Einst überall, heute extrem selten Rückkehrer mit Biss: Der Medizinische Blutegel im Emsland

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Dieses Exemplar des Medizinischen Blutegels ist 2018 erstmals im Versener Heidesee nachgewiesen worden. Foto: Tobias BöckermannDieses Exemplar des Medizinischen Blutegels ist 2018 erstmals im Versener Heidesee nachgewiesen worden. Foto: Tobias Böckermann

Meppen. Nur wenige Tiere ernähren sich allein von Blut: die bekanntesten Anhänger dieser Lebensweise sind wohl Stechmücken und Zecken. Mit dem „Medizinischen Blutegel“ gehört aber auch ein extrem seltenes Wesen dazu. Jetzt ist ein wild lebendes Exemplar der Art im Naturschutzgebiet Versener Heidesee bei Meppen entdeckt worden.

Dort pflegt der Verein Land Unter e. V. mit seiner Herde Bentheimer Landschafe eine Heidelandschaft rund um den nährstoffarmen See. Mehr als 80 im Bestand bedrohte Tier- und Pflanzenarten finden hier Lebensraum. Und wenn nun also die Bentheimer Landschafe zum erwünschten Abweiden der Uferpflanzen in den See steigen, hängt vielleicht ein unliebsamer Anhang am Bein.

Der Lebensraum des Blutegels. Foto: Tobias Böckermann

Blutegel reagieren dank zahlreicher Sinneszellen auf Wasserbewegungen, mit denen sie Wirtstiere wie Amphibien und Wasservögel orten. Aber ein Schaf täte es auch. Hat der Egel eine Beute erspürt, schwimmt er mit großer Sicherheit in eleganten Wellenbewegungen darauf zu, bohrt seine auf drei Kiefer verteilten 80 bis 90 spitzen Zähnchen durch die Haut und saugt sich fest. Das macht er auch an Menschenbeinen so.

Die Betonung des Namensbestandteils „Medizinisch“ (lateinischer Artname: Hirudo medicinalis) ist bei der jüngsten Neuentdeckung an dem sich stetig verändernden Heidesee von Bedeutung. Denn es gibt einige viel weiter verbreitete andere unter den 14 heimischen Egelarten wie den Vielfraßegel. Aber Blut ist ihre Sache nicht, das nutzt allein der Medizinische Blutegel, weshalb man ihn bis heute zu medizinischen Zwecken verwendet (siehe unten). Bis zu 15 Zentimeter lang wird der Blutsauger, der sich an Land mithilfe seiner beiden Saugnäpfe an den Körperenden fortbewegen kann.

Mit seinem Saugnapf hat sich dieser Blutegel am Stiefel des Fotografen festgesaugt. Foto: Tobias Böckermann

Ein Fachmann auf dem Gebiet der Egel ist Uwe Manzke aus Hannover. Der Biologe mit Schwerpunkt Zoologie arbeitet gerade mit weiteren Autoren an der Erfassung der historischen und der aktuellen Verbreitung des Medizinischen Blutegels.



Als vom Verein Land Unter ein Foto zur Bestimmung der Art an ihn gesandt wurde, bestätigte er den seltenen, in Niedersachsen nur noch an rund einem Dutzend Orten nachgewiesenen Hirudo. Die nächsten deutschen Vorkommen liegen in der Grafschaft Bentheim und am Dümmer, in den Niederlanden gibt es noch maximal 15 Egel-Gewässer.

Klares, nährstoffarmes Wasser mit Pflanzenbewuchs benötigt der Medizinische Blutegel. Foto: Tobias Böckermann

Die charakteristische bräunliche bis olivgrüne Rückenfärbung, sechs meist rötliche Längsstreifen auf dem Rücken und schwarze Flecken auf dem Bauch, unterscheiden den Medizinischen Blutegel vom eher schlichten Vielfraßegel.

