Schritte zur Eigenständigkeit Die Wohngruppen des Lotse in Papenburg und Meppen

Von Jürgen Eden

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Katja Wilken im Gespräch mit einer Klientin. Foto: Lotse e. V.Katja Wilken im Gespräch mit einer Klientin. Foto: Lotse e. V.

Meppen. Wenn die Seele krank wird, gerät das Leben aus dem Lot. Manchmal so stark, dass eine Balance ohne Hilfe nicht gefunden werden kann: Diese Unterstützung gibt der Verein zur Hilfe seelisch erkrankter im Emsland (Lotse).

Mit den sozialraumnah ausgerichteten stationären Wohnbereichen in Meppen und Papenburg gibt Lotse e. V. Menschen mit seelischen Erkrankungen die Möglichkeit, ihr Leben so eigenständig und selbstbestimmt wie möglich zu führen. Stationär bedeutet eine hohe Intensität in der Betreuung, es sind rund um die Uhr Fachkräfte für die Bewohner da. Heute geben wir Einblicke in einen stationären Wohnbereich.

Ich klingele, ein Mann mittleren Alters öffnet die Tür. Er lächelt und heißt mich herzlich willkommen. In der Küche und im Esszimmer herrscht geschäftiges Treiben. Denn die Vorbereitungen für das Abendbrot laufen. Gemeinsam wird der Tisch eingedeckt. Alle nehmen Platz. Tee und Kaffee werden eingeschenkt. Einige Medikamentendosierer liegen bei den Tischgästen. Beim Belegen der Brötchen lässt man den Tag Revue passieren. „Diese familienähnliche Struktur ist Teil der Hilfe, denn es soll das Sozialverhalten trainiert werden“, erklärt Katja Wilken, die für die Meppener Wohngruppen verantwortlich ist.

Hier leben Erwachsene die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht mehr oder noch nicht eigenständig leben können. Einige berichten auf Nachfrage über ihre diagnostizierten Krankheiten. Von Psychosen, also die Realität verzerrt wahrzunehmen, von paranoider Schizophrenie mit Wahnvorstellungen sowie bipolaren Störungen mit extremen Stimmungsschwankungen berichten sie. „Unser Ziel ist es zu stabilisieren und durch eine individuelle Planung persönliche Ziele zu ermöglichen“, sagt Wilken.

Einer von ihnen ist Jannik, der in einer der drei achtköpfigen Gruppen lebt. Er erzählt, dass er seit vier Jahren in dem Haus lebt und Fortschritte macht. Derzeit erprobt sich der 22-jährige mit dem Berufseinstieg in einer Meppener Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Dort sortiert er Holzdübel und verpackt sie. „Die Arbeit ist zwar manchmal etwas eintönig, aber Hauptsache ich komme mal raus.“ Das ist Teil des Konzeptes: Immer dort wo es die Erkrankung zulässt, wird die Teilhabe im zweiten Lebensbereich ermöglicht. Am Tisch sitzen Kevin der schon als Energieanlagen- und Gebäudeelektroniker arbeitete und der Hotelfachmann Marco.

Neu in der Gruppe

Marco führt aus, dass er schon neun Jahre hier lebt und vor zwei Wochen ein „Willkommensschild“ an die Tür eines neuen Bewohners angebracht hat. „Das ist sehr wichtig, dass sich hier jeder von Anfang an wohlfühlt“, erklärt Wilken. Einer der „Neuen“ ist der 24-jährige Timo. In den ersten vier Wochen soll er nicht sein früheres Zuhause besuchen. Denn das Durchbrechen alter Gewohnheiten ist wichtig. Das beginnt mit der Schaffung einer Tagesstruktur durch regelmäßige Teilnahme an Mahlzeiten. Denn nicht jeder ist ohne Hilfe zu einer eigenständigen Versorgung in der Lage, weil es krankheitsbedingt am nötigen Antrieb fehlt. Die schrittweise Übernahme von Verantwortung soll helfen, nach und nach zu mehr Eigenständigkeit zu gelangen.

Marco hilft oft beim Einkauf und der Zubereitung von Lebensmitteln für die Hauptmahlzeiten. Gemeinsam wird gekocht. Kevin ist Wäschebeauftragter. Er betätigt die Waschmaschine, legt die Wäsche zusammen und bügelt. Im Keller des Hauses besteht die Möglichkeit an einem Kunstprojekt teilzunehmen. „Kunst ist eine sehr gute Ausdrucksform um beispielsweise Stimmungen zu spiegeln“, erklärt Wilken.

Es finden regelmäßig Hauskonferenzen statt, wo die Planung von Ferienfreizeiten vorgenommen wird und Dinge des täglichen Zusammenlebens besprochen werden. Alles wird protokolliert. Einige Bewohner schaffen den Wechsel ins Betreute Wohnen und die Vermittlung in einen Job mit eigener Wohnung. Doch oft bedarf es kleiner Schritte, deren Ziel es sein kann, innerhalb des Hauses ein weitgehend selbstbestimmtes Leben mit entsprechender Hilfe zu führen. *Die Namen der Klienten wurden geändert.


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