Verein zur Hilfe seelisch Erkrankter Lotse beginnt in Meppen mit freiwilligen Projekten

Von Jürgen Eden

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Blicken auf die 30-jährige Geschichte des Vereins Lotse e.V. zurück: Vorsitzender Joachim Schulte und Geschäftsführerin Anita Becker. Foto: Lotse e. V.Blicken auf die 30-jährige Geschichte des Vereins Lotse e.V. zurück: Vorsitzender Joachim Schulte und Geschäftsführerin Anita Becker. Foto: Lotse e. V.

Meppen. Als vor 30 Jahren der Verein „Lotse“ zur Hilfe seelisch Erkrankter im Emsland e. V.seine Arbeit startete, wurden Menschen mit psychischen Erkrankungen überwiegend zentral im weit entfernten niedersächsischen Landeskrankenhaus Osnabrück am Gertrudenberg oft für viele Jahre stationär aufgenommen.

Mit der Vereinsgründung ging im Emsland auch ein stetiger Wandel einher, denn die Hilfen sollten von Anfang an differenzierter und sozialraumnaher erfolgen. Dr. Joachim Schulte war im Jahr 1988 Gründungsmitglied, ist auch heute noch Vorsitzender und erinnert sich an die bescheidenen Anfänge.

Schulte kam als junger Psychiater in die Kreisstadt und gehörte im Emsland vor drei Jahrzehnten zu einer der wenigen Neurologen und Psychiater im Kreis. „Wir haben im Gegensatz zu vielen anderen großen Städten nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben etwas aufgebaut. Meist geschah das sehr hemdsärmelig. Wo wir Bedarfe erkannten, fingen wir einfach an“, so Schulte. Wir, damit meint er Betroffene und Angehörige, aber auch engagierte Bürger und den Landkreis Emsland sowie die drei großen Einrichtungen der Eingliederungshilfe, das St.-Lukas-Heim in Papenburg, das Vitus-Werk in Meppen und das Christophorus-Werk in Lingen.

Als ambulant kaum therapierbar

Zum Vergleich: Die Kinder- und Jugendhilfe sowie die Eingliederungshilfen für Menschen mit Behinderungen wurden bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren sozial- und heilpädagogisch ausgerichtet, institutionalisiert und damit gesellschaftlich etabliert. Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen hingegen galten gesellschaftlich und politisch betrachtet bis in die Mitte der 1970er-Jahre als ambulant kaum therapierbar. Erkrankte wurden daher zentral in Osnabrück in der im Volksmund sogenannten Nervenheilanstalt oft über Jahre untergebracht und behandelt. Einen Paradigmenwechsel brachte die Psychiatrieenquete von 1975. Ziel war es, gemeindenahe Hilfesysteme aufzubauen. Im Kern ging es darum, Menschen, die bis dahin in Landeskrankenhäusern untergebracht wurden, dort zu behandeln, wo auch ihr soziales Umfeld war.

Mangel an dezentralen Institutionen

Es mangelte jedoch an dezentralen Institutionen. In anderen Regionen hatte man an einigen Stellen Wohnheime, die jedoch erneut zu einer Kasernierung der Erkrankten führten. Hier hingegen konnten die relativ kleinen und wirtschaftlich schwachen Altkreise Aschendorf-Hümmling, Meppen und Lingen aus finanziellen Gründen dieses Thema nicht sofort in den Fokus rücken. Die Region galt alsstrukturschwach, und andere Aufgaben im sozialen Bereich, beispielsweise in der Eingliederungs- oder Jugendhilfe, galt es noch zu bewältigen.

In den Fokus rückte das Thema aber Mitte der 1980er-Jahre, als der junge Landkreis Emsland als einer der flächengrößten Einheiten durch die Fusion der drei zuvor genannten Altkreise erstarkte. Die Schaffung des Großkreises war dringend geboten, denn der sozialstaatliche Auftrag des Grundgesetzes sollte stärker auf die Gebiete der Leistungsverwaltung und der Daseinsvorsorge verlagert werden. Zudem war politisch gewollt, dass die neuen Kreise eine aktivere Rolle bei der Gestaltung des Wirtschafts- und Soziallebens übernehmen.

