Appell zur Typisierung für Mathilda Emsländerin rettet Briten mit Stammzellen das Leben

Von Carola Alge

Lebensretterin: Lydia Kölker spendete Stammzellen, die nun im Körper eines Briten neue lebensnotwenige Blutzellen bilden. Foto: DKMSLebensretterin: Lydia Kölker spendete Stammzellen, die nun im Körper eines Briten neue lebensnotwenige Blutzellen bilden. Foto: DKMS

Meppen. Das Schicksal der vier Jahre alten Mathilda aus Geeste, die wieder an Leukämie erkrankt ist, berührt viele Menschen. So auch Lydia Kölker, die mit der Mutter des Mädchens seit mehr als 30 Jahren befreundet ist. Sie möchte Mut machen, sich typisieren zu lassen, um anderen zu helfen. Die 35-Jährige hat Stammzellen gespendet und damit einem Briten das Leben gerettet.

Kölker ließ sich vor sieben Jahren bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS typisieren. „Das war bei einem KiK-Event, bei dem es einen Aktionsstand der Organisation gab. Ich habe mich damals spontan dazu entschieden, mich zu registrieren.“ Jahrelang hörte die gebürtige Gerstenerin, die seit zwölf Jahren bei der Firma in der Europa-Zentrale in Bönen als Bereichsleitung im Qualitätsmanagement Textil arbeitet, nichts mehr von der DKMS. Bis zum Oktober 2017. Da erreichte sie die Nachricht, dass sie als Spender infrage komme.

Froh, helfen zu können

Kölker war einen Moment überrascht, „aber auch froh, helfen zu können“. Die Registrierung sei für sie eine bewusste Entscheidung gewesen, „im Fall der Fälle zu helfen“. Deshalb habe sie sich sehr gefreut, „die Chance zu bekommen, einem Menschen das Leben zu retten“. Das umso mehr, als sie durch den engen Kontakt zu Mathildas Familie und zu dem Mädchen sehr nah erlebe, wie wichtig so eine Spende sein kann. „Der Verlauf von Mathildas Krankheit ließ mich keine Minute daran zweifeln, eine Spende für einen fremden Menschen zu geben.“

Viele Fragen

Das war die gefühlsmäßige Schiene. Aber das, was auf sie körperlich zukommen würde, warf schon Fragen in ihr auf. „Ich wollte natürlich wissen, wie der Ablauf einer solchen Stammzellenspende ist.“ Antworten bekam Kölker, die ab diesem Zeitpunkt „Neuland betrat“, zunächst von der DKMS. „Die Aufklärung über die DKMS war sehr professionell, beruhigend und extrem freundlich. Ich habe mich gut betreut gefühlt.“

Eine bewegende Zeit begann für die 35-Jährige. Sie konsultierte ihren Hausarzt, der ein kleines Blutbild machte, um die Übereinstimmung ihres Bluts mit dem des Empfängers zu prüfen. „Als feststand, dass ich passen könnte, wurde ich zu einer Generaluntersuchung in ein Krankenhaus nach Köln bestellt. Kölkers Blutwerte waren in Ordnung, „die Übereinstimmungen zwischen mir und dem Patienten betrugen über 95 Prozent. Das ist eher selten.“

Die Gerstenerin passte als Stammzellenspenderin. Es folgte wieder eine Kontaktaufnahme durch die DKMS. Die wollte wissen, ob sich die Emsländerin zu 100 Prozent sicher sei, spenden zu wollen. Kölker war es, verstand aber den Grund des Gesprächs. „Man muss sich klarmachen, wenn man zu dem Zeitpunkt Ja sagt, ist das eine verbindliche Zusage. Sobald die ersten Schritte eingeleitet werden, um den Patienten vorzubereiten, ist ohne diese Spende ein Überleben fast nicht möglich.“ Entscheidet sich der Spender also quasi im letzten Moment noch einmal um, habe dies schwerwiegende Folgen für den Empfänger.

Schnell erholt

Mit diesem Hinweis soll niemandem Angst gemacht werden. Man müsse sich nur eben bewusst sein, „dass man mit der Zusage eine große Verantwortung übernimmt.“ Die 35-Jährige stand zu ihrer Entscheidung. Ihr wurde im Dezember 2017 Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen. Der Eingriff erfolgte unter Vollnarkose. In den meisten Fällen erfolgt die Entnahme der Stammzellen über das Blut. Das war bei Kölker nicht möglich, weil der Empfänger der Spende eine große Menge an Stammzellen benötigte.

