Angst vor Trennung Flüchtlingsfamilie in Meppen: „Plötzlich war die Polizei im Schlafzimmer“

Von Carola Alge

Haben Angst: Majed und Abeer Darwish mit ihren Kindern Omar (vorn), Salim (v. l., hinten), Hamzah und Aws. Foto: Carola AlgeHaben Angst: Majed und Abeer Darwish mit ihren Kindern Omar (vorn), Salim (v. l., hinten), Hamzah und Aws. Foto: Carola Alge

Meppen. Deutschland, Dänemark, Jemen? Flüchtlingsfamilie Darwish aus Meppen weiß zurzeit nicht, wie es für sie weitergeht, wo sie ein Zuhause findet. Mehr noch. Sie befürchtet, auseinandergerissen zu werden.

Zu den Darwishs, die aus dem Jemen bzw. Syrien flüchteten, gehören sechs Personen: Vater Majed, Mutter Abeer und vier Kinder im Alter von neun Monaten, zwei, zehn und zwölf Jahren. Der Mann, gebürtiger Syrer und in Palästina aufgewachsen, floh 2015 nach Aufständen und Bürgerkrieg in Syrien aus Aleppo mit Ziel Deutschland. Auf der Route Türkei – Griechenland – Mazedonien – Serbien – Kroatien – Ungarn – Österreich – Deutschland lernte er Abeer mit ihren zwei Kindern kennen. Beide verliebten sich und heirateten in der Türkei, wo sie sich acht bzw. vier Monate aufhielten.

Abeer, die aus dem Jemen kommt, war kurz vorher von ihrem Mann geschieden worden. „Er war gewalttätig und trug Waffen mit sich. Er hat mich und die Kinder täglich geschlagen und gefoltert“, erzählt die vierfache Mutter. Sie zeigte ihren Ex-Partner deshalb an. Ein Richter sprach ihr die zwölf- und zehnjährigen Kinder zu. Mit denen floh sie „aus Angst vor ihm und den Kriegsaufständen in die Türkei“.

Flucht mit Schlauchboot

Nach vier Monaten dort flohen die 30-Jährige, ihr Mann und die beiden Kinder mit dem Schlauchboot nach Griechenland. Per Bus und zu Fuß ging es nach Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und schließlich im Zug nach Österreich und von dort mit Bus und Zug nach Deutschland. Von München aus, wo die vier zunächst in einem Auffanglager untergebracht waren, wurden sie in weitere Camps, unter anderem in Hagen, geschickt.

Das Hin und Her ohne Ziel vor Augen war der Familie, wie sie sagt, „irgendwann zu viel“. Sie wanderte nach Dänemark aus. Das war 2015. Dort habe sie sich ein Jahr und acht Monate aufgehalten. In dem skandinavischen Land wurde die Familie auch erstmalig registriert. Der Vater und das dort im Juli 2016 geborene gemeinsame Baby Salim (jetzt zwei Jahre) hätten die Aufenthaltserlaubnis in Dänemark erhalten. Die sei der Mutter und ihren beiden zwei anderen Kindern verwehrt worden.

Asylantrag gestellt

Um als Familie nicht getrennt zu werden, reisten die Darwishs Ende März 2017 erneut nach Deutschland. Wieder ging es in ein Camp, nach Bad Fallingbostel und von dort nach Meppen. In der emsländischen Kreisstadt wollten die sechs nach eigenen Angaben „endlich heimisch werden“. Sie stellten einen Asylantrag. Zur Ruhe kam die Familie, deren Sohn Omar hier Anfang November 2017 geboren wurde, jedoch nicht. Im Gegenteil. Am 19. Juni habe plötzlich nachts um 2 Uhr die Polizei vor der Haustür gestanden, um dafür zu sorgen, dass sie nach Dänemark zurückkehrt. Die Familie sei im Schlaf von den Beamten überrascht worden, die sich „ohne Klingeln so Zutritt verschafft hat“. Die Polizei habe das Schlafzimmer gestürmt und gerufen: „Los, los, los, packt eure Sachen zusammen. Zack zack.“ Die Familie beschreibt die Beamten als aggressiv. Sie hätten, wie man das eigentlich kenne, keine Ruhe bewahrt. „Es war für die Kinder und uns ein Schock“, sagen die Darwishs.

Keinen Ausweg gesehen

Einen Ausweg habe man in jener Nacht nicht gesehen. „Wir haben das so hingenommen, weil wir uns mit der Rechtsordnung hier nicht auskennen“, sagt Abeer. Ein von der Flüchtlingsfamilie beauftragter Anwalt habe dann jedoch für die Rückkehr nach Meppen gesorgt. Das war Mitte Juli 2018. In ihre alte Wohnung konnten sie nicht zurück. Auch an das, was sie bei der Abschiebung in der Eile zurücklassen mussten, kommen sie nicht mehr. „Jemand hat sämtliche Gegenstände, die uns gehörten, mitgenommen. Alles war weg. Unser Eigentum und das, was für uns Erinnerung bedeutete, wurde gestohlen“, klagt der 32-jährige Majed.

