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Rückblick im Interview Landrat Hermann Bröring wird heute verabschiedet

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Meppen. Wie können sich die Bürger im Emsland Landrat Hermann Bröring „ohne Landrat“ vorstellen? Heute wird der Chef der Kreisverwaltung, der in den vergangenen 20 Jahren an vorderster Stelle und mit unverwechselbarem Stil die Region zwischen Papenburg und Salzbergen und darüber hinaus geprägt hat, im Saal Kamps in Meppen verabschiedet. Im Interview blickt Bröring nicht nur zurück, sondern auch nach vorn – auf einen neuen Lebensabschnitt, den nicht mehr nur er bestimmt, sondern zum Beispiel auch zwei Enkelkinder...

Herr Bröring, an diesem Freitag werden Sie als Landrat des Landkreises Emsland in den Ruhestand verabschiedet. Zwei Jahrzehnte lang haben Sie die Entwicklung des Kreises maßgeblich mitbestimmt. Fällt es da leicht, oder ist es schwer loszulassen?

Bis Anfang Oktober habe ich gedacht: Du kommst ganz gut in die neue Zeit hinein. Aber jetzt merke ich, dass es mir auch schwerfallen wird, denn ich habe meine Aufgabe als Oberkreisdirektor und Landrat immer mit großer Freude und Leidenschaft ausgefüllt. Das wird ein komisches Gefühl sein, morgens in die Zeitung zu schauen, zu lesen, was alles zu tun ist, und du selbst bist aktiv nicht mehr dabei. Andererseits muss ich auch sagen: Es ist gut gewesen, ich bin jetzt 66 Jahre alt und freue mich auf einen neuen Lebensabschnitt. Sicherlich wird auch ein Zeitpunkt kommen, wo ich das Gefühl haben werde, in ein Loch zu fallen. Aber ich habe keine Angst davor.

Wie können sich denn die Bürger im Emsland den Landrat Hermann Bröring ohne Landrat vorstellen?

Für mich war es in letzter Zeit interessant zu beobachten, dass Bürger mir jetzt, wo meine Verabschiedung bevorsteht, viel offener und auch entspannter begegnen. „Wir wollen dem Landrat noch mal die Hand geben; noch mal eben Danke sagen“, sagen jetzt viele. Oft kommt dann auch die Frage, was ich denn künftig machen werde. Erstens: Die Zeit genießen, nicht mehr unter so großem Termindruck zu stehen. Ich hab oft morgens in den Spiegel geschaut und mich gefragt, was schön und angenehm werden könnte heute, und mir sagen müssen: Es wird ein schwieriger Tag. Zweitens freue ich mich darauf, häufig mit dem Fahrrad im Emsland unterwegs zu sein, denn ich liebe meine Heimat sehr. Drittens: Zu Hause gibt es natürlich auch viel zu tun, und ich kann endlich wieder als Heimwerker tätig werden, ohne auf meinem Grundstück gleich die „Vereinigten Hüttenwerke“ aufbauen zu wollen. Ich freue mich ebenfalls sehr darauf, das zu lesen, zu dem ich bisher keine Zeit hatte, oder Veranstaltungen zu besuchen, und zwar als Privatperson. Für mich ist das auch ein Stück Befreiung, nicht mehr als Landrat, sondern als Hermann Bröring etwas zu unternehmen. Insofern fällt auch ein Stück Starrheit von mir ab. Ich kann laufen wie ein „normaler Kerl“, und das tut gut.

Wie stellen Sie sich den Privatmann Hermann Bröring vor?

Ich habe zwei Enkelkinder, die werden mich schon auf Trab halten. Wenn ich in den vergangenen Jahren abends nach Hause fuhr, habe ich „den Landrat“ in Gedanken meistens mitgenommen. Das hat die familiäre Situation schon belastet. Durch die Hektik in meinem Beruf ist sicher auch das Gespräch mit meinen beiden Kindern und mit Freunden an der einen oder anderen Stelle zu kurz gekommen. Ich habe jetzt das Glück, über die Enkel einen neuen Zugang zu meinen Kindern zu bekommen. Ich werde mich im Ruhestand auch im sozialen Bereich engagieren, an welcher Stelle verrate ich aber noch nicht.

Nicht darüber lamentieren, was nicht geht, sondern schauen, wie man es hinbekommt – würden Sie so die Maxime Ihres Handelns beschreiben?

Das kann man so sagen. Ein Schlüsselerlebnis für mich war die Debatte um die Emsvertiefung in den 90er- Jahren. Es hat zu der Zeit eine existenzielle Sorge um die Erhaltung der Arbeitsplätze der Meyer Werft und anfangs auch eine leichtfertige Politik von SPD und Grünen gegeben, den Werftstandort in Papenburg aufs Spiel zu setzen. Das durfte auf keinen Fall passieren – und in Unkenntnis dessen, was da auf uns zukommt, haben wir uns darauf eingelassen, dass das Emsland die Emsvertiefung selbst in die Hand nahm. Wenn wir das im Schulterschluss mit unseren Kommunalpolitikern im Kreistag nicht geschafft hätten, gäbe es heute die insgesamt 2400 Arbeitsplätze auf der Werft und in den Zulieferbetrieben nicht mehr. Das war so etwas wie eine Initialzündung. Es hatte funktioniert, außerhalb der normalen behördlichen Zuständigkeiten etwas zu bewegen. Ansonsten hätten wir wohl die Themen A31, Ausbau der E233 und den Dortmund-Ems-Kanal nicht angepackt. Aber eines muss ich hier auch sagen: Ich hatte immer einen Kreistag, der mitging und mitgestaltete. Und wir hätten das Ganze auch nicht geschafft, wenn es hier in der Kreisverwaltung nicht eine so hervorragende Mannschaft geben würde.

Um Ihren Führungsstil ranken sich viele Geschichten, auch solche von „fliegenden Kugelschreibern“ in Ihrem Amtszimmer. Wie funktionierte denn das „System Bröring“?

Also, das mit den Kugelschreibern gehört zu den Legenden, wenn ich auch sagen muss, dass mein Führungsstil wohl nicht immer sehr konziliant war. Ich bin Perfektionist, das weiß ich auch, und deshalb war es mir immer ein Graus, wenn ich in Besprechungen feststellen musste, dass ein Mitarbeiter bei den ersten Fragen schon „aus der Kurve flog“ und keine tief greifende Vorbereitung auf das Thema zu erkennen war. Dass ich da im Nachhinein den einen oder anderen überfordert habe, mag so sein. Ich habe aber immer auch eine Form gefunden, nach kontroverser Diskussion mit meinem Gegenüber eine vertrauensvolle Zusammenarbeit fortführen zu können.

Aufgrund Ihrer Persönlichkeit und Durchsetzungsstärke werden Sie auch schon mal als „Oberlandrat“ oder „König des Emslandes“ bezeichnet. Wie empfinden Sie das?

Da schwingt wohl auch ein wenig Respekt, Hochachtung und wohl auch Neid dafür mit, was ich alles „ausgefressen“ habe in den 20 Jahren meiner Arbeit als OKD und Landrat. Aber sicherlich auch eine versteckte Kritik, die emsländische Politik zu sehr verkörpert zu haben. Wenn du vorne stehst, dann in guten und in schlechten Zeiten. Wegducken, wenn es schwierig wird, ist nicht mein Stil. Die Rolle des hauptamtlichen Bürgermeisters bzw. Landrates ist in der Niedersächsischen Gemeindeverfassung mit all ihren Aufgaben festgelegt; die Verantwortung ist nicht delegierbar. Da kann ich mich nicht entziehen, und das wollte ich auch nicht.

Was war für Sie ein Tiefpunkt in Ihrer Amtszeit, was der Höhepunkt?

