergebracht. Foto: Archiv Ansgar Deters

Da Personal nicht zu bekommen war, betrieb zunächst Marianne Schwennen, gerade 33 Jahre alt, die Tanzbar in der Bahnhofstraße. Die Ansage ihres Ehemannes Heinz war damals klar: „Für sechs Wochen.“ Daraus wurden schließlich 22 Jahre. Die Meppener freute das. Sie mochten ihre Marianne, gingen gerne in die Barbarella, die eine Marktlücke abdeckte. Die Barbarella-Gänger wuchsen über die Jahre zu einer Art großen Familie zusammen. 


Der Eingang der "Barbarella" von der Bahnhofstraße aus gesehen. Foto: Archiv Ansgar Deters

Der Pachtvertrag war 1981 gerade um weitere zehn Jahre verlängert, als Heinz Schwennen plötzlich starb. Eine Welt schien zusammenzubrechen. Die Witwe stand mit ihrer Barbarella, zwei in der Ausbildung befindlichen Kindern und einer Menge Restschulden allein da. In dieser Zeit waren viele treue Stammgäste, Freunde, Angestellte eine Riesenhilfe. 


"Sie alle machten mir Mut"Marianne Schwennen über Stammgäste, Freunde, Angestellte

„Sie alle machten mir Mut und forderten mich auf, weiterzumachen.“ Schwennen machte weiter. Sie beantragte eine neue Konzession auf ihren Namen. Große Unterstützung fand sie unter anderem bei ihren Bedienungshilfen Heinz Eilers, Harry Rühlmann und Peter Kovacic. 


"Die Barbarella war mein Leben", sagt Marianne Schwennen über die Zeit in Meppen. Foto: Carola Alge

Der „Marianne im Bermuda-Dreieck“ bedeutete ihre Diskothek in Meppen damals alles. „Sie war mein Leben.“ An diese Zeit erinnert sich die bald 80-Jährige gern. Und intensiv. An die kleine Tanzfläche zum Beispiel, umgeben von rot eingefassten schwarzen Sitz-Rondellen. „Sie wurde gerne angenommen, war immer voll mit mehr oder weniger geübten Tänzern“, erzählt sie schmunzelnd. 

Automat des Geld-Glücks: Die Bingo-Maschine. Foto: Archiv Ansgar Deters

Oder an die vielen Aktionen, von denen der Bingo-Abend jeden Donnerstag besonders beliebt war. Je mehr Geld dort über die Wochen angesammelt und der Jackpot nicht geknackt wurde, desto größer war die Schlange vor dem Lokal. „Ab so etwa 1000, 1500 DM Guthaben wollten plötzlich an die 100 Leute auf einmal rein“, erinnert sich Schwennen amüsiert. 


Peter Maffay war in der "Barbarella" in Meppen privat zu Gast. Archivfoto: Hendrik Schmidt/dpa

Beliebt war die Barbarella nicht nur bei Gästen aus Meppen und dem Umkreis. Auch Prominente kamen hierher. Drafi Deutscher, Peter Orloff, Marianne Rosenberg („sie war ein kleines Mädchen im gelben Röckchen“), Gabi Baginsky, Mell Jersey und weitere zu jener Zeit bekannte Sänger traten hier auf. Andere wie Michael Schanze und Peter Maffay mischten sich einfach als Gäste unter das Discovolk. Der „Über-sieben-Brücken-musst-du-geh‘n"-Künstler besuchte dann seinen Freund DJ Ralf Behnke aus Berlin, der neben Calle Augustin, Willy Groebel, Charly Niermann und anderen in der Diskothek oft Platten auflegte. 


„Frauenversteher standen hoch im Kurs“
Legendär, jeden Donnerstagabend war Bingo in der Barbarella angesagt. Unglaublich, wie viele Leute deswegen in die Disco kamen. Als 17-Jähriger habe ich einige Monate einen Tanzkurs belegt, danach sind wir jedes Mal mit etlichen Paaren in die Barbarella gezogen, um richtig abzutanzen. Das waren noch Zeiten.
Manfred Büter, Meppen
In der Barbarella haben sich gefühlte mindestens 200 Meppener Ehepaare kennengelernt, die dann im Nachgang die Bevölkerung der Stadt Meppen um über 500 Einwohner ansteigen ließen. Die Musik in der Barbarella war eher im Bereich Pop und Schlager zu Hause und unterschied sich dadurch mehr als deutlich vom Rockpalast. Im Night Fever waren eher die Jüngeren bis 18/19 Jahre, im Barbarella die älteren Semester ab 20 Jahren. Schlägereien im alkoholisierten Zustand wurden recht schnell von den Kellnern unterbunden und die Raufbolde kurzerhand an die frische Luft befördert. Wenn noch Bedarf war, prügelte man sich dort weiter, um dann oft hinterher gemeinsam wieder reinzugehen und ein Friedensbier zu trinken. Manchmal musste man junge Damen trösten, weil die Stress mit ihren besseren Hälften hatten, da diese im Barbarella gerade eine andere Herzensdame kennengelernt hatten. Frauenversteher standen hoch im Kurs. Der Trend zur Gleichberechtigung zeichnete sich damals, in den 1980er-Jahren, schon ab.
„Zusammen“ tanzen lernte man entweder auf dem Schützenfest oder in der Barbarella, in den anderen Discos war eher „Single Dancing“ angesagt.
Ansgar Deters, Meppen
Ich habe ab und zu mal in der Woche DJ in der Barbarella gemacht – dienstags und mittwochs, wenn Gäste da waren – und sonst wohl Reparaturen. Ich war sonst Stammgast bei Marianne und habe oft am Wochenende den Abschlusstanz mit
Marianne nach einem Lied von Roger Witthaker getanzt. Marianne konnte sehr gut tanzen. Das hat immer viel Spaß gemacht. Und nach Feierabend ging es morgens oft zum Hotel Pöker zum Frühstücksbuffet. Ich habe viel Kaffee mit Tia Maria in der Barbarella getrunken. Oft mit Marianne zusammen.
Reinhold Krull, Löningen
cw


