Einst überall, heute extrem selten Rückkehrer mit Biss: Der Medizinische Blutegel im Emsland

Dieses Exemplar des Medizinischen Blutegels ist 2018 erstmals im Versener Heidesee nachgewiesen worden. Foto: Tobias BöckermannDieses Exemplar des Medizinischen Blutegels ist 2018 erstmals im Versener Heidesee nachgewiesen worden. Foto: Tobias Böckermann
Tobias Böckermann

Meppen. Nur wenige Tiere ernähren sich allein von Blut: die bekanntesten Anhänger dieser Lebensweise sind wohl Stechmücken und Zecken. Mit dem „Medizinischen Blutegel“ gehört aber auch ein extrem seltenes Wesen dazu. Jetzt ist ein wild lebendes Exemplar der Art im Naturschutzgebiet Versener Heidesee bei Meppen entdeckt worden.

Dort pflegt der Verein Land Unter e. V. mit seiner Herde Bentheimer Landschafe eine Heidelandschaft rund um den nährstoffarmen See. Mehr als 80 im Bestand bedrohte Tier- und Pflanzenarten finden hier Lebensraum. Und wenn nun also die Benthe

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Der Medizinische Blutegel war einst millionenfaches Handelsgut – Vielfache Anwendung in der Medizin

Die Anwendung des Medizinischen Blutegels in der Humanmedizin verspricht wahre Wunder: Arthrose, Rheuma, Tennisarm, Rückenschmerz, Tinnitus, Hämorrhoiden, schwer heilende Wunden. Das Ansetzen des Ringelwurms zur Blutmahlzeit kann zahlreiche Beschwerden lindern.

Dabei kommt es nicht auf den eigentlichen Aderlass, also den Blutentzug, an. Dazu wären die Verlustmengen mit zehn bis 60 Milliliter Blut pro Mahlzeit wohl auch zu gering.

Vielmehr haben es die zahlreichen Wirkstoffe im Speichel des Egels in sich. Hirudin und Calin etwa sorgen für die Hemmung der Blutgerinnung. Eglin wirkt entzündungshemmend, ebenso der Stoff Bdellin. Weitere Komponenten des Speichels entfalten andere heilende Wirkung, und so verwundert es nicht, dass Blutegel seit Jahrtausenden in der Humanmedizin genutzt werden.

Dazu fing man sie einfach aus ihren Lebensräumen und bot sie später in Apotheken an, die lange Zeit stets einige Exemplare vorrätig halten mussten. Weil Blutegel ein Jahr lang ohne Nahrung auskommen, war das kein Problem, wohl aber deren Beschaffung. Das Königreich Hannover verbot bereits 1823 jede Ausfuhr von Egeln, weil sie so selten geworden waren.

Bereits im 18. Jahrhundert hatte sich in Hamburg ein eigener Wirtschaftszweig etabliert – der „Vierländer Blutegelhandel“ erreichte einige Berühmtheit. Die Kleinbauern aus Vierlanden lieferten täglich Gemüse in die Stadt, die Apotheker baten sie, ihnen im Umland Blutegel zu fangen. Die Nachfrage wuchs, der Verdienst ebenso. Bald importierten die Hamburger Blutegel sogar aus Russland und starteten lange Konvois dorthin. Gefangen wurden die Egel im Fernen Osten von jungen Bauernmädchen, die mit nackten Beinen in die Teiche stiegen. Die Egel saugten sich zu Dutzenden fest und konnten einfach abgesammelt werden. In den 1860er-Jahren exportierten Hamburg und Bremen 40 Millionen Egel pro Jahr.

Dass Blutegel auch im Emsland gesammelt und medizinisch genutzt wurden, ist überliefert. So ist zum Beispiel in Handrup ein alter Teich nach den Egeln benannt – er heißt Echelsloot. Noch vor einigen Jahrzehnten sollen dort Jugendliche das Vieh ins Wasser getrieben haben, um Egel zu ernten. Denn stets hatten sich nach kurzer Zeit so viele Egel an den Kühen festgesaugt, dass schnell eine stattliche „Ernte“ zustande kam. Die Egel wurden dann an einen Händler verkauft.

Auch heute haben einige Heilpraktiker die Heilmethoden im Angebot. Sie beziehen ihre Egel aber aus Farmen oder nutzen eine südeuropäische Unterart. Der Fang in der freien Natur ist verboten, der Egel ist streng geschützt. Der Speichel von Blutegeln wird in großem Stil in Medikamenten und Cremes genutzt.

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