Oberkreisdirektor Schirmherr

Unter der Schirmherrschaft des ersten emsländischen Oberkreisdirektors Karl-Heinz Brümmer und mit Unterstützung des sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes konnten Betroffene und Unterstützer den Verein Lotse gründen. Ziel war von Anfang, an die Hilfe für psychisch Behinderte und die Selbsthilfe mit dem Ziel zu fördern, die Wohn-, Lebens- und Ausgangssituation zu verbessern. Darüber hinaus sollte der Verein gezielt Öffentlichkeitsarbeit betreiben, um Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Brümmer verstarb Anfang der 1990er-Jahre bei einem tragischen Verkehrsunfall. Sein Nachfolger Hermann Bröring übernahm die Schirmherrschaft und engagierte sich ebenfalls für die Ziele des Vereins. Bis heute übernimmt der jeweils amtierende Landrat die Schirmherrschaft. Bereits im Gründungsjahr wurde die erste ambulant betreute Wohngemeinschaft in Meppen eingerichtet. In den darauffolgenden vier Jahren folgte die Einrichtung einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft in Papenburg. „Wir hatten von Anfang an das Ziel einer sozialraumnahen Ausrichtung“, so Schulte weiter.

„Ambulant vor stationär“

Politisch machte schon damals der Begriff „ambulant vor stationär“ die Runde. So war es nur folgerichtig, dass in Meppen in der Paulstraße 9 die erste Begegnungsstätte eröffnet wurde. Weitere Gebäude konnten in Aschendorf und in Lingen für ambulante Wohngemeinschaften übernommen werden. In den Jahren zwischen 1994 und 1997 erfolgte die Einrichtung eines Übergangswohnheimes in der Herzog-Arenberg-Straße 64, wo sich heute auch die Geschäftsstelle des Vereins befindet. Weitere ambulante und stationäre Wohngruppen folgten in Meppen und Papenburg. Ein Paradigmenwechsel vollzog sich politisch wie gesellschaftlich Ende der 1980er-Jahre. Bis dahin wurde projektbezogen gearbeitet. Will heißen: Bedarfe wurden erfasst, um dann um Zuschüsse für Projekte zu werben. Mit der Änderung des zwölften Sozialgesetzbuches hatten psychisch Erkrankte einen Anspruch auf Unterstützung. Betroffene konnten somit ihren gesetzlich verbrieften Anspruch gegenüber den Kostenträgern geltend machen und sich eine Institution suchen, von der sie betreut werden wollten. Der Verein war von diesem Zeitpunkt an nicht mehr projektmäßig tätig, sondern als Dienstleister für die Klienten.

Wandels in der Arbeitswelt

Die Beeinträchtigungen haben sich aufgrund des Wandels in der Arbeitswelt aber auch im privaten Umfeld deutlich verändert. Wir leben in einer Informations- und Leistungsgesellschaft, in der jeder immer möglichst fehlerfrei funktionieren muss“, so Schulte. Im Klartext: Die Krankheitsbilder haben sich erweitert. Andererseits konnte aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts erreicht werden, dass früher unheilbar Erkrankte mit entsprechenden Therapien in der Lage sind, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Heute gehören insgesamt mehrere stationäre und ambulante Einrichtungen zum Verein „Lotse e.V.“ Dazu gehören stationäre und ambulant betreute Wohnbereiche, Tagesstätten, Teestuben und niedrigschwellige Angebote.

Aktuell werden 250 Menschen mit psychischen Erkrankungen von 65 Mitarbeitern unterstützt und gefördert. Standorte sind in Lingen, Meppen und Papenburg.


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