Ungewöhnlich: Friedhof auf Hochmoor Keine Angst vor Moorleichen

Von Horst Heinrich Bechtluft


TWIST. Ein einzigartiger Friedhof liegt knapp jenseits der Grenze zur Gemeinde Twist. So jedenfalls vermeldet es die Informationstafel zum „uniek Hoogveenkerkhof“ beim Dorf Barger-Compascuum in den benachbarten Niederlanden. Gemeint ist die Anlage des Friedhofs auf Hochmoor. Tatsächlich hat es damit eine besondere Bewandtnis.

Seit Urzeiten galt sowohl in Norddeutschland wie auch in Holland ein Tabu: Tote durften nicht im feuchten Moor bestattet werden. Moore, das waren Orte der „Wiedergänger“ und der „Moorleichen“. Die Menschen vergangener Zeiten wussten nichts von Huminsäuren und anderen chemischen Zusammenhängen im nassen Untergrund. Wohl aber stießen sie beim Torfgraben ab und zu auf Körper, denen die Verwesung wenig anhaben konnte. Davor rannten die Finder dann schreiend davