Wegen EU-Verordnung nach Italien abgeschoben Meppener Gemeinde will iranische Christen zurückholen

Von Tim Gallandi


Meppen. In der evangelisch-lutherischen Gustav-Adolf-Kirchengemeinde Meppen herrscht Empörung: Eine aus dem Iran geflohene Familie, die sich dem Christentum zugewandt hat, ist nach Italien abgeschoben worden, obwohl sie bereits begonnen hatte, sich im Emsland zu integrieren.

Aus Christine Kock und Petra Heidemann, die im Namen des Kirchenvorstands berichten, spricht auch mehrere Wochen nach dem Vorfall Wut und Fassungslosigkeit über die in ihren Augen menschlich ungerechtfertigte Aktion: Demnach hätten sich am frühen Dienstagmorgen nach Pfingsten Mitarbeiter der Ausländerbehörde und der Polizei per Schlüssel Zutritt zur Wohnung der Familie Daemi Zahmati in Meppen verschafft. „Pro Person durfte ein Koffer gepackt werden. Vom Düsseldorfer Flughafen wurden sie nach Bari in Süditalien geflogen und leben seither im dortigen Lager“, schildert Kock.

Die Daemi Zahmatis, das sind Vater Daniel, von Beruf Elektriker, Mutter Sarah, gelernte Arzthelferin, sowie der 17-jährige Sohn Immanuel und die 16-jährige Tochter Reyhane. Schon als sie noch in Irans Hauptstadt Teheran lebten, suchten sie Kontakt zu christlichen Gruppen. Wie sie später der Meppener Gemeinde erzählten, hätten sie infolgedessen bereits körperliche Gewalt erfahren. Zwar sind Christen in dem islamischen Gottesstaat qua Verfassung als religiöse Minderheit anerkannt; Muslimen, die zum Christentum konvertieren, droht jedoch die Todesstrafe.

Zu Ostern getauft

Daher entschloss sich die Familie im Sommer 2017 zur Flucht. Durch Kontakte zur italienischen Botschaft kamen sie an Visa, die einen Flug nach Rom ermöglichten. Ihre Weiterreise nach Deutschland, wo sie um Asyl baten, endete zunächst im Auffanglager in Bramsche.

Sieben Wochen darauf, im September, gelangten die Daemi Zahmatis nach Meppen, wo die Eltern an der Volkshochschule Deutsch zu lernen begannen und die Kinder die Berufsbildenden Schulen besuchten. Eines der ersten Ziele, nur wenige Tage nach der Ankunft, sei aber die evangelisch-lutherische Gustav-Adolf-Kirche gewesen, sagen Kock und Heidemann. Die Familie begann, sich in der Gemeinde zu engagieren, wirkte bei jedem Gottesdienst und diversen Veranstaltungen mit, und zu Ostern 2018 ließen sich alle vier christlich taufen.

In Süditalien im Lager

Zwei Monate später mussten sie ihr neues Zuhause wider Willen verlassen. Zum Verhängnis wurde den Daemi Zahmatis die Dublin-III-Verordnung der EU, wonach Asylbewerber ihren Antrag in dem EU-Staat stellen müssen, den sie zuerst betreten haben – in diesem Fall Italien.

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Dort ist die Familie nun in einem Lager untergebracht. „Jedes noch so spartanische Jugend-Zeltlager in Deutschland ist dagegen Luxus“, sagt Kock. Die vier Personen erhielten täglich drei Mahlzeiten, ferner insgesamt zehn Euro pro Tag an Geldleistungen. Juristischen Beistand gebe es nicht, die Italienischkurse für die Erwachsenen seien überfüllt, „immerhin können die beiden Jugendlichen dort zur Schule gehen“. All das weiß die Kirchengemeinde durch Smartphone-Kontakt nach Italien, auch mit Unterstützung der ebenfalls aus dem Iran stammenden und zum Christentum übergetretenen Familie Lakpour, die etwa zur selben Zeit nach Meppen kam. Der 18-jährige Benjamin Lakpour spricht bereits gut Deutsch und fungiert als Übersetzungshelfer.

Etliche Hebel in Bewegung gesetzt

Die Aktiven der Kirchengemeinde wollen sich nicht mit der Abschiebung abfinden. Einerseits ist da der humanitäre Aspekt: „Wie kann es in Deutschland so undifferenziert zugehen?“, fragt Heidemann. „Menschen abzuschieben, die hier alle Auflagen erfüllen und rechtschaffen ihre Arbeitskraft einsetzen wollen.“ Mehr Integrationswillen als diese iranische Familie könne man nicht mitbringen.

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Kock, Heidemann und ihre Mitstreiter haben etliche Hebel in Bewegung gesetzt, Schreiben an Landesbischof, Petitionsausschüsse, Außenamt, bis hin zu Kanzlerin und Papst abgeschickt. Auch mit dem Flüchtlingsrat sei man im Gespräch. Sie bauen darauf, eine Chance zu finden, die Iraner nach Deutschland zurückzuholen. Eine Abschiebung dürfe normalerweise nicht erfolgen, wenn einem Familienmitglied Reiseunfähigkeit attestiert wurde. Nach Worten von Kock gibt es zwei solcher ärztlichen Bescheinigungen, die Sarah Zahmati betreffen und bereits Mitte März fristgerecht an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nach Nürnberg geschickt worden seien: „Ob sie dort in einem Papierstapel verloren gegangen sind?“ Dennoch: Die Hoffnung auf ein glückliches Ende wollen sie nicht aufgeben.