Trauer und Traumata bleiben Sudanesen in Meppen heimisch geworden

Von Hermann-Josef Mammes


Meppen. Vor knapp drei Jahren endete die Odyssee der drei Flüchtlinge Omar Ahmad Kuri (29), Mohamed Al. Bekhit (28) und Haytham Babiker (24) aus dem Sudan in Meppen. Heute leben die jungen Männer in einer Wohngemeinschaft im Stadtteil Nödike. Alle drei haben einen festen Arbeitsplatz.

Die Drei leben seit einem Jahr in einer Vierzimmerwohnung im Obergeschoss. Unten an der Eingangstür sind an der Klingel ihre drei Namen zu lesen. In einem Gespräch mit unserer Redaktion berichten sie, wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist. Die Wohnung selbst ist sehr sauber und aufgeräumt. Bei der Wohnungssuche halfen Juliane Große-Neugebauer und Udo Hollemann kräftig mit. Das ist kein Zufall. Juliane Große-Neugebauer ist Ortsvorsteherin von Rühle. Zugleich leitet sie mit Udo Hollemann und weiteren Helfern ein Integrationsprojekt im Dorf. So nahm Rühle 2015 zehn junge Männer aus dem Sudan auf. Sie wurden im alten Pfarrhaus untergebracht und teilten sich zu zweit ein Zimmer.

Gelungene Integration

Heute seien es nur noch fünf Männer, sodass jeder ein eigenes Zimmer bewohnen könne. Tagsüber seien sie alle unterwegs. Entweder gingen sie zur Arbeit oder besuchten Kurse der Volkshochschule. Laut Juliane Große Neugebauer entwickelt sich Rühle immer mehr zum zentralen Treffpunkt für die inzwischen rund 30 Sudanesen in Meppen. „Es gibt ganz viele ehrenamtliche Helfer bei uns“, dankt sie den Dorfbewohnern. Gerade der Heimatverein sei sehr aktiv. So änderten die Heimatfreunde Rühle 2016 sogar ihre Satzung. Der neue Passus sieht vor, „Flüchtlinge im Ortsteil Rühle zu integrieren und finanziell zu unterstützen“.

Mama und Papa

„Mama“ und „Papa“ wie Juliane Große-Neugebauer und Udo Hollemann liebevoll von den Flüchtlingen genannt werden, halfen auch den drei Männern. So vermittelten sie Omar Ahmad Kuri Ende 2016 einen Job als Monteur bei Radialbesen Westermann in Meppen. Hier arbeitet er für einen Stundenlohn von zehn Euro noch immer. Vor seiner Flucht unterrichtete er im Sudan Englisch. „In meiner Heimat war ich im Nebenjob als Klempner tätig.“ Sein Fazit nach drei Jahren in Meppen: „Alles ist gut.“

Eigenes Auto

Zusammen mit seinem Mitbewohner Mohamed Al. Bekhit hat er sich sogar ein altes Auto (Opel Meriva) gekauft. Mohamed trägt den Spitznamen „Ziko“ und arbeitet für denselben Stundenlohn bei der Westermann Tochterfirma, Steenhaus. Der 28-Jährige sagt: „Im Sudan habe ich Abitur gemacht.“ Er war dort als Taxifahrer unterwegs. An ihren Ankunftstag in Rühle erinnerte sie ihr Autokennzeichen: EL-M 2210. „Wir sind am 22. Oktober 2015 in Rühle angekommen“, klärt Omar Ahmad Kuri auf.

Dritter im Bunde ist Haytham Babiker. Voller Stolz hält er seinen Ausbildungsvertrag in der Hand. Der 24-Jährige arbeitete 14 Monate lang für neun Euro als einfacher Arbeiter bei der Tischlerei Sebastian Schepers in Meppen. Heute beginnt er eine Ausbildung. „Ich kriege dann erst weniger Geld“, sagt der Sudanese in respektablem Deutsch. Er hofft jedoch nach der dreijährigen Ausbildung auf einen Job als Geselle. Die Rühler wollen ihm während der Ausbildung auch schulisch helfen. „Mein Ehemann Ekkehard Neugebauer wird ihm bei Bedarf bei den Hausaufgaben helfen“, sagt die Ortsvorsteherin. Auch noch andere Sudanesen in Meppen starteten bereits eine Ausbildung zum Beispiel zum Koch oder IT-Systemelektroniker.

Atmosphäre kippt

Die bislang lockere Atmosphäre bei dem Gespräch im Wohnzimmer kippt, als die Frage nach ihren Angehörigen im Sudan gestellt wird. „Ihnen geht es Scheiße!“, sagt der jüngste im Bunde voller Zorn in der Stimme. Dabei schicken die drei jungen Männer ihren Familien regelmäßig Geld. Mehr können sie nicht für sie tun. Wenn die Verbindung es zulässt, telefonieren sie noch mit ihnen. Nicht wenige Angehörige wurden verhaftet. „Die Traurigkeit im Herzen der jungen Männer bleibt.“ Dies müssen Hollemann und Große-Neugebauer immer wieder feststellen. Auch die Traumata der Flucht hätten tiefe Spuren hinterlassen. „Meine Frau ist noch im Sudan“, sagt ein sichtlich gerührter Mohamed Al. Bekhit. Sein größter Wunsch ist es, dass sie ebenfalls in Deutschland leben darf.

Kleine und große Erfolge

Hier stoßen aber auch die Rühler Helfer an ihre Grenzen. Dennoch gibt viele kleinen und große Erfolge: „Jetzt kann ein anderer Sudanese seine Frau und Tochter in die Arme schließen. Sie haben sich seit fünf Jahren nicht gesehen“, sagt Juliane Große Neugebauer. Die Rühler seien im Laufe der Jahre „Spezialisten für Sudanesen“ geworden. Sobald ein Platz im alten Pfarrhaus frei werde, würde er von der Stadt Meppen nachbesetzt. Im September kämen die nächsten.

Eigene Wohnungen

Dabei konnten die Rühler bereits viel für die Flüchtlinge bewegen. „Viele leben inzwischen in eigenen Wohnungen, so Große-Neugebauer. Diese seien über die ganze Stadt verteilt. Dabei gilt ihr besonder Dank „den tollen Vermietern“. Gerade von den sudanesischen Familien wird sie auch gerne „Oma“ genannt. Inzwischen leben in Meppen sechs sudanesische Kinder. Das Siebte kommt am Mittwoch per Kaiserschnitt zur Welt.


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