Ovationen bei Musicalpremiere 1600 Besucher umjubeln „Addams Family“ in Meppen

Von Carola Alge


Meppen. KULT! Das Gr(M)usical „Addams Family“ hat das Zeug dazu, ein Renner der Freilichtbühne Meppen zu werden. Die 1600 Premiere-Besucher bedachten die ausverkaufte Vorstellung in gruftigem Ambiente am Samstag lautstark mit viel Szenenbeifall und Ovationen im Stehen.

Unter der Regie von Iris Limbarth kommt das 51-köpfige Ensemble voller Spielfreude, mit tollen Gesangs- und Tanznummern und in sehenswerten Kostümen in einer Inszenierung daher, die nicht zuletzt durch die witzig-originelle Zeichnung der Charaktere der Addams begeistert. Das Musical ist ein morbider Spaß voller schwarzem Humor und kleinen Sticheleien über die vermeintlich normale Gesellschaft. Das Stück hat das Potenzial, zu einem Selbstläufer zu werden, wie es die „Rocky Horror Show“ war.

Die Zutaten dafür stimmen auf jeden Fall. Amerikas skurrilste Familie verspricht Spaß für die ganze Familie. Die entsprechende Cartoon-Reihe erschien erstmals in den 1930er-Jahren im New Yorker Magazin und ist bis heute weltweit populär. Zum Addams-Clan, der in einer verfallenen Villa im New Yorker Central Park lebt, gehört ein Haufen liebenswerter Exzentriker, der für reichlich Spuk sorgt.

Hang zum Okkulten

Limbarth und Choreografie-Assistentin Nina Links haben den Stoff aus der Feder von Marshall Brickmann, Rick Elice und Andrew Lippa (Songs) zu einem Stück voller Wortwitz und teilweise modernisierter Dialoge gemacht, das die einstigen Strichfiguren des amerikanischen Charles Addams mit ihrem Hang zum Okkulten in so herrlicher Weise zum Leben erweckt, dass man die Gruft-Truppe sehr schnell sympathisch findet.

Allen voran Gomez, Oberhaupt des schrägen, im Grusel-Gemäuer im New Yorker Central Parks lebenden Clans. Ulrich Kaßburg stellt den heißblütigen Spanier dar. Würde er, der Emsländer, die Rolle des Latinos authentisch zeichnen, fragte sich der eine oder andere vor Beginn. Ja! Spätestens seit seiner Darstellung des leicht durchgeknallten Lords Evelyn Oackleigh in „Anything Goes“ weiß man, dass der Meppener schräge Typen mit exotischem Akzent gut spielen kann. Auch den in einen dunklen Nadelstreifen gekleideten, schmalen Oberlippenbart tragenden, Haar gegelten Gomez nimmt man ihm ab.

Clan-Chef mit Witz

Kaßburg gibt den Clan-Chef mit Witz, Entertainerqualität und gesanglich hörenswerten Nummern wie „Was wäre wenn“, „Wo kommen wir her“ und „Wednesday wächst heran“, in dem seine Liebe und besondere Beziehung zur Tochter fühlbar ist. Fast schon Mitleid hat man mit dem gutmütigen Spanier, wenn seine Gattin Morticia auftaucht. Im typischen Gruftlook mit langen schwarzen Haaren, bodenlangem dunklen Samtkleid und tief dekolletiert kommt Julia Felthaus divenhaft und bestimmend daher. Sie lässt vom ersten Moment an keinen Zweifel daran: Das Sagen bei der „Addams Family“ hat sie. Mit ihrem Sinn für Humor, ihrer Wahnsinnsstimme und ihrer Ausstrahlung gibt die Leading Lady der Meppener Freilichtbühne der Rolle Gestalt. Ständig zieht sie die Augenbrauen in ihrem kalkweißen Gesicht hoch, setzt einen Blick auf, als hätte sie gerade Essig getrunken. Gesanglich sorgt Felthaus für mehrere Höhepunkte. Zwei davon sind „Der Tod steht um die Ecke“ und „Geheimnisse“.

Tragende Säule des Ensembles

Einst als „Eigengewächs“ der Meppener Bühne beginnend ist die Akteurin seit Jahren eine der tragenden Säulen des Ensembles. Zu der könnte auch Marina Kotte werden. Als Addams -Tochter Wednesday hat sie einen gesanglich wie schauspielerisch anspruchsvollen Part der Inszenierung. Zunächst brav ein schwarz-weißes Kragenkleid tragend zeichnet sie die Wandlung der sadistischen Gruft-Göre, der aufmüpfigen Prinzessin der Finsternis, die ihren Bruder gern mit Folter (Stromstößen) quält, zur verliebten träumenden jungen Frau. Ihr zuzusehen, macht Spaß. Das Zuhören genauso. Besonders ausdrucksstark sind ihre Songs „Verrückter als du“ und „Neue Wege“. Neue Wege, die einmal weit nach oben führen könnten, tun sich für Kotte an diesem Abend im Dunkel der Burg-Schloss-Kulisse auf.

Für darstellerische Spots sorgen darin viele weitere Akteure. Stellvertretend seien Brian Lüken als langweiliger, ganz und gar ungruftiger Wednesday-Freund Lukas Beineke, Stina Meiners als dessen gut bürgerliche langweilige Mutter Alice (mit toller Fast-Strip-Einlage beim „Wahrheitssong“) und der großartige Komiker Oliver Schulte (mit rockiger Einlage) als dessen mindestens genauso spaßfreier und spießiger Gatte Mal, Maria Mader als herrlich durchgeknallter Spät-Hippie Grandma Addams und Dominik Angioi als Söhnchen Pugsley in Ringelshirt und Kinderhosen genannt, der das Liebesverhältnis seiner Schwester mit einem Zaubermittel beenden will.