Von dem Eingriff erholte sie sich schnell wieder. „Danach ist man zwar noch einige Zeit eingeschränkt, und der Körper muss sich langsam von dem Eingriff erholen, aber das ist schnell vergessen.“ Da die Spende eine Woche vor Weihnachten stattfand, folgte nur eine Woche Krankschreibung. „Die zweite Woche waren eh die Weihnachtsfeiertage zum Ausruhen.“

Es geht ihm gut

Über den Empfänger ihrer Stammzellen erfuhr sie, dass es sich bei ihm um einen Mann aus England handelt und dass die Spende erfolgreich war. „Das hat mich natürlich wahnsinnig gefreut.“ Mehr Informationen über ihn hat sie nicht. „Im Vorfeld habe ich mich dazu entschieden, selbst keinen Kontakt aufzunehmen, denn die wichtigste Information für mich war, dass es ihm gut geht.“

Im Juli teilte die DKMS Kölker per Brief mit, dass ihre Stammzellen in das Knochenmark des Patienten in Großbritannien gewandert seien und dort gesunde Blutzellen bildeten. Der medizinische Verlauf sei so zufriedenstellend, dass der Patient bereits aus der Klinik entlassen wurde. Er sei auf dem Weg der Besserung. Riesen-Erleichterung und Freude machten sich bei der Gerstenerin breit, die bereit gewesen wäre, auch ein zweites Mal zu spenden, hätten ihre Stammzellen im Körper des Briten nicht „funktioniert“.

Doch nicht nur für die Blutzellenbildung sorgen ihre Stammzellen. Die genetische Übereinstimmung zwischen ihr und dem Mann beträgt jetzt 100 Prozent „Es kann also sein, dass er Eigenschaften von mir übernommen hat. Die Ärzte im Krankenhaus haben mir erzählt, dass es sogar möglich ist, dass sich die Haarfarbe des Empfängers durch die Spende ändert.“ Ob das so ist, wird die Deutsche vielleicht bei einer persönlichen Begegnung erfahren. In frühestens zwei Jahren. Bis dahin kann sich der Empfänger, wenn er es möchte, anonym bei ihr melden.

Menschen motivieren

Würde Kölker anderen Menschen eine Registrierung empfehlen? „Unbedingt“, sagt sie ohne jedes Zögern. „Durch meine Erfahrungen möchte ich auf das Thema aufmerksam machen und noch mehr Menschen dazu motivieren, sich zu informieren und zu registrieren.“ Mit jedem typisierten Spender steige die Chance, dass ein Mensch geheilt werden kann. Die Mittdreißigerin ist „sehr stolz darauf, dass ich mich dazu entschieden habe zu spenden und somit einem Menschen das Leben gerettet habe.“

Das Leben retten – das hofft Kölker sehnlichst auch für Mathilda, die Tochter ihrer Freundin. Tapfer kämpfte das Mädchen aus Geeste zwei Jahre gegen den Blutkrebs. Mithilfe einer Stammzellspende möchte sie ihn nun endgültig besiegen.

Die Typisierung für Mathilda und andere findet am Sonntag, 26. August, 11 bis 17 Uhr, in der Turnhalle Geeste, Wilhelmstraße 4 in Geeste, statt.


So funktioniert die Registrierung

Die Registrierung geht einfach und schnell: Nach dem Ausfüllen einer Einverständniserklärung wird beim Spender ein Wangenschleimhautabstrich mittels Wattestäbchen durchgeführt, damit seine Gewebemerkmale im Labor bestimmt werden können. Spender, die sich bereits in der Vergangenheit bei einer Aktion registrieren ließen, müssen nicht erneut mitmachen. Einmal aufgenommene Daten stehen auch weiterhin weltweit für Patienten zur Verfügung.

Die DKMS ist eine internationale gemeinnützige Organisation, die sich dem Kampf gegen lebensbedrohliche Blutkrebserkrankungen verschrieben hat. Unser Ziel ist es, so vielen Patienten wie möglich eine zweite Lebenschance zu ermöglichen. Dabei sind wir weltweit führend in der Versorgung von Patienten mit lebensrettenden Stammzelltransplantaten. Die DKMS ist außer in Deutschland in den USA, Polen, UK und Chile aktiv. Gemeinsam haben wir mehr als acht Millionen Lebensspender registriert. Darüber hinaus betreibt die DKMS wissenschaftliche Forschung und setzt in ihrem Labor, dem DKMS Life Science Lab, Maßstäbe bei der Typisierung neuer Stammzellspender.

Ab sofort kann man sich im Stadtkiosk Lingen Damaschke, Schillerstraße 1, ebenfalls für Matilda und andere erkrankte Menschen kostenlos typisieren lassen. Die Mitarbeiter vor Ort beantworten Fragen jeglicher Art zu dem Thema und achten auf Ausschlusskriterien. Sie stehen im ständigen Kontakt mit der DKMS, die den Lingener Typisierungspunkt regelmäßig mit Typisierungssets versorgt. cw

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