„Grüß Gott im Fegefeuer“ Theater-AG des Windthorst-Gymnasiums Meppen geht „Himmelwärts“

Von Petra Heidemann

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Meppen. In stetem Szenenwechsel zwischen Himmel, Erde und Hölle hat die Theater-AG des Windthorst-Gymnasiums Meppen mit der Inszenierung von Ödön von Horváths „Himmelwärts“ die Besucher auf eine rasant-amüsante Reise nicht nur ins Unter- und Überirdische mitgenommen, sondern auch durch alle Dimensionen menschlicher Sehnsüchte und Abgründe.

Familie Steinthaler durchlebt alle drei Sphären: Vater Steinthaler büßt im Fegefeuer für seinen Egoismus, mit dem er seine Familie in den Abgrund getrieben hat. Hier und da flackert aber doch sein Interesse an der Tochter auf.

Erlösen kann ihn aber erst die Erkenntnis seiner Frau im Himmel, dass nur Erbarmen und die Bitte um Gnade für andere auch der eigenen Seele Frieden bringt. Frau Steinthaler ist selbst im Himmel völlig fixiert auf die Karriere ihrer Tochter, verfolgt jeden Ruhmesartikel in der Meppener Tagespost.

Bezahlen mit dem Seelenheil

Tochter Louise träumt mit unausgebildeter Stimme vom Himmel auf Erden als weltweit gefeierte Sopranistin und geht dabei durch die Hölle auf Erden, denn nichts hat sie davon abhalten können, mit ihrem Seelenheil zu bezahlen. Geradezu aller Gefühlsfähigkeit beraubt, lässt ihr im letzten Verzweiflungsmoment ein Bürokratiefehler des Vizeteufels ein Schlupfloch der Erkenntnis für das Wesentliche, denn der Teufelspakt hat sie nur ihrer privaten, nicht aber ihrer privatesten Empfindungen beraubt. Daran kann auch der tobende Höllenfürst nichts ändern.

Lysander Willems spiegelte glaubwürdig den auf die handfesten Vergnügungen bedachten Vater. Nina Pleus gab Frau Steinthaler überzeugend als stolz-besorgt gluckende Mutter Gestalt, die selbst im Himmel realen Wahrheiten nicht zugänglich ist, bis ein betagter Autogrammjäger (Carla Fretter) ihr die Augen öffnet. Auch dieser bleibt seinem Selbst treu und sammelt nun die Autogramme der Himmlischen.

Blinde Karrieregier

Überhaupt geht es im Himmel durchaus irdisch zu. So kümmern sich eine himmlische Krankenschwester und ein Arzt um die vor Sorge fiebernde Mutter. Petrus, den Isabel Draeger souveräne Ruhe und einfühlsame Umsicht ausstrahlen ließ, hat alle Hände voll zu tun.

Luise Steinthaler lässt sich durch nichts vom Bühneneingang vertreiben, bis sie Zugang bekommt. Doch nicht ihr Talent entscheidet, sondern ihre blinde Karrieregier, die sie zur Ersatzlieferung für die dem Teufel verschriebene Seele des Intendanten werden lässt. In Valeria Fabers Mimik zeichneten sich tödlicher Ehrgeiz, strahlender Stolz, rasender Zorn und verzweifelte Verletzbarkeit ab, während Annika Riepe den Intendanten in verschlagenem Eigennutz über Leichen gehen ließ.

Unterdrückte Sehnsucht nach Erlösung

Paul Rickes Auftritte als Regieassistent, der nicht nur seine Zahnschmerzen in Alkohol ertränkt, das Fegefeuer als Chance zur Läuterung versteht und dann auf seinem Weg zum Himmel aus Gutmütigkeit den Himmel verpasst und so die gebrochene Luise für ein besseres Leben auffangen kann, waren jedes Mal ein Glanzpunkt. Faszinierte er doch durch übertreibungslose, ausgesprochen witzige Betrunkenheitsszenen ebenso wie als Zu-sich-selbst-Gekommener.

Michelle Martynov spielte wandlungsfähig auf allen drei Ebenen – himmlische Krankenschwester, höllischer Todesscherge, irdische Garderobenhex. Auch Paul Brisan meisterte den Wechsel zwischen Kind im Himmel und verdammter Seele. Jana Berentzen gab dem Bühnenportier die professionelle Distanz eines Butlers, ähnlich wie Chiara Jürgens als Vizeteufel sich dezent, aber klar und eigenständig von der Impulsivität des Höllenherrschers abzusetzen verstand. Diesem verlieh Konstantin Burs aufbrausende Dämonie und übersteigerte Selbstüberzeugung, gleichzeitig ließ er die unterdrückte Sehnsucht nach Erlösung von seiner Aufgabe zunehmend erahnen. Beschwert sich der Teufel über Begnadigung als himmlische Einmischung, so zerreißt er selbst den Vertrag der Seelenverdammnis für Luise, was selbst ihn dem Himmel hoffend näher bringt – eben „Himmelwärts“.

Zahlreiche Szenenwechsel

Aus dem Off einfühlsam getragen und ins Gefühl der Zuschauer transportiert wurde die Verflechtung menschlicher Seelenwandlung und -wanderung vom Schulchor unter der Leitung von Stephanie Rüther und Raimund Hagemann. Die Technik-AG mit Julian Büter hatte die zahlreichen Szenenwechsel souverän in der Hand, sodass Ellen Bechtlufts Inszenierung präzise ihre Wirkung entfalten konnte.

Wie beeindruckt das Publikum war, ließ sich unschwer daran erkennen, dass es einen Moment brauchte, sich vom Geschehen zu lösen und sich dem anerkennenden Applaus hinzugeben. Die letzte Aufführung findet am Dienstag, 11. September, um 20 Uhr im Meppener Theater statt.


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