Am menschlich bedrückendsten war sicherlich das Transrapid-Unglück am 22. September 2006. Die Tragödie um den Tod der 23 Menschen und das Leid der Angehörigen wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Enttäuschend bleibt für mich, dass die mit dem Transrapid verbundenen Chancen, die beispielsweise in einem Elektromobilitätszentrum liegen, nicht besser genutzt wurden. Als unerledigte Baustelle lasse ich den ÖPNV im Emsland zurück, der durch die demografische Entwicklung noch eine besondere Relevanz bekommen wird. Zu den Höhepunkten meiner Amtszeit zählte sicherlich die Realisierung des Lückenschlusses der A31. Wenn ich heute sehe, was dort seit 2004 los ist, und wenn man sich in Erinnerung ruft, dass der Lückenschluss erst für 2017 geplant war, erfüllt mich das Ergebnis mit Freude und Stolz. Gleichwertig sehe ich auch die Sicherung des Kreiskrankenhauses in Sögel an. Ohne die gesellschaftliche Verzahnung mit dem Bonifatius-Hospital in Lingen gäbe es die Sögeler Einrichtung heute nicht mehr. Ich bin mir sicher, dass es auch gelingen wird, das Papenburger Marienkrankenhaus zu stabilisieren, damit die hohe Qualität der medizinischen Versorgung im Emsland gesichert bleibt. Es braucht auf Dauer die enge Kooperation aller Häuser untereinander.

Am kommenden Montag, Ihrem letzten Arbeitstag, weihen Sie gemeinsam mit Ministerpräsident David McAllister die Gedenkstätte in Esterwegen ein, zu deren Realisierung Sie maßgeblich beigetragen haben. Ein bewegender Moment für Sie?

Ganz bestimmt. Ich bin Jahrgang 1945. Es hat mich immer berührt, dass es sich die Emsländer aus meiner Sicht mit den Themen Emslandlager und Nationalsozialismus so schwer getan haben. Bei Treffen mit ehemaligen Gefangenen kam immer wieder das Thema einer fehlenden Gedenkstätte zur Sprache. Als die Bundeswehr dann 2001 ihr Depot in Esterwegen aufgab und uns anbot, auf dem Gelände ein Gewerbegebiet zu planen, war für mich klar: Das konnte nicht infrage kommen. Wir dürfen als Emsländer stolz sein auf unsere Geschichte, dürfen dabei aber die Geschichte der Emslandlager nicht vergessen.

Auf welche Auszeichnung sind Sie besonders stolz?

Auf die Emslandmedaille, den polnischen Orden, den mir unsere Freunde aus Ermland-Masuren verliehen haben, auf die goldene Sparkassenmedaille und den Preis der Bauindustrie Niedersachsen-Bremen. Ich bin stolz darauf, dass ich mich als Oberkreisdirektor und Landrat für unser Emsland einsetzen durfte.Berufliche Vita: Hermann Bröring begann seine berufliche Laufbahn nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Uni Köln 1971 mit einer Dozententätigkeit am Sozialinstitut Kommende in Dortmund und setzte diese1973 im Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen-Holthausen fort.1976 wurde er persönlicher Referent und Leiter des Ministerbüros von Kultusminister Dr. Werner Remmers in Hannover.1979 trat er in die Verwaltung des Landkreises Emsland ein. 1984 wählte ihn der Rat der Stadt Lingen zum stellvertretenden Oberstadtdirektor. Mit dieser Position war das Amt des Stadtkämmerers verbunden.1990 wurde Bröring zum Kreisdirektor und 1991 zum Oberkreisdirektor gewählt.Bei der Kommunalwahl am 9. September 2001 holte der gebürtige Rheder als Kandidat der CDU 72,7 Prozent der Stimmen und wurde erster hauptamtlicher Landrat des Landkreises Emsland. In diesem Amt wurde er bei der Kommunalwahl 2006 von der emsländischen Bevölkerung mit großer Mehrheit bestätigt.


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