Beinahe ausgestorben

Anfang des 20. Jahrhunderts galt Hirudo in Deutschland als nahezu ausgestorben. 1909 kannte man in Niedersachsen lediglich noch ein einziges Vorkommen auf Borkum. Das Sammeln der Tiere zu medizinischen Zwecken im 18. und 19. Jahrhundert hatte die Bestände an den Rand des Verschwindens gebracht. Erst als das Sammeln der Egel endete, weil man das Blutabzapfen für unhygienisch hielt, erholte er sich äußerst langsam.

„Heute fehlen dem Blutegel oftmals geeignete Lebensräume“, berichtet Uwe Manzke. Denn er benötigt eine Kombination aus nicht sauren, mäßig nährstoffreichen Gewässern mit seichtem und warmem Wasser. Dazu genügend Amphibien, die seine Hauptblutlieferanten darstellen, und stellenweise dichten Pflanzenbewuchs zum Verstecken. Das finde man nicht mehr oft, sagt Manzke.

Außerdem ist er auf feuchte und sandige oder lehmige Ufer angewiesen, in die er knapp oberhalb des Wasserspiegels seine Eierkokons legen kann. Hier übernimmt die Sonne das Ausbrüten der bis zu 20 Eier, nach dem Schlüpfen krabbeln die Larven ins nahe Gewässer. Wenn nun noch Säugetiere ins Wasser kommen, dann gelingt dem Wurm auch mal eine große Blutmahlzeit, die ein ganzes Jahr lang als Nahrung reicht.

Hauptwirtstiere der Medizinischen Blutegel sind Amphibien. Foto: Uwe Manzke

Hauptwirtstiere seien Amphibien wie Moorfrosch oder Erdkröte, die beim Ablaichen vom Blutegel angeschwommen werden, weiß Manzke. Hat er seinen Saugnapf erst einmal angedockt, sondert er durch Speicheldrüsen den gerinnungshemmenden Stoff „Hirudin“ ab und saugt bis zu einer Stunde lang bis zum Fünffachen des eigenen Körpergewichts an Blut. Dabei wird es angedickt, weil das im Blut enthaltene Wasser über die Egelhaut ausgeschieden wird. Seinen Nahrungsschatz konserviert das Tier mit speziellen Darmbakterien und kann so schlechte Zeiten überstehen.

Ein Methusalem

Überhaupt ist er eine Art Methusalem unter den Würmern und kann mindestens 20, nach anderen Quellen bis zu 30 Jahre alt werden.

Dass am Heidesee ab und zu auch mal Schafe ins Wasser steigen, um dort einzelne Pflanzen zu fressen, könnte ihm durchaus hilfreich sein. Denn auch wenn er nicht, wie oft zu lesen ist, zwingend auf Säugerblut angewiesen ist, um Eier legen zu können: Er mag es doch wohl ganz gerne und nutzt sonst Rehe oder Wildschweine. „Der Blutegel saugt aber auch an Vögeln und kriecht dafür bis in ihre Nester“, berichtet Uwe Manzke.

Hat Hirudo verdächtige Wasserbewegungen ausgemacht, schlängelt er los. Eine paddelnde Ente? Ein laichender Frosch? Ein Menschenbein? Egal, jede potenzielle Blutmahlzeit lockt den Egel an, und wenn das anzuzapfende Wesen sich nicht allzu schnell bewegt, beißt er zu. Uwe Manzke hat das oft beobachtet, vor allem dann, wenn Amphibien panisch aus dem Wasser krabbeln und den Wurm abzustreifen versuchen.

Schlängelbewegung unter Wasser.

Allerdings reagiert der Egel auch auf untypische Wasserbewegungen, die zum Beispiel von einem Kescher verursacht werden. „15 Minuten an derselben Stelle zu plätschern sollte ausreichen, um die Egel der näheren Umgebung anzulocken und zu zählen“, sagt Manzke und empfiehlt diese Methode zur Überprüfung potenzieller Vorkommen. Oft heften sich die Tiere auch an Gummistiefel an.

Die Seltenheit der medizinischen Blutegel hat ihnen einen Platz im Anhang der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) eingebracht. Auch deshalb ist die Art besonders streng geschützt, und ihr Bestand muss per Monitoring erfasst werden. Genau das versuchen Manzke und seine Mitstreiter derzeit für Niedersachsen.

