Serie zum Dreißigjährigen Krieg Stammt Handgranate von Teglingen aus Schlacht von 1636?

Meine Nachrichten

Um das Thema Meppen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Meppen. 11. Januar 1636. 1500 schwedische Söldner brachen zwischen 8 und 9 Uhr von Meppen aus nach Osnabrück auf, um Verstärkung ins Emsland zu holen. 15 Kilometer südöstlich von Meppen gerieten sie in einen Hinterhalt katholisch-kaiserlicher Truppen. Die einzige größere Schlacht des Dreißigjährigen Krieges im Emsland begann.

3000 kaiserlich-katholische Söldner unter Oberst Lautersheim „begrüßten“ die schwedischen Truppen mit drei scharfen Salven, wie Obrist Wenzel von Krassenstein in einem Schreiben berichtet. Der einzige Augenzeuge des Gefechts berichtet, dass er nach dem Tod des Feldmarschalls Knyphausen das Kommando übernommen und die schwedischen Truppen zum Sieg geführt habe. Nach seinen Angaben fielen in der Schlacht 1300 kaiserliche Soldaten, 500 gerieten in Gefangenschaft, etliche wurden „ins Wasser gejagt“, es konnten etliche Munitionswagen und vier „magdeburgische Feldstücke“ – Kanonen – erbeutet werden.

Kampfgeschehen

Wenige Tage später äußerte sich auch Major von Bessel in Hameln zu dem Kampfgeschehen. Er schrieb von einem kaiserlichen Hinterhalt, einer „starken recontre beij Bawinckel zwei meile von Meppen“ und dass die Flüchtenden in die Hase gejagt wurden. Über den genauen Ort der Kontroverse, Uhrzeit und Dauer schwiegen sich beide aus.

Die zwei Briefe sind die einzigen zeitgenössischen Quellen, die es zu dem Ereignis im Emsland gibt. „Sowohl Chroniken des Dreißigjährigen Kriegs als auch später die emsländische Heimatliteratur greifen immer wieder auf die beiden Schreiben zurück, interpretieren diese jedoch mehr oder weniger fantasievoll“, berichtet Silke Surberg-Röhr, Leiterin des Archäologiemuseums in Meppen.

In der Chronologie der Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges ist dieses Scharmützel also kaum mehr als eine Randnotiz. Es bleiben demnach nur ganz wenige Fakten, auf die man sich bei der Suche nach dem genauen Ort des Schlachtfelds stützen kann, Indizien säumen den Weg der Suche.

Weg des Heers ist strittig

Strittig ist schon der Weg, den das Heer auf seinem Weg nach Osnabrück genommen haben könnte. „Der gesunde Menschenverstand impliziert, dass die schwedischen Truppen wohl möglichst weit außerhalb der Reichweite der stark befestigten Stadt Haselünne Richtung Osnabrück marschiert sein werden. Das ist aber eine These, die sich nicht eindeutig belegen lässt“, betont Surberg-Röhr.

1986 wurde auf dem Westesch in Teglingen von Landwirt Hermann Koers beim Pflügen auf einem Acker eine Eisenkugel entdeckt. Er nahm sie mit nach Hause und bewahrte sie in der Annahme, es handele sich dabei um eine Kanonenkugel, in einem alten Schrank im Wirtschaftsgebäude auf. 2011 wurde sie beim Abriss dieses Traktes von Sohn Michael wiedergefunden. Der bewahrte sie ebenfalls in einer Truhe in seinem Arbeitszimmer auf.

Sieben Jahre lang, bis ihm Heimatforscher Matthias Berg 2018 von einem ähnlichen Fund bei einer Feldbegehung nahe Klosterholte/ Bawinkel berichtete. Durch diese Geschichte erinnerte sich der Teglinger an die Entdeckung seines Vaters. Er studierte sie sorgfältig, stellte eine zwei Zentimeter große kreisgroße und 0,6 Zentimeter kleine Öffnung auf der Rückseite fest. Sollte das eine Kanonenkugel sein?