Viel Szenenbeifall

Viel Szenenbeifall bekommen zu Recht zwei gesichtslose Gestalten: Allen voran Wilhelm Warren. Mit starrer Miene, Geknarre statt Worte von sich gebend, spielt er den Butler Lurch und ist -wie ein roter Faden – ständig auf der Bühne präsent. Lurch, meist im Hintergrund agierend, aber jede seiner Bewegungen treffend inszeniert, hat etwas von einem Zombie, gibt der Kulisse voller flackernder Grablichter und kleiner Friedhofstelle mit Sarg zusätzlich etwas Unheimliches, wirkt wie der gerade wieder auferstandene Tod. Hier, wie überhaupt, hat die Maske ganze Arbeit geleistet.

Genau das Gegenteil ist der feinfühlige, dickbäuchige Onkel Fester. Der Glatzkopf wirkt auf den ersten Blick als normalstes Familienmitglied. Das sympathischste ist er auf jeden Fall. Doch auch der Mönch wäre kein Addams, hätte er nicht ebenfalls eine Macke: seine Liebe zum Mond. Florian Kerperien glänzt in dieser Rolle, die ihm wie auf den – künstlich vergrößerten – Leib geschrieben wirkt. Sein Onkel ist so anrührend und feinfühlend, dass man ihn am liebsten in den Arm nehmen würde. Gänsehautpotenzial ist sein wunderbar romantisches „Sagt der Mond, ich liebe dich“. Tolle optische Illusion dazu: Im Ringel-Ganz-Körper-Suit „umschwebt“ er den Angebeteten. Hach, eine Romanze, bei der man gerne der Mond wäre.

Park, Gruft, Folterkammer

Großes Kompliment an die Beleuchtungstechniker an dieser Stelle. Aber nicht nur an dieser. Sie verleihen der von Britta Lammers gestalteten Zwei-Turm-Kulisse und ihrer verschiebbaren Elemente durchgängig gekonnt die jeweilige Atmosphäre, lassen sie wechselweise zu düsterem Park, Gruft, Folterkammer und verschiedenen anderen liebevoll dekorierten morbiden Innenräumen werden. Ein optisches Highlight: die glutrote Kulisse zum sehenswerten heißen Liebes-Revival-Tango von Ullrich Kaßburg und Julia Felthaus. Aber auch Randfiguren erscheinen im rechten Licht: das Monster Iguanodon zum Beispiel. Und, ja, es kommt im Musical tatsächlich vor, das eiskalte Händchen. Aus dem Film bekannt, in der Musicalversion jedoch nicht vorgesehen, lässt Limbarth es zu Beginn, wie unsichtbar gezogen, über die Bühne „fingern“.

Liebe zum Detail

Die Liebe zum Detail (zum Beispiel bei Grandmas kuriosem Kleinladen-Wägelchen mit allerlei verbotenen Substanzen darin), ein hoch spielfreudiges, motiviertes und begabtes Ensemble, sehenswerte von Heike Korn geschaffene Kostüme mit weißen Rokoko-Perücken und ausladenden Kleidern sind weitere Zutaten einer Inszenierung, in der die Spieler glänzen. Insbesondere mit Soli und vielen Tanznummern, die ihnen durch die vielen Stilwechsel der Songs vom Swing über Tango bis zum Rock alles abverlangen. Chapeau!

Tangorhythmen

Heiße Tangorhythmen, sentimentale Songs und gefühlvolle Balladen klingen der zweieinhalbstündigen Aufführung nach. Ganz besonders der Ohrwurm „Bist du ein Addams“. Sie schicken die begeisterten Besucher nach dem Zugabenblock auf den Weg heim in die Dunkelheit, in der mancher unwillkürlich zum Mond heraufschaut und schmunzelt. Hinaus in eine Nacht nach einem Abend, der zeigte: Auch Gruftis sind nur Menschen. Als einer davon verkleidet dürfte mancher Gast bei den folgenden Aufführungen erscheinen. „Addams Family“ könnte Woche für Woche zum großen spaßigen Happening werden. Es ist ein Mords-Spaß.


Die weiteren Aufführungen:

Freitag, 3. August, 20 Uhr

Samstag, 4. August, 20 Uhr

Freitag, 10. August, 20 Uhr

Samstag, 11. August, 20 Uhr

Freitag, 17. August, 20 Uhr

Samstag, 18. August, 20 Uhr

Freitag, 24. August, 20 Uhr

(Aktionstage Genuss, Geschmack & Musical,

Einlass ab 18 Uhr)

Samstag, 25. August, 20 Uhr

(Aktionstage Genuss, Geschmack & Musical,

Einlass ab 18 Uhr)

Freitag, 31. August, 20 Uhr

Samstag, 1. September, 20 Uhr

Sonntag, 2. September, 16 Uhr

(Nachmittagsaufführung)

Freitag, 7. September, 20 Uhr

Samstag, 8. September, 20 Uhr

Kartenvorverkauf: Telefon: 0 18 02 /88 121 88, Montag bis Samstag, 9bis 12 Uhr, Tourist Information Meppen (TIM), Markt 4, Meppen. cw

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