Naturschützer befürchten dauerhafte Folgen Moorbrand bei Meppen: Artenvielfalt der Tinner Dose in Gefahr?

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Blick auf Bestände des Gagelstrauches am Rande der Tinner Dose. Foto: Tobias BöckermannBlick auf Bestände des Gagelstrauches am Rande der Tinner Dose. Foto: Tobias Böckermann

Haren/Meppen. Mit der Dauer der Löscharbeiten in der Tinner und Staverner Dose geraten auch die möglichen ökologischen Folgen in den Blick. Denn nicht nur sterben aktuell Amphibien und Reptilien in den Flammen. Auf Dauer könnte sich auch der empfindliche Lebensraum Moor verändern.

Vorweg kurz zur Geschichte der Tinner und Staverner Dose. Dieses Moor liegt zwischen den beiden namensgebenden Orten, gilt als eines der größten nicht abgetorften Hochmoore Westeuropas und steht seit 1985 unter Naturschutz. Allerdings ist die „Dose“ nicht unberührt geblieben. Teilentwässerung, Handtorfstiche und die Buchweizenbrandkultur haben das 3700 Hektar große Moor verändert und an den Rändern in eine trockene Moorheide verwandelt.

Seltene Torfmoose leben im feuchten Kernbereich der Tinner Dose. Foto: Tobias Böckermann


Weil aber seit 1877 zunächst der Krupp´sche Schießplatz und heute die WTD 91 baumfreie Flächen für ihre von Meppen aus betriebenen Munitionstests benötigten, blieb das Moor erhalten und konnte im Kern auch einen bis heute feuchten und inzwischen wohl wieder wachsenden Hochmoorkern mit seltenen Torfmoosen erhalten.

Nun also ist eine etwa 1200 Hektar große Fläche in Brand geraten. Jutta Over vom Naturschutzbund NABU in Meppen hofft, dass es sich vornehmlich um die im Dürresommer ausgetrockneten Moorheidebereiche handelt. Die Bundeswehr konnte das am Dienstag weder bestätigen noch dementieren.

Glockenheide dominiert in den Randbereichen. Foto: Tobias Böckermann


Das Naturschutzgebiet „Tinner Dose-Sprakeler Heide“ ist insgesamt 3995 Hektar groß und beinhaltet die 255 Hektar große gleichnamige Sandheide im Norden, die bisher wohl nicht brennt. Damit ist das eigentliche Moor mit seinen Randbereichen 3700 Hektar groß. Dass die Tinner Dose nicht doch noch stärker entwässert wurde, ist dem Naturschutzbund zu verdanken, der Anfang der 1980er Jahre den Bau eines Straßensystems verhinderte. Inzwischen ist das Gebiet auch nach europäischem Recht als FFH- und Vogelschutzgebiet geschützt.

Rundblättriger Sonnentau hat eine Dornschrecke erwischt. Foto: Tobias Böckermann


Jutta Over nennt den aktuellen Verlust vieler Tiere und Pflanzen schmerzlich. Schlingnatter, Kreuzotter, Kreuzkröte oder Schnabelried seien den Flammen wohl in großer Zahl nicht entkommen, dazu zahllose Insekten und Käfer. Außerdem leben hier unter anderem Kraniche, seltene Wiesenvögel wie Brachvogel oder Kiebitz, dazu Baum- und Wiesenpieper. Und in der Nähe hält sich auch ein Rudel Wölfe auf.

Hochmoore werden auch Regenmoore genannt – weil sie zu 90 Prozent aus nährstoffarmem Regenwasser bestehen und nicht durch Zuflüsse oder Grundwasser gespeist werden. Wäre Letzteres der Fall, handelte es sich um ein Niedermoor.

Die Kreuzotter lebt in der Tinner Dose. Foto: Tobias Böckermann


Deshalb wächst nun die Sorge, das Einleiten großer Mengen nährstoffreichen Flusswassers könne die Vegetation in der Tinner Dose verändern und die auf saures Milieu und Nährstofffreiheit angewiesenen Torfmoose verdrängen könnte.

Eine FFH-Art und damit streng geschützt ist die Schlingnatter. Foto: Tobias Böckermann


Dr. Joachim Blankenburg, zweiter Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Moor- und Torfkunde (DGMT) und Fachmann für den Wasserhaushalt von Mooren, hält dieses Szenario zwar für möglich, aber derzeit „nicht sehr wahrscheinlich“. Bei einer Jahresregenmenge von durchschnittlich 739 Litern pro Quadratmeter im Emsland gingen auf die Tinner Dose rund 27 Millionen Kubikmeter Regen pro Jahr nieder. Wenn pro Tag wie von der Bundeswehr angegeben 2880 Kubikmeter nährstoffreichen Flusswassers eingeleitet würden, käme man in 40 Tagen auf rund 115 000 Kubikmeter, also vergleichsweise wenig.

