Dem Tag eine Struktur geben „Kiek ut“ in Papenburg hilft seelisch Erkrankten

Von Jürgen Eden

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Der Verein Lotse vermittelt Menschen mit seelischen Erkrankungen ein Stück Tagesstruktur. Symbolfoto: Lotse e. V.Der Verein Lotse vermittelt Menschen mit seelischen Erkrankungen ein Stück Tagesstruktur. Symbolfoto: Lotse e. V.

Papenburg. Die Tagsstätte „Kiek ut“ des Vereins Lotse in Papenburg soll seelisch erkrankten Menschen beim Aufbau einer Tagesstruktur helfen.

Bei Menschen mit seelischen Erkrankungen ist es nicht selten, dass sie keinerlei Motivation verspüren, morgens überhaupt aufzustehen um eine Eigenversorgung sicherzustellen. Außerdem fällt es vielen schwer, aufgrund ihrer Depressionen, Angst- und Wahnzustände das Haus überhaupt zu verlassen.

Einer von ihnen ist der 55-jährige Anton* Die Schule verließ er in den 1970er-Jahren ohne Abschluss. Eine psychische Erkrankung lag damals schon vor. Sie wurde aber mangels ambulanter Hilfen nicht ausreichend therapiert. Fast jeder vierte Schulabgänger fand in jener Zeit aufgrund der Babyboomer-Jahre und mangels der schwachen Wirtschaftskraft in der Region keine Ausbildungsstelle. Das galt auch für Anton. Stattdessen versuchte er sein Glück mit Aushilfsjobs in einem Baustoffhandel, einem Bauunternehmen und einer kleinen Werft. Später folgten einfache Qualifizierungsmaßnahmen durch das damalige Arbeitsamt. Mal bei der Kreishandwerkerschaft, mal auf dem Ökohof. Der Erfolg war immer nur von kurzer Dauer. Immer wieder musste er aufgrund der nicht behandelten psychischen Probleme abbrechen. Es entwickelte sich eine Depression, Ängste und Zwänge folgten. Seine Wohnung verließ er nicht mehr. „Seitdem er hier ist, öffnet er sich langsam und nimmt am Gruppengeschehen vermehrt teil“, sagt die Sozialarbeiterin Kerstin Lüken. Eine Wiedereingliederung in das Erwerbsleben steht aufgrund der psychischen Erkrankung nicht mehr an.

Anders verhält es sich bei Annegret*. Der Sozialdienst einer Einrichtung hatte den Wechsel zu Lotse empfohlen, da sie sich am Arbeitsplatz überfordert sah. „Anfangs hat sie sehr oft geweint. Sie war sehr unsicher“, erinnert sich Lüken. In der Gruppe erhält Annegret sehr viel Zuwendung und Anerkennung, da sie aktiv in die täglichen Aufgaben der Gruppe einbringt. Dazu gehört beispielsweise der gemeinsame Einkauf, das Zubereiten der Mahlzeiten und das Decken sowie Abräumen des Tisches.

„Für viele sind das selbstverständliche Dinge, für Menschen mit diesen Beeinträchtigungen stellen diese Dinge schon unlösbare Probleme dar“, erklärt Lüken. Annegret zeigt sich in der Tagesstätte offen für viele Angebote. Zum Beispiel für die Ergotherapie, Bewegungsspiele und handwerkliche Arbeiten in der Werkstatt. Hilfreich sind die Rollenspiele, die der Reflexion und der Persönlichkeitsbildung durch das Einstudieren von Verhaltensweisen in Alltagssituationen dienen. „Ich habe die Hoffnung, dass sie vielleicht mittelfristig eine berufliche Reha-Maßnahme starten kann“, sagt Lüken.

Spricht man mit dem 43-jährigen Andreas*, so sind nicht sofort Anzeichen einer psychischen Erkrankung feststellbar. „Ich komme aus dem Pott, also aus dem Ruhrgebiet“, scherzt er. Seit Geburt lebt er mit Beeinträchtigungen. Dennoch kann er nach eigenen Angaben eine lückenlose Berufskarriere vorweisen. So arbeitete er als Bürokaufmann im Gesundheitswesen, bis eine Burnout-Erkrankung sowie chronische Schmerzen ihn zur Aufgabe und Verrentung zwangen. Auslöser für eine Verschärfung seiner persönlichen Situation war eine Gewalttat gegen ihn. Es kam zu Angstzuständen mit Panikattacken. Was für viele Menschen das normalste ist, beispielsweise alleine einkaufen zu gehen, ist für Andreas nicht mehr möglich.

Heute teilt er sich mit einem Mitbewohner eine kleine Wohnung in der er betreut wird. Dort nimmt er aktiv am Leben teil. Im ersten Schritt wird dort versucht, seine Situation zu stabilisieren, um dann in ganz kleinen Schritten die Selbstständigkeit zu erhöhen. Die Hilfen werden den Bedürfnissen und Zielvorstellungen der Gäste der Tagesstätte angepasst. Ziel ist der Aufbau einer sinnbringenden Tagesstruktur, die Förderung von Alltagskompetenzen, der Aufbau und die Pflege von sozialen Kontakten und das Erleben von Gemeinschaft. Gelingt das, kann die Vorbereitung auf eine Reha-Maßnahme oder eine Tätigkeit auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorbereitet werden. *Namen geändert


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