Serie: 50 Jahre Vitus Hauptschulabschluss wurde zum Bumerang für Meppener

Von Hermann-Josef Mammes


Meppen. Der 40-jährige Tobias Gerken hat eine Odyssee im Rahmen der beruflichen Aus- und Weiterbildung hinter sich. Erst nach vielen Jahren hat er jetzt nach Angaben seinen Eltern „seinen Platz gefunden“. Der Meppener brauche einfach den beschützenden Rahmen der Vitus-Werkstatt.

Bis dahin war es aber ein dorniger Weg. Seine Eltern Dorothea und Theo Gerken sind pensionierte Lehrer. „Die ersten Jahre haben wir nicht gemerkt, dass er eine Behinderung hat.“ Erst Jahre später wurde festgestellt, dass das Gehirn vermutlich während der Geburt mit Sauerstoff unterversorgt wurde. Während seine drei Geschwister richtig gute Schüler waren, tat sich Tobias von Anfang an sehr schwer. So wurde der Junge erst mit knapp acht Jahren eingeschult. Nur dank enormer Unterstützung seiner Eltern schaffte er die Grundschule. Danach besuchte er die Johannesschule Meppen. „Damals gab es für lernschwache Schüler noch Kleingruppen“, erinnert sich seine Mutter. „Mit ganz viel Mühe“ reichte es für Tobias zum Hauptschulabschluss. Dabei war die Schulzeit für den Jungen alles andere als toll, zumal „ er oft Außenseiter war und keine echten Freunde fand“. Maria Brüggemann, Pädagogische Leitung in der Vitus Werkstatt, sagt, dass viele Eltern von lernbehinderten Kindern von ähnlichen negativen Erlebnissen berichten.

Odyssee beginnt

Die langjährige berufliche Findungsphase von Tobias Gerken stand immer unter der Prämisse, einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt finden zu müssen. Dass ihr Sohn damit überfordert ist, erkannten die Eltern erst später. Es begann mit einem Internatsjahr im Christophorus-Werk Lingen. Danach folgten zwei Jahre auf dem A + W Biolandhof in Sögel. Mit 19 Jahren erhielt Tobias Gerken einen Schwerbehindertenausweis. Der Grad der Behinderung beträgt 100 Prozent, damit galt er als schwerbehindert. Von Sögel ging es zur Johannesburg nach Surwold. In der Jugendhilfeeinrichtung wurde er binnen drei Jahren zum Fachwerker im Gartenbau ausgebildet. „Auch dafür mussten wir mit ihm immer viel lernen.“ Es folgten mehrere Praktika bei Gartenbetrieben und Maßnahmen bei Bildungsträgern, darunter ein Jahr im Berufs- und Technologiezentrum in Lingen für psychisch gehandicapte Menschen. Die Eltern waren inzwischen zu der Einsicht gekommen: „Oftmals war Tobias überfordert. Den stressigen Anforderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt war er einfach nicht gewachsen.“

Abschluss wird zum Bumerang

So unternahmen die Eltern mehrere Anläufe bei der Agentur für Arbeit sowie den anderen Behörden, um die Situation zu ändern. „Wir hatten eingesehen, dass er bei Vitus in Meppen am besten aufgehoben ist.“ Allerdings entwickelte sich gerade sein Hauptschulabschluss zum Bumerang. „Man sagte uns immer wieder, dass unser Sohn dort überqualifiziert sei.“ Es folgte schließlich ein zweimonatiger Aufenthalt in der Tagesklinik des St.-Vinzenz-Hospitals in Haselünne. Danach fing für den jungen Mann ein neues Leben an. Er erhielt einen Platz im Wohnheim von Lotse in Meppen. Der Verein hat sich die Hilfe seelisch Erkrankter im Emsland zur Aufgabe gemacht.

„Es war für ihn ein ganz wichtiger Schritt. Er konnte endlich wie seine drei Geschwister Zuhause ausziehen“, weiß Vater Theo. Es bedurfte noch mehrerer Monate und weiterer Anträge bis Tobias endlich am 22. April 2006 offiziell in die Vitus -Werkstatt durfte. Hier arbeitet er jetzt in der Außenstelle der Werkstatt Meppen-Bokeloh im Gartenbereich. „Das war zwölf Jahre nach seinem Schulabschluss“, weist seine Mutter auf die vielen Irrungen und Wirrungen hin. Sie weiß nur zu gut: „Tobias war immer ein Grenzfall. Von ihm wurde immer viel zu viel erwartet.“ In Bokeloh in der Gartengruppe fühle er sich sehr wohl. In dieser kleinen überschaubaren Einrichtung habe er endlich echte Freunde und seinen Platz gefunden. So unternehme man auch privat viel zusammen. An den Wochenenden lebe er bei seinen Eltern.

Beschützender Rahmen

Dabei treibt die beiden pensionierten Lehrer auch eine weitere Sorge um: „Wir sorgen uns um seine Zukunft.“ Umso wichtiger und beruhigender sei es für die Eltern, dass der „Sohn seinen Weg gefunden hat.“ Brüggemann weiß nur zu gut: „Ein großer Teil unserer Beschäftigten braucht einen beschützenden Rahmen, wo sie sich wohl fühlen.“ Sie erinnert daran, dass jeder Mensch einen Anspruch auf Teilhabe am Berufsleben hat. Dabei gelte es, für jeden Einzelnen die richtige individuelle Lösung zu finden.

Dorothea und Theo Gerken sind Vitus und Lotse für deren Hilfen sehr dankbar. Dabei denken sie schon weiter: „Wo wird unser Sohn leben, wenn er in Rente geht?“ Aber auch für diesen Personenkreis bietet Vitus Lösungen an.


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