Alles weg

Wie geht es für ihn und seine Familie weiter? „Wir haben Angst. Angst vor der Polizei, Angst vor erneuter Abschiebung“, sagen die Erwachsenen. Ihre älteren Kinder gehen in Meppen zur Schule, die beiden jüngeren, von denen eins in Meppen geboren wurde, in den Kindergarten.

Majed Darwish möchte in Meppen in seinem Beruf wieder Fuß fassen. „Ihr braucht doch dringend Pflegekräfte“, sagt der Krankenpfleger. Auch seine Frau Abeer, die in einem Sekretariat tätig war, würde „sehr gern arbeiten“. Beide fühlen sich in Meppen mit ihren Kindern wohl, hätten sich hier eingelebt, soziale Kontakte aufgebaut. Aber sie hätten Angst. „Höllische Angst davor, dass plötzlich wieder jemand vor unserem Schlafzimmer steht“. Ihr Vertrauen sei Dauerangst gewichen. Besonders schlimm sei die Situation für die Kinder. „Sie werden überall herausgerissen und sind sehr, sehr traurig“, sagt Majed Darwish traurig.

Dublin-III-Verordnung

Der Landkreis Emsland erklärte auf Anfrage unserer Redaktion, die Familie sei auf der rechtlichen Grundlage der Dublin-III-Verordnung nach Dänemark gebracht worden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) habe am 15. Juli 2017 die Asylanträge der Familie abgelehnt. Drei der seinerzeit insgesamt fünf Familienmitglieder seien damit seit dem 10. August 2017 vollziehbar ausreisepflichtig gewesen, weitere zwei Personen seit dem 17. August 2017.

Die Schwangerschaft Abeer Darwishs hätte für die Dauer des Mutterschutzes hinsichtlich der Abschiebung nach Dänemark aufschiebende Wirkung für die Mutter und zwei weitere Familienangehörige gehabt. Seit 1. Januar 2018 seien diese Personen aber wieder vollziehbar ausreisepflichtig. Den Asylantrag für das neu geborene Kind habe das Bamf am 7. März 2018 als unzulässig abgelehnt. „Der Bescheid ist seit dem 27. März 2018 bestandskräftig“, so Anja Rohde, Pressesprecherin des Landkreises Emsland.

Verantwortung des Bamf

Ein Termin für eine Rückführung dürfe nach Paragraf 59 Abs. 1 Satz 8 des Aufenthaltsgesetzes nicht angekündigt werden. Die Rückführung der Familie in den EU-Staat Dänemark sei durch die Landesaufnahmebehörde Niedersachsen veranlasst worden. Das Verfahren zur Rücküberstellung liege in der Verantwortung des Bamf. Die hiesige Ausländerbehörde habe bei der Überstellung in andere EU-Mitgliedstaaten auf der Grundlage von Dublin III keine Zuständigkeiten und könne nicht auf Vorbereitung und Durchführung steuernd Einfluss nehmen. Das in diesem Fall praktizierte Vorgehen verstoße in keiner Weise gegen rechtliche Vorgaben.

Ob die dänischen Behörden eine Familientrennung durchführen wollten, könne von hier nicht beurteilt werden. Nach Angaben des Landkreises sei die Familie nach der Abschiebung entgegen der vom Bamf erlassenen Wiedereinreisesperre in die Bundesrepublik Deutschland eingereist. Das Amt überprüfe diesen Fall aktuell. „Während der Dauer der Prüfung ist keine Beendigung des Aufenthaltes geplant“, so Rohde.


Registrierung nach dem Dublin-Verfahren

Das sogenannte Dublin-Verfahren regelt unter anderem, dass Asylbewerber in dem Land registriert werden, in dem sie die Europäische Union betreten. In dem Verfahren wird der Staat festgestellt, der für den Asylantrag zuständig ist. Damit wird sichergestellt, dass jeder Asylantrag nur von einem Mitgliedstaat inhaltlich geprüft wird.

Zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates wird ein Gespräch mit dem Antragsteller geführt.

Stellt sich dabei heraus, dass der Asylantrag in einem anderen Mitgliedstaat zu bearbeiten ist, ergeht ein Übernahme- oder Wiederaufnahmeersuchen an den betreffenden Mitgliedstaat. Stimmt dieser zu, erhält der Antragsteller hierüber einen Bescheid. Sodann vereinbaren die Mitgliedstaaten in der Regel die Modalitäten der Überstellung. Rechtsgrundlage des Verfahrens ist nunmehr die Dublin-III-Verordnung.

In dieser Verordnung wird auch geregelt, dass ein Asylbewerber in dem EU-Mitgliedstaat seinen Asylantrag stellen muss, in dem er den EU-Raum erstmals betreten hat. Dort haben auch die Registrierung und die Durchführung des Asylverfahrens zu erfolgen. cw

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