Wie nun der Blutegel in den 25 Jahre alten Heidesee bei Meppen kam, ist unklar. „Er wird aus benachbarten Gewässern eingeschleppt worden sein“, meint der Biologe. Als Anhaftung an Vögeln, als überlebende Beute im Kropf eines Graureihers, angedockt an ein Säugetier, verschleppt durch einen Frosch oder selbst über Land gewandert? „Alles scheint möglich, man weiß wenig über ihren Ausbreitungsmechanismus“, sagt Manzke und freut sich über einen weiteren Fundort im Nordwesten. 

Mehr über Blutegel in Niedersachsen und Fundmeldungen www.laubfrosch-hannover.com/egel/hirudo.html


Der Medizinische Blutegel war einst millionenfaches Handelsgut – Vielfache Anwendung in der Medizin

Die Anwendung des Medizinischen Blutegels in der Humanmedizin verspricht wahre Wunder: Arthrose, Rheuma, Tennisarm, Rückenschmerz, Tinnitus, Hämorrhoiden, schwer heilende Wunden. Das Ansetzen des Ringelwurms zur Blutmahlzeit kann zahlreiche Beschwerden lindern.

Dabei kommt es nicht auf den eigentlichen Aderlass, also den Blutentzug, an. Dazu wären die Verlustmengen mit zehn bis 60 Milliliter Blut pro Mahlzeit wohl auch zu gering.

Vielmehr haben es die zahlreichen Wirkstoffe im Speichel des Egels in sich. Hirudin und Calin etwa sorgen für die Hemmung der Blutgerinnung. Eglin wirkt entzündungshemmend, ebenso der Stoff Bdellin. Weitere Komponenten des Speichels entfalten andere heilende Wirkung, und so verwundert es nicht, dass Blutegel seit Jahrtausenden in der Humanmedizin genutzt werden.

Dazu fing man sie einfach aus ihren Lebensräumen und bot sie später in Apotheken an, die lange Zeit stets einige Exemplare vorrätig halten mussten. Weil Blutegel ein Jahr lang ohne Nahrung auskommen, war das kein Problem, wohl aber deren Beschaffung. Das Königreich Hannover verbot bereits 1823 jede Ausfuhr von Egeln, weil sie so selten geworden waren.

Bereits im 18. Jahrhundert hatte sich in Hamburg ein eigener Wirtschaftszweig etabliert – der „Vierländer Blutegelhandel“ erreichte einige Berühmtheit. Die Kleinbauern aus Vierlanden lieferten täglich Gemüse in die Stadt, die Apotheker baten sie, ihnen im Umland Blutegel zu fangen. Die Nachfrage wuchs, der Verdienst ebenso. Bald importierten die Hamburger Blutegel sogar aus Russland und starteten lange Konvois dorthin. Gefangen wurden die Egel im Fernen Osten von jungen Bauernmädchen, die mit nackten Beinen in die Teiche stiegen. Die Egel saugten sich zu Dutzenden fest und konnten einfach abgesammelt werden. In den 1860er-Jahren exportierten Hamburg und Bremen 40 Millionen Egel pro Jahr.

Dass Blutegel auch im Emsland gesammelt und medizinisch genutzt wurden, ist überliefert. So ist zum Beispiel in Handrup ein alter Teich nach den Egeln benannt – er heißt Echelsloot. Noch vor einigen Jahrzehnten sollen dort Jugendliche das Vieh ins Wasser getrieben haben, um Egel zu ernten. Denn stets hatten sich nach kurzer Zeit so viele Egel an den Kühen festgesaugt, dass schnell eine stattliche „Ernte“ zustande kam. Die Egel wurden dann an einen Händler verkauft.

Auch heute haben einige Heilpraktiker die Heilmethoden im Angebot. Sie beziehen ihre Egel aber aus Farmen oder nutzen eine südeuropäische Unterart. Der Fang in der freien Natur ist verboten, der Egel ist streng geschützt. Der Speichel von Blutegeln wird in großem Stil in Medikamenten und Cremes genutzt.

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