Mit Maffay war auch Helmut Vehring, der zu der Zeit in Osterbrock wohnte, in der Barbarella unterwegs. Nach einem Motorradunfall hatte sich der damals 19-jährige Vehring trotz seiner Krankschreibung die Lust nicht nehmen lassen, diese Diskothek regelmäßig zu besuchen. Ein- bis zweimal im Monat erschien dort auch Maffay. „Er kam immer spätabends und war ein ganz unscheinbarer Gast.“ Als die Barbarella eines Nachts schließen musste und Vehring gerne noch etwas essen und ein paar Bierchen trinken wollte, fuhr er zusammen mit Maffay, DJ Ralf und zwei weiteren Personen spontan weiter zu einer Raststätte in Haselünne.


Verzehrkarte der "Barbarella". Foto: Archiv Ansgar Deters

Keine Frage: Die Barbarella war zu ihrer Zeit eine Institution in Meppen. „Man kam zu uns, um ein Festchen zu feiern, nette Menschen zu treffen oder auch nur eine Cola, ein Bierchen oder einen Schnaps im Kreise netter Menschen zu trinken.“ Manche gute Ehe, die bis heute bestehe, sei dort angebahnt worden. 


Hier ging es zum Disco-Glück: das "berühmte" Holztor der "Barbarella". Foto: Archiv Ansgar Deters

Gefragt nach einem besonders schönen Erlebnis ihrer Barbarella-Zeit, muss Schwennen sofort an die Verlängerung der Sperrstunde und besondere Freunde der Nacht denken. „Wieder einmal hatte mir das Ordnungsamt Meppen wegen Überschreitung der Sperrstunde eine tüchtige Ordnungsstrafe verpasst. Wenige Tage später waren meine treuen Gäste aus dem Meppener Rathaus wieder privat in der Barbarella, um nach getaner Arbeit noch ein Bierchen zu trinken. Als sie bei Erreichen der Sperrstunde nicht daran dachten, das Lokal zu verlassen, habe ich sie mit dem Hinweise auf die von ihnen selbst festgesetzte Sperrstunde vor die Tür gesetzt.“ Die Aktion hatte ein Nachspiel. Ein positives. Wenige Tage später ging die Verlängerung der Sperrstunde bei Schwennen ein. 

Und was war in all den Jahren weniger schön? Wieder kommt das Ordnungsamt gedanklich ins Spiel. „Tiefe Wunden geschlagen haben zwei aufeinanderfolgende Ordnungsstrafen innerhalb von vier Wochen mit 2500 DM Strafe wegen Überschreitung der Sperrstunde.“

Werbekarte der Kult-Disco. Sie hatte freitags und samstags bis 5 Uhr geöffnet. Foto:Archiv Ansgar Deters


Mit dem Verkauf des Gebäudes Ende 1992 (in dem sich damals auch das Kino Muckli befand) an die Neue Osnabrücker Zeitung und dem Auslaufen des Pachtvertrages war das Ende der Barbarella beschlossene Sache. 1993 musste die Disco geschlossen werden. Schwennen aber machte als Wirtin auf Drängen vieler Gäste im Pferdestall im Haus Kamp am Schullendamm, den sie übernahm, noch knapp vier Jahre weiter. Eine schwere Krebserkrankung zwang sie dann plötzlich, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Sie folgte ihrer Tochter Petra nach Zypern, um sich im mediterranen Klima von der Krankheit zu regenerieren.


"Die Barbarella war mein Leben"Marianne Schwennen über ihre Zeit als Disco-"Queen"

2004 kehrte sie, dem Heimweh folgend, mit ihrem neuen Ehepartner, einem Bayern, wieder nach Deutschland zurück. In der Heimat ihres zweiten Gatten wurde sie erst einmal sesshaft. Vorübergehend. „Trotz Berg-Glück und bayerischem Ambiente trieb mich die Sehnsucht nach der alten Emsland-Heimat zurück“. Genauer gesagt nach Papenburg, wo das Paar 2012 ein Haus kaufte, ohne allerdings die Zweitheimat in Bayern aufzugeben. „Wir pendeln jetzt zwischen unseren beiden schönen ‚Heimaten‘ Emsland und Bayern hin und her.“ 


Ihren 80. Geburtstag feiert Marianne Schwennen am 12. November. Sie sagt: "Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich vielleicht noch einmal so ein Lokal aufmachen"., Foto: Carola Alge


Seit dem Schließen der Barbarella in Meppen 1993 hat sich die Erde fast 11.000-mal weitergedreht, und vieles ist anders geworden. Aber die – für viele schöne – Erinnerung an eine „Institution“ bleibt, und mancher „Barbarellaner“ wird behaupten, dass damals alles besser war als heute. Zumindest hat Schwennen mit ihrer Disco dazu beigetragen, „dass sich die Menschen nähergekommen sind und sich gut miteinander vertragen haben“. Und Kult war die Tanzbar auf jeden Fall.


Wie eine große Familie waren Personal und Gäste der "Barbarella". Foto: Archiv Ansgar Deters




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