Hinweise im Internet

Koers recherchierte im Internet, stieß auf Bilder von Handgranaten, die dem Fund seines Vaters ähnelten. Und tatsächlich, wie sich bei weiteren Nachforschungen unter Hinzuziehen des Experten Jürgen Wagner herausstellte: Zu 98 Prozent hatte Hermann Koers damals vor 32 Jahren nicht eine Kanonenkugel, sondern eine Handgranate aus dem Dreißigjährigen Krieg gefunden. Das Gewicht von 1100 Gramm und der Durchmesser von 8,2 Zentimetern passen zu Geschossen., die der Zeit zwischen 1618 und 1648 zuzuordnen ist.

An den Fund erinnert sich Michaels Bruder Matthias Koers, heute 44 Jahre alt, gut. Damals hätten die beiden Jungs öfters mit der Eisenkugel Abwerfen gespielt, „bis Vater sie dann vorsichtshalber wieder zurücklegte und sie in Vergessenheit geriet.“ Michael Koers kann sich vorstellen, dass die Handgranate seinerzeit während des Marsches der Schweden Richtung Osnabrück am 1. Januar 1636 auf dem alten Heerweg von der Festung Meppen (über Teglingen nach Haverbeck und dann weiter Richtung Haselünne oder Bawinkel/Fürstenau/Osnabrück) vom Pferdewagen fiel. Seine Familie hat die Handgranate dem Archäologiemuseum in Meppen übergeben. Für einen gesicherten Hinweis auf den Marschweg der Truppen hält Surberg-Röhr sie nicht. „Der Fund ist ein Indiz auf den Marschweg, aber nicht auf den Ort der Schlacht“, so die Museumsleiterin.

Alte Karten

Natürlich wurden bei der Suche nach dem Schlachtfeld auch alte Karten zur Hilfe genommen. Die älteste, die sogenannte Colson-Karte, von Philip Ernst Colson 1773–1777 aufgenommen, entstand aber erst etwa 140 Jahre nach dem Schlachtgeschehen. „Eventuell könnten Flurnamen einen Hinweis geben, doch auch diese Recherche ist ins Leere gelaufen. Betrachtet man die Kontroverse aus militärhistorischer Sicht und ruft sich die damalige Kriegstaktik ins Gedächtnis, so muss für eine Feldschlacht mit 4500 beteiligten Soldaten ein großes offenes Gelände zur Verfügung gestanden haben. Das heutige Landschaftsbild führt hier jedoch eher in die Irre, denn massive Eingriffe des Menschen wie Trockenlegungen, Flussbegradigungen, Abholzungen, Plaggenentnahme, Wasser- und Aufforstungsmaßnahmen sowie natürliche Veränderungen durch Wind- und Wassererosion haben das Gelände gravierend verändert“, sagt die Expertin.

Mutmaßungen

Außerdem müsse man sich vor Augen führen, was nach mehr als 300 Jahren im Boden erhalten geblieben sein kann. Das seien lediglich Kleinteile der Ausrüstung, Knöpfe, Schnallen, Kleiderbesätze, Musketenkugeln, die konzentriert auf einem mehr oder weniger eng umrissenen Areal ans Tageslicht kommen müssten. Betrachte man dann noch die Flächen im Emsland, die ab den 1950er Jahren im Zuge des Emslandplans tiefgepflügt wurden, folge die Ernüchterung. „Fast alle für die Schlacht infrage kommenden Bereiche wurden dieser Verbesserung des Bodens für eine ertragreichere Landwirtschaft unterzogen, sodass man sich bei der Suche nach dem genauen Ort der Schlacht im Emsland 1636 keinen Illusionen mehr hingeben sollte“, sagt Surberg-Röhr. Mit den vorliegenden mageren Indizien lasse sich das Schlachtfeld nicht exakt lokalisieren. Es bleibe bei Mutmaßungen.

Die Erlebnisausstellung „Alter Schwede! Bauern, Bürger und Soldaten im Dreißigjährigen Krieg“ im Emsland-Archäologie-Museum in Meppen ist bis Ende 2018 zu sehen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN