Firma gegründet Emsländer entwickelt Datenbrille, die bei Sprachstörung helfen soll

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Datenbrille im Praxistest: Dr. Lars Riedemann führt bei einem Treffen in Meppen einen Prototyp vor. Foto: Tobias BöckermannDatenbrille im Praxistest: Dr. Lars Riedemann führt bei einem Treffen in Meppen einen Prototyp vor. Foto: Tobias Böckermann

Meppen/Heidelberg. Wenn einem Menschen die Worte fehlen, dann kann die Ursache dafür eine Aphasie sein - eine erworbene Sprachstörung. Ein gebürtiger Emsländer entwickelt jetzt eine Datenbrille, die den Betroffenen dabei helfen soll, das, was ihnen auf der Zunge liegt, auch zu äußern.

Lars Riedemann ist promovierter Mediziner – er arbeitet seit einiger Zeit als Neurologe und Wissenschaftler in Heidelberg. 2001 hatte der gebürtige Haselünner am Gymnasium Marianum in Meppen sein Abitur gemacht. Danach studierte er in Gießen, Newcastle, Bangalore, Wien und Münster Medizin und arbeitete vier Jahre dank eines Stipendiums der Deutschen Krebshilfe an der Harvard Medical School in Boston, USA.

Später kehrte er nach Deutschland zurück und gründete 2016 ein Start-Up, also eine neue Firma, die sich mit einem innovativen Zukunftsthema beschäftigt. „Habilitas“ heißt das Unternehmen und es hat Großes vor, nämlich eine Brille, die Menschen mit einer Sprachstörung dabei hilft, einen passenden Begriff genau in dem Augenblick zu finden und über die Lippen zu bringen, in dem sie ihn benötigen.

„Kommunikation hält die Menschen am Leben“, sagt Riedemann. „Wer nicht mehr kommunizieren kann, zieht sich zurück. Deshalb ist es so wichtig, stets auf seinen Wortschatz zurückgreifen zu können.“ Genau das aber können Aphasiker oftmals nicht. Durch einen Unfall oder eine Hirnblutung ist ihr Sprachzentrum geschädigt worden. Vereinfacht gesagt, arbeite in unserem Gehirn ein Netzwerk, das verschiedene Areale verbinde und so Kommunikation ermögliche, sagt der Mediziner. Werde das Netz gestört, drohe eine Sprachstörung. Allein 400.000 Deutsche seien davon betroffen.

400.000 Betroffene

„Einige Aphasiker können zwar Sätze sinnvoll beginnen“, sagt Riedemann. „Wenn sie aber zum Beispiel eine Zeitung kaufen wollen, fällt ihnen das Wort dafür einfach nicht ein.“ Andere wüssten zwar viele Wörter, könnten aber keine Verben mehr in ihre Sätze einbauen. Oder sie können Sprache nicht mehr verstehen, nicht mehr lesen oder schreiben.

Die Betroffenheit der Aphasiker sei sehr unterschiedlich und individuell, sagt der Mediziner. Deshalb könne die Datenbrille seiner Firma vermutlich auch nur einem Teil der Patienten helfen und zwar vor allem zunächst jenen mit einer ausgeprägten Wortfindungsstörung.

Den Einfall für die Datenbrille hatte Riedemann gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern und einigen Betriebswirtschaftlern bei einem sogenannten Hackathon. Bei Veranstaltungen dieser Art geht es darum, innerhalb einer befristeten Zeit gemeinsam nützliche Softwareprodukte herzustellen.

10.000 Euro Startkapital

Die Idee der Gruppe: ein Aphasiker trägt eine Datenbrille, die mit einer Kamera genau das erfasst, was der Patient gerade sieht, zum Beispiel eine Brotdose. Ohne Hilfe könnten die Erkrankten die Brotdose nicht benennen, weil ihnen das Wort dafür nicht einfiele. Die Brille nimmt ihnen das Suchen ab, sie erkennt das Objekt und blendet das Wort dafür ins Blickfeld ihres Trägers ein. Außerdem wird es über einen unauffälligen Kopfhörer vorgelesen.

Die Idee überzeugte damals die Jury des Hackathons – 10.000 Euro Startkapital und eine Beratung in Rechtsfragen erleichterten 2016 die Gründung von „Habilitas“. Nicht alle Mitstreiter von damals seien noch dabei, sagt Riedemann – immerhin treibe man die Entwicklung der Software ausschließlich neben dem normalen Job voran und Zeit sei bei allen knapp.

Foto: NOZ MEDIEN

Aber eine Phase mit ersten klinischen Tests sei in Sichtweite. „Augmented Reality“ (AR), also „erweiterte Realität, heißt der Fachbegriff für diese Art der Technik, für die sich auch Internetgiganten wie Apple oder Google interessieren. Denn Datenbrillen ermöglichen vermutlich schon bald heute noch kaum vorstellbare Anwendungen. So lassen sich auf Dauer zum Beispiel Pipelines in Sibirien oder Maschinen im Amazonas-Dschungel von Deutschland aus warten, wenn die Bauteile mit dem Internet verbunden sind, vor Ort ein Mechaniker durch eine AR-Brille schaut und die wichtigsten Daten in Echtzeit übertragen werden.

Kooperationen

Inzwischen seien dafür von großen Herstellern bereits unterschiedliche Brillenmodelle entwickelt worden, sagt Riedemann, „und eine digitale Brille könnten wir mit unseren Mitteln auch gar nicht selbst entwickeln.“ Aber das Programmieren der Software sei bei dieser Spezialanwendung für die globalen Internetriesen nicht interessant – der Markt einfach zu klein. Und das macht Habilitas.

Das Unternehmen hat inzwischen die Software so weit entwickelt, dass Patienten mit der Brille Begriffe vorgesagt bekommen, die man dem System zuvor beigebracht hat. Dazu müssen sie mit dem eigenen Smartphone eingescannt werden. Auf Dauer glaubt Riedemann, dass die Datenbrille über das sogenannte „neuronale Lernen“, also eine Art künstlicher Intelligenz auch ohne dieses „objektbasierte Lernen“ auskommen werde. Die Brille würde dann eine Tasse immer als solche erkennen, allein aufgrund der Ähnlichkeit zu Millionen anderer Tassen, die in den Datenspeichern rund um den Globus als Foto abgelegt wurden. „Aber das dauert noch 20 Jahre. Bis dahin müssen wir die Dinge, die dem Patienten wichtig sind, für ihn einscannen.“

Prototyp

Mit dem ersten Prototyp ist der Mediziner inzwischen bundesweit unterwegs, um ihn mit Patienten, Therapeuten und Angehörigen zu testen und zu verbessern. Deshalb war Riedemann jetzt auch in der Hedon-Klinik in Lingen. Die Reaktionen seien sehr positiv, berichtet er. „Wir fragen die Patienten: Was ist Euer Hauptproblem und versuchen dann, es zu lösen“.

Auf Dauer sei geplant, die Software auf Rezept als Heilmittel an die Patienten abzugeben und sie dann nicht nur für Alltagssituationen einzusetzen, also zur Kompensation akuter Lücken im Wortschatz, sondern auch zum dauerhaften trainieren. Dann könnte die Brille auch bei anderen Erkrankungen wie etwa Hirntumoren oder Multipler Sklerose eingesetzt werden. Aber noch sei das Zukunftsmusik und ein weiter Weg zu gehen, sagt Riedemann.


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