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Existenzsorgen und Familienärger Landwirte aus dem Emsland suchen Hilfe beim Sorgentelefon

Von Harry de Winter

Seit 25 Jahren kümmert sich die Telefonseelsorge und vor Ort um die Sorgen und Nöte der Landwirte. Symbolfoto: dpaSeit 25 Jahren kümmert sich die Telefonseelsorge und vor Ort um die Sorgen und Nöte der Landwirte. Symbolfoto: dpa

Meppen/Wallenhorst. Existenzsorgen, Generationskonflikte – wenn es auf einem landwirtschaftlichen Betrieb nicht rund läuft, kann dies viele Gründe haben. Ludger Rolfes kennt zig solcher Fälle. Er arbeitet bei der Familienberatung Oesede für den Bereich Weser-Ems, die auch für das Emsland zuständig ist. Seit 25 Jahren kümmern er und seine Mitarbeiter sich am Telefon und vor Ort um die Sorgen und Nöte der Landwirte.

„Oftmals leben zwei oder mehr Generationen auf einem Hof zusammen“, sagt Rolfes, Geschäftsführer der Ländlichen Familienberatung. „Da kann es schnell zu Konflikten kommen.“ Früher seien es vor allem Schwiegertöchter gewesen, die nicht mit der Schwiegermutter zurechtkamen. Heute zeige sich ein anderes Bild: Während die Frauen unabhängiger geworden seien und oftmals einer eigenen Arbeit nachgehen würden, käme es vermehrt zu Vater-Sohn-Konflikten.

„Die Ursachen für die Streitereien ähneln sich und lassen sich meistens auf mangelnde Wertschätzung zwischen Vater und Sohn zurückführen. Aber auch unterschiedliche Vorstellungen, wie der Hof geführt werden soll, sorgen gerne für Zündstoff.“ Die Probleme der emsländischen Landwirte seien im Großen und Ganzen dieselben wie in der gesamten Region. Auch, dass es kaum zu Ärger zwischen Mutter und Sohn komme. Die Nachkommen seien meist die „kleinen Prinzen“ auf den Höfen, sagt Rolfes.

Nach der Krise wird angerufen

Die aktuelle Dürre und die drohenden Ernteverluste bescheren den Seelsorgern nicht mehr Arbeit, im Gegenteil. „Das war schon bei der Milchkrise so“, erklärt der 60-jährige studierte Agraringenieur und Theologe. „Familiäre Probleme stehen jetzt vorerst hinten an. Erst nach der Krise wird wieder angerufen.“

Pastoralreferent Ludger Rolfes. Foto: Jessica von den Benken

Mitarbeiter haben „Stallgeruch“

Wie den Landwirten geholfen wird, kann nicht pauschal beantwortet werden. „Wir lassen die Anrufer reden und hören erstmal nur zu. Das bringt viele schon weiter“, sagt Rolfes. Dabei gehes insbesondere um aktives Zuhören. Tipps zu geben, sei nicht die Aufgabe der Telefonseelsorge. „Die Mitarbeiter, die alle ehrenamtlich tätig sind, kommen ausschließlich aus der Landwirtschaft und kennen das Hofleben. Wir nennen das ‚Stallgeruch‘.“ Dies gebe schon vorab einen Vertrauensvorschuss und die Anrufer müssten sich weniger erklären. Oft kämen die Ratsuchenden schon beim ersten Anruf zu einer eigenen Lösung, ohne dass in einem Prozess gemeinsam Auswege für den Konflikt erarbeitet werden müssten.

Psychische Probleme nehmen zu

Rund 60 Anrufe nimmt die Telefonseelsorge im Monat entgegen. Auffällig sei, dass die Gründe für die Kontaktaufnahme zunehmend psychische Probleme seien, schildert Rolfes. „Es sind Zukunftsängste, die die Landwirte sehr belasten. Für ihre Produkte sinken die Preise und der Konkurrenzdruck ist enorm. Demgegenüber stehen sehr hohe Investitionen, um überhaupt weiter Schritt halten zu können.“ Dies ginge auf Kosten der Solidarität und der Gemeinschaft unter den Landwirten. „Sie fühlen sich alleine. Das ist schade.“

Telefonseelsorge ist kostenlos

Wenn es gewünscht ist, können die Anrufer anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist in jedem Fall kostenlos. „Sollte das Anliegen nicht am Telefon zu klären sein, dann bieten wir auch Beratungen vor Ort an“, sagt der 60-Jährige. Hier kämen dann zwei Berater auf den jeweiligen Hof, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Dafür falle dann eine Pauschale von 50 Euro und Fahrtkosten an. „Die Erfolgsquote ist mit 90 Prozent sehr hoch. Darauf sind wir stolz.“


Landwirtschaftliche Sorgentelefone und Familienberatungen

Die Mitarbeiter der Landwirtschaftlichen Sorgentelefone und Familienberatungen in Niedersachsen bieten vertrauliche Gespräche und unabhängige Beratung am Sorgentelefon oder auf dem Betrieb an. Das Sorgentelefon ist anonym und kostenfrei unter der Telefonnummer 05401/866820 zu erreichen. Familien, Paare und Einzelpersonen aus dem ländlichen Raum können sich montags, mittwochs und freitags zwischen 8.30 Uhr und 12 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 19.30 Uhr bis 22 Uhr an das Sorgentelefon wenden. Die Familienberatung bietet darüber hinaus Besuche vor Ort an, für die eine Aufwandsentschädigung in Rechnung gestellt wird. Weitere Informationen lesen Sie im Internet unter www.sorgentelefon-landwirtschaft.de.

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