„Ich gehe davon aus, dass der Regen das Flusswasser so weit verdünnen würde, dass kaum Effekte oder nur vorübergehende entstehen“, sagt Blankenburg. Wichtig sei aber, dass das nährstoffreiche Wasser nicht dauerhaft an der Geländeoberkante anstehe.

So sah die Tinner Dose nach einem Brand vor einigen Jahren aus. Damals brannte die Vegetation nur oberflächlich und erholte sich alsbald wieder.


Wie und wann die Oberfläche des verbrannten Heidemoores sich wieder regenerieren und den seltenen Tieren wieder Lebensraum bieten werde, kann Blankenburg nicht sagen. „Dazu fehlen die Erfahrungswerte“, bedauert er.

Mitarbeiter der WTD brennen übrigens ganz absichtlich regelmäßig die Oberfläche der Tinner Dose ab, um die Heide zu verjüngen und einem möglichen Feuer, das bei den Erprobungen im Sommer immer wieder vorkommt, möglichst wenig Nahrung zu bieten. Nach diesen oberflächlichen Bränden erholt sich die Vegetation schnell. Tiere und seltene Pflanzen sind nicht betroffen, weil sie sich bereits in tiefere Erdschichten zurückgezogen haben. Auch verbrennen nicht die Wurzeln der Pflanzen – was nun aber der Fall sein könnte. 

Absichtlich gelegtes Feuer auf der WTD 91 im Frühjahr 2017. Foto: Tobias Böckermann


Der NABU-Landesverband hat derweil ausgerechnet, dass mindestens 500.000 Tonnen klimaschädliches CO2 freigesetzt worden seien. Das hält der Bremer Moorexperte Blankenburg für fraglich. Aus seiner Sicht ist es „unwahrscheinlich“, dass es wie derzeit vermutet bis in mehrere Meter Tiefe brenne. „Das kann kaum sein, weil die Mooroberfläche eigentlich nicht so tiefgründig ausgetrocknet sein dürfte. Untersuchungen am Dümmer haben gerade ergeben, dass dort der Oberboden bis in 50 Zentimeter Tiefe trocken ist. Darunter wurde es feucht und damit unbrennbar.“ 

Blankenburg betont, dass er zwar die Tinner Dose kenne, nicht aber die aktuelle Situation und sich deshalb dem Thema nur annähern könne. Er halte aber die Schätzungen über freigesetztes CO2 für zu hoch, weil sie unterstellten, dass überall 50 bis 100 Zentimeter Torf verbrannt seien.

Er verweist auf die Moorbrandkultur vor 100 Jahren und früher: „Damals hat man die oberen 30 Zentimeter der Moore entwässert und angezündet. Man musste nur warten, bis die Flammen diese 30 Zentimeter verbrannt hatten, dann ging das Feuer von alleine aus, weil der Untergrund zu feucht war.

Deutlich zu sehen sind noch heute die einst ausgehobenen Grüppen, die den Moorbauern zur oberflächlichen Entwässerung der Tinner Dose dienten. Foto: WTD 91


Die ökologischen Folgen des Feuers müssen also abgewartet werden. Ein guter Vergleich der Situation vor und nach dem Feuer dürfte sich dabei anstellen lassen. Denn im Zuge der Ausweisung als FFH-Gebiet müssen Management-Pläne erstellt und Tier- und Pflanzenarten erfasst werden. Diese Erfassung läuft seit zwei Jahren unter Regie der Bundeswehr.


Schädlich fürs Klima

Felix Grützmacher, Referent für Moorschutz vom NABU Bundesverband, rechnet vor, dass ein Hektar Moor 1835 Tonnen CO2 freisetzt, wenn er gleichmäßig einen Meter tief herunterbrennt. Bei zunächst angenommenen 500 Hektar verbrannten Moores kam er auf insgesamt 917500 Tonnen freigesetzten Kohlendioxids und hat dann mit 500000 Tonnen eine kleinere Menge als wahrscheinlich angenommen, da nicht überall ein Meter Torf verbrannt sein dürfte. Inzwischen geht die Bundeswehr von einer betroffenen Fläche von 1200 Hektar aus – deshalb dürften der NABU-Rechnung zufolge mehr als 1 Million Tonnen CO2 freigesetzt worden sein. Das entspräche der Jahresproduktion von rund 110000 Deutschen. Nach Einschätzung des Umweltministeriums wurden durch den Brand etwa 300.000 Tonnen Kohlendioxid freigesetzt.

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