Fast 20 Prozent mehr in zehn Jahren Zahl der Schwerbehinderten im Emsland stark gestiegen

Von pm/hdw

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In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der schwerbehinderten Menschen im Landkreis Emsland um fast 20 Prozent gestiegen, in den letzten zwei Jahren um vier Prozent. Der demografische Wandel lässt die Zahl in den nächsten Jahren weiter ansteigen. Symbolfoto: Stefan Puchner/dpaIn den letzten zehn Jahren ist die Zahl der schwerbehinderten Menschen im Landkreis Emsland um fast 20 Prozent gestiegen, in den letzten zwei Jahren um vier Prozent. Der demografische Wandel lässt die Zahl in den nächsten Jahren weiter ansteigen. Symbolfoto: Stefan Puchner/dpa

Meppen. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der schwerbehinderten Menschen im Landkreis Emsland um fast 20 Prozent gestiegen, in den letzten zwei Jahren um vier Prozent. Der demografische Wandel lässt die Zahl in den nächsten Jahren weiter ansteigen.

Der Trend ist eindeutig: Die Zahl der schwerbehinderten Menschen steigt. Was ist der Grund? „Mehr als 80 Prozent der Schwerbehinderten sind chronisch krank, nur jeder zwanzigste hat eine angeborene Behinderung, ein noch kleinerer Teil ist infolge eines Unfalls schwerbehindert“, sagt Peter Rupprecht von der IKK-Krankenkasse, die Daten vom Landesamt für Statistik Niedersachsen ausgewertet hat. „Im Alter wächst das Risiko, durch eine chronische Krankheit schwerbehindert zu werden, beispielsweise durch einen Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebserkrankung oder auch Diabetes.“ Die Ursache ist der demografische Wandel in Deutschland. Die Gesellschaft wird älter. Durch den medizinischen Fortschritt sind auch schwerwiegende Erkrankungen zum Teil gut behandelbar. Mehr als die Hälfte der Schwerbehinderten ist 65 Jahre und älter und ein Viertel ist durch Erkrankungen in den inneren Organen beziehungsweise des Organsystems beeinträchtigt.

Grafik: Heiner Wittwer; Quelle: Landesamt für Statistik Niedersachsen

Ende 2017 lebten im Landkreis Emsland 28.810 schwerbehinderte Menschen mit einem Behinderungsgrad (GdB) von mindestens 50 Prozent. Das sind 1107 Menschen oder vier Prozent mehr als Ende 2015 (27.703 Menschen). Ende 2007 waren es insgesamt 24.368 schwerbehinderte Menschen. In zehn Jahren ist die Anzahl also um fast 20 Prozent (18,2 Prozent) gestiegen. Landesweit ist die Entwicklung ähnlich: 2017 hatten 752.251 Niedersachsen einen Schwerbehindertenausweis mit einem GdB von mindesten 50 Prozent. Im Vergleich zu 2015 (724.265 Menschen) ist die Anzahl um 3,9 Prozent, zu 2007 (641.092 Menschen) um 17,4 Prozent gestiegen.

Gestiegener Beratungsbedarf

Diesen Anstieg bestätigt der Sozialverband Deutschland (SoVD) Kreisverband Emsland auf Nachfrage unserer Redaktion. Der Beratungsbedarf beim Thema Schwerbehinderung steige kontinuierlich an. Bezüglich der Altersgruppen gebe es aus Sicht der Beratungspraxis ein gemischtes Bild. Kinder würden wegen einer Schwerbehinderung ebenso beraten wie Erwachsene und Rentner, wobei die Zahl der Beratungsfälle bei Menschen, die sich im Rentenalter befinden und eine Schwerbehinderung beantragen, steige.

Verbesserte Lebensbedingungen

Dass Behinderungen vor allem bei älteren Menschen auftreten, bestätigt Dr. Joachim Beyer, Chefarzt der Abteilung Frührehabilitation und Altersmedizin im Krankenhaus Ludmillenstift in Meppen. So waren im Jahr 2017 circa ein Drittel (34 Prozent) der schwerbehinderten Menschen 75 Jahre und älter. 44 Prozent gehörten der Altersgruppe von 55 bis 74 Jahren an. Zwei Prozent waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. „Die Zunahme der Anzahl der Schwerbehinderten ist an sich keine schlechte Nachricht“, erklärt der Mediziner. „Durch Fortschritte in der Medizin und verbesserte Lebensbedingungen wie Umwelt, Wohnen und Ernährung leben Menschen länger und überleben auch mit kritischen Erkrankungen.“

2050 jeder achte Deutsche schwerbehindert

Überträgt man die heutige altersspezifische Häufigkeit von Behinderungen in die Zukunft, dann wird nach wissenschaftlichen Prognosen 2050 jeder achte Deutsche schwerbehindert sein. Mit gezielten Präventionsprogrammen ließe sich die Entwicklung mildern. Dafür müssen laut der Krankenkasse Aufklärung, Beratung und Training zu Bewegung, Stressbewältigung, gesundheitsbewusster Ernährung und Suchtprävention selbstverständlich werden. „Häufig sind es die sogenannten Zivilisationskrankheiten, die im Alter zur Schwerbehinderung führen“, sagt Rupprecht. „Durch einen gesundheitsorientierten Lebensstil lassen sich diese Erkrankungen unter Umständen vermeiden oder zumindest mildern.“


Ab wann gilt man als schwerbehindert?

Eine Behinderung liegt vor, wenn jemand eine oder mehrere gesundheitliche Beeinträchtigungen hat, die länger als sechs Monate anhalten und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einschränken. Die Schwere wird durch den Grad der Behinderung (GdB) ausgedrückt. Jemand gilt als schwerbehindert, wenn der GdB 50 und mehr beträgt. Grundsätzlich kann jede Krankheit, ob nun körperlicher oder psychischer Art, einen GdB begründen. Der Schwerbehindertenausweis dient als Nachweis für die Inanspruchnahme von Rechten und Leistungen (Nachteilsausgleichen), die schwerbehinderten Menschen nach den gesetzlichen Grundlagen zustehen.

Wer eine Schwerbehinderung feststellen lassen will, muss einen Antrag stellen. Im Landkreis Emsland ist die zuständige Stelle die Außenstelle Osnabrück vom Landesamt für Soziales, Jugend und Familie. Die notwendigen Formulare werden auf der Website www.soziales.niedersachsen.de als Download angeboten. Hilfe bei der Antragsstellung bietet zum Beispiel der SoVD. Der Sozialberater prüft hier zunächst alle vorhandenen Unterlagen und bespricht mit dem Betroffenen die Situation, unter anderem auch, ob eine Antragsstellung erfolgsversprechend und sinnvoll ist.

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