NOZ-Magazin "Spurensuche" 1981 in Wietmarschen: Nonne vergewaltigt und ermordet

Von Frauke Backs

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Das Mordopfer Anna B. (rechts) und ihre Schwester Matthilde B. bei einem Heimaturlaub 1957. Foto: Familie BüchterDas Mordopfer Anna B. (rechts) und ihre Schwester Matthilde B. bei einem Heimaturlaub 1957. Foto: Familie Büchter

Wietmarschen. Mord und Totschlag: Wir lesen davon jeden Tag in der Zeitung. Das Magazin "Spurensuche" von NOZ Medien erzählt von den Verbrechen. Die Gesichte von Anna B. aus Wietmarschen ist eine davon. Die Nonne wurde 1981 vergewaltigt und ermordet.

Tante Änne, „so haben wir sie genannt“, erzählt Hedwig Büchter. „Sie war die ruhige und liebe von den Geschwistern meiner Mutter. Sie hatte immer ein offenes Ohr, hat sich viel um die Familie gekümmert, den Nichten und Neffen immer etwas zugesteckt.“ Hedwig Büchter sitzt zuhause im emsländischen Beesten in ihrem guten Wohnzimmer. Ein kleines Deckchen liegt adrett auf dem massiven Tisch, auf dem schon die ausgeschnittenen Zeitungsartikel bereit liegen: Erinnerungen. Während sie auf die Papiere sieht, sagt sie, mehr wie zu sich selbst: „Wenn man sich jetzt noch einmal damit beschäftigt – es kommt alles wieder hoch.“ 

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Wenn man an jenen Septembertag 1981 zurückdenkt, kann man sich als gläubiger Katholik schon mal fragen: „War das nun wirklich Gottes Wille? Oder war Anna B. einfach am falschen Ort zur falschen Zeit?“ Sie ist zu diesem Zeitpunkt 60 Jahre alt, lebt und arbeitet seit elf Jahren als Pflegerin im Altenheim Matthiasstift in Wietmarschen.

Nach der Probe des Kirchenchores im örtlichen Jugendheim -es muss so gegen 21.45 Uhr gewesen sein- macht sie sich gemeinsam mit einer Bekannten auf den kurzen Fußweg zurück zum Stift. Nicht weit davor muss die Bekannte abbiegen, die beiden halten noch einen kurzen Plausch und verabschieden sich dann an der Kreuzung. Die Bekannte gibt bei der Befragung später an, sie habe kurze Zeit später noch zweimal so etwas wie einen Aufschrei gehört, habe das aber dem in der Nähe stattfindenden Kirmestreiben zugeschrieben und sich nichts dabei gedacht.


Der Tatort im Jahre 2018. Foto: Sven Cordes


Nonne wird vermisst

Ab etwa 22 Uhr fragen sich die Mitschwestern im Stift, wo Schwester Philiberta heute nur bleibt. Sie wird niemals zuhause ankommen, denn irgendwo auf dem kurzen Fußweg, nur wenige hundert Meter vor dem Matthiasstift, traf sie auf einen jungen Mann, zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt. Er überfällt die Ordensschwester, vergeht sich sexuell an ihr, und schließlich, nach zwei qualvollen Stunden, erstickt er sie mit ihrem eigenen Büstenhalter.

Die Nonne war bei der Polizei schon als vermisst gemeldet, als eine Mitschwester am frühen nächsten Morgen zunächst einen Schuh, und schließlich auch den geschändeten Körper von Schwester M. Philiberta, geborene Anna B., fand.


So titelte seinerzeit die Lingener Tagespost den Artikel über den Vorfall.


Mit Büstenhalter erwürgt

Die Lingener Tagespost schrieb damals über die Motive des Tatverdächtigen, die er selbst in der Vernehmung benannt hatte: „Nach eigenen Angaben hatte er kurze Zeit zuvor in der Nähe von Gütersloh einen Vergewaltigungsversuch unternommen, und an dem Tatabend habe er sich „sexuell aufgeladen“ durch „ein gefühlvolles Telefongespräch“ mit seiner Freundin in Osnabrück, an der Nonne vergangen.“ 

Was Schwester Philiberta vor ihrem Tod erleiden musste, zeigte dann der Gerichtsmediziner im Prozess auf. Auch hier berichtete die Lingener Tagespost. Danach hatte der 17-Jährige versucht, die Frau durch Handkantenschläge, Würgen und Stechen mit einem Klappmesser willfährig zu machen, nachdem sie offenbar immer wieder aus der Bewusstlosigkeit erwacht war und sich gewehrt hatte. Erst als das alles nicht zu seiner Zufriedenheit gelang, zog er ihr ihren eigenen Büstenhalter um den Hals und zog zu.


Die Todesanzeige.


Von all diesen grausamen Details wusste Hedwig Büchter zunächst noch nichts. Sie wohnte im Herbst 1981 seit mittlerweile zehn Jahren in Beesten, hatte eine Familie gegründet. An dem Tag nach der Tat war sie zufällig in ihrem Elternhaus, als das Telefon klingelte: „Ich erinnere mich noch genau. Jemand vom Stift war dran, und teilte höflich mit, dass sie eine schlimme Nachricht für uns hätten: Schwester Philiberta sei auf tragische Weise verstorben. Wir sollten ihre Schwester Mathilde benachrichtigen“, erinnert sich Hedwig Büchter und fügt hinzu: „Zu dem Zeitpunkt kannten wir keine Einzelheiten und dachten, bei dem Todesfall bewege sich alles im normalen Bereich.“ Doch dann ging noch mehrmals an diesem Tag das Telefon auf dem kleinen Hof in Schapen, und nach und nach fügte sich das schreckliche Bild für die Familie zusammen.

Überfüllte Wallfahrtskirche

Doch neben all dem Schrecklichen gab es für die katholische Familie auch schöne Momente. Besonders gefällt der Nichte des Opfers, was der Osnabrücker Generalvikar Dr. Heinrich Heitmann während der Totenmesse, die in der überfüllten Wallfahrtskirche von Wietmarschen stattfand, gesagt hat: Dieses große Trauergeleit sei eine „Demonstration des Glaubens und der Liebe, die den Sieg über den Haß errungen hat.“   

Foto: Sven Cordes

Auch für jemand anderen war es wichtig, einen Sieg über den Hass zu erringen: Anna B.´ s Schwester hat sehr unter dem Verbrechen gelitten. Und doch besuchte Mathilde B., ihr Ordensname war Schwester M. Amabilis, den jungen Mann, der ihre Schwester getötet hatte, später im Gefängnis. Ihre Nichte Hedwig Büchter wunderte dieser rigurose Schritt nicht: „Sie war immer die gradlinige, zupackende. Wir von der Familie haben gesagt ´Bist du denn verrückt?`, aber sie wollte das unbedingt machen. Sie meinte, ein Gefangenenbesuch sei auch ein Werk der Barmherzigkeit. Und dann sagte sie: Ich will dem mal in die Augen gucken, dann muss ich nichts mehr fragen, dann kann ich alles sehen.“ Natürlich will die Verwandtaschaft danach wissen, was Mathilde dort gesehen hatte. Ihre Antwort kam in plattdeutsch und aus tiefstem Herzen: „Ach... Wat was´t doch ´n armes Jüngsken!“


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