Interview mit Lotse-Geschäftsführerin Anita Becker „Die Realität von psychisch Erkrankten ist anders.“

Von Jürgen Eden

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Anita Becker ist Geschäftsführerin des Vereins Lotse, der seelisch Erkrankten im Emsland hilft. Foto: Jürgen EdenAnita Becker ist Geschäftsführerin des Vereins Lotse, der seelisch Erkrankten im Emsland hilft. Foto: Jürgen Eden

Meppen. Seit 30 Jahren bietet der Verein „Lotse e.V. Menschen mit seelischen Erkrankungen sozialraumnahe Hilfen in Meppen, Lingen und Papenburg. In einem Interview erklärt die Geschäftsführerin Anke Becker auf die Hintergründe der Erkrankungen ein und erläutert, wie die Gesellschaft vor dem Hintergrund der Inklusion reagieren sollte.

Frau Becker, der Verein Lotse blickt auf drei Jahrzehnte seiner Geschichte zurück. Sie sind als Geschäftsführerin im Verein tätig. Wann haben Sie diese Aufgabe übernommen und wie war der Einstieg in dieses Arbeitsfeld?

Ich habe meine Tätigkeit vor knapp fünf Jahren aufgenommen. Davor war ich fast 30 Jahre in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung tätig. Eine erste Erkenntnis war, dass Menschen mit psychischer Erkrankung andere Arten von Unterstützung brauchen und völlig andere Lebensverläufe haben. Und es gibt eine andere Kultur des gesellschaftlichen Umgangs mit psychischer Erkrankung.

Die Kultur des Umgangs, das ist doch ein gutes Stichwort. Was sind die Unterschiede in den beiden genannten Feldern?

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Menschen mit geistiger Behinderung gesellschaftlich heute mehr Sympathie und zumindest Akzeptanz erfahren. Ein positives Beispiel für die Akzeptanz sind Menschen mit der Trisomie-21-Erkrankung, dem sogenannten Down-Syndrom. Sie gelten oft als sehr charmant und besonders liebenswert. Da schaut man auch mal über Auffälligkeiten hinweg, zum Beispiel sehr lautes Sprechen. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen hingegen stellt sich die Situation oft vollkommen anders dar. Eine psychische Erkrankung sieht man nicht. Betroffene haben viele Brüche in ihren Lebensläufen hinnehmen müssen, sie sind nicht mit der Erkrankung geboren. Viele sind plötzlich mitten in ihrem Leben, während der Ausbildung, im Studium, im Beruf, in der Partnerschaft, konfrontiert mit der psychischen Erkrankung.

Die Ursachen für psychische Erkrankungen sind nicht abschließend wissenschaftlich erforscht. Diese dürften jedoch vielschichtig sein, einerseits vielleicht manchmal genetisch bedingt, andererseits aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen. Was sind Ihre Erfahrungen?

„Vielschichtige Ursachen“ beschreibt die Situation sehr gut. Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, dass es sogenannte genetische Vorbedingungen für einige psychische Erkrankungen gibt. Das allein bedeutet aber nicht, dass eine solche Erkrankung immer ausbricht oder vererbt wird. Aber die Anfälligkeit für die psychische Erkrankung kann dadurch höher sein. Natürlich gibt es auch viele Faktoren von außen. Alle stark belastenden Ereignisse wie beispielsweise der Verlust nahestehender Menschen, ein schwerer Unfall, sexueller Missbrauch oder andere Gewalterfahrungen können Traumata auslösen. Psychische Erkrankungen können auch durch Suchtmittel wie Drogen, Medikamente und Alkohol ausgelöst werden. Besonders in den letzten Jahren nehmen die durch Drogen ausgelösten Erkrankungen deutlich zu. Zweifelsfrei ist es nicht immer möglich, den Auslöser der psychischen Erkrankung zu benennen.

Wie reagiert die Gesellschaft, also auch wir als Mitmenschen, auf psychisch erkrankte Personen?

Die psychische Erkrankung sieht man der Person nicht an, aber es gibt auffällige Symptome. Ich nenne mal das klassische Beispiel von einem an einer Depression erkrankten Menschen. Von außen sieht man nichts. Auffällig ist aber die fehlende Lebensfreude, dauernde Müdigkeit, innerliche Leere, vielleicht auch Rückzug aus dem Freundeskreis. „Jetzt komm einfach mal raus aus deinem Schneckenhaus, schau nicht so traurig und geh mal wieder richtig feiern“ ist ein oft gut gemeinter Rat von Familie und Bekannten. Es ist kein böser Wille, wenn hier Unbeteiligte den Eindruck erwecken, dass Erkrankte es ausschließlich selbst in der Hand hätten, ihre Situation zu verändern. Die Realität von psychisch Erkrankten ist anders. Eine schwere Depression ist eine Krankheit, die Menschen ans Bett fesseln kann, wie es auch eine schwere körperliche Erkrankung vermag. Für Menschen mit schizophrenen Störungen, die Stimmen hören, sind diese Stimmen ganz real, sie können sie nicht einfach „abstellen“.

Vor dem Hintergrund der Inklusion stellt sich für Unbeteiligte die Frage, wie geht man mit derartigen Situationen um? Sollte man eingreifen?

Es geht immer um einen authentischen Umgang. Nicht jeder, der sich nach unserer Ansicht merkwürdig verhält, ist psychisch krank. Wer angesprochen wird, darf und sollte auch eine Antwort geben. Und man darf auch ehrlich sein. Wenn ein Stimmenhörer fragt, „Hören Sie das denn nicht?“, dann sollte man auch die tatsächliche Situation spiegeln. Wenn jemand sich verfolgt fühlt und um Hilfe bittet, dann sollte man fragen, wie man helfen kann. Da die Hintergründe nicht bekannt sind, sollte man nicht regulierend sein. Also nicht nach dem Motto: „Jetzt hören sie mal, so geht das nicht…“ Das wäre aus meiner Sicht unangemessen.

Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt weiter. Inwieweit spielt der Leistungsdruck in der Arbeitswelt und im privaten Umfeld eine Rolle?

Der Leistungsdruck hat in der Gesellschaft stark zugenommen, und das betrifft auch das private Umfeld. Das nehmen wir alle wahr. Man darf manchmal schon von einer Leistungssklaverei sprechen, wenn beispielsweise junge Menschen in eine Art Hysterie oder Panik verfallen, weil sie nicht genauso aussehen wie ihr Vorbild. Wir stellen fest, dass es beispielsweise immer mehr Heranwachsende mit Magersucht gibt. Bei dieser psychischen Erkrankung spielen soziale Medien eine wesentliche Rolle, die körperliche Idealmaße als Normalität darstellen. Dann will jeder so sein. Mit dem Leistungsdruck geht jeder anders um. Der eine zieht die Notbremse, verändert sein Leben durch einen Berufswechsel oder eine neue Prioritätensetzung im privaten Umfeld. Andere betäuben sich mit Alkohol oder Drogen, wieder andere werden psychisch krank. Ich befürchte, dass es in den kommenden Jahren immer mehr Menschen gibt, die dem Leistungsdruck für eine gewisse Zeit oder auf Dauer nicht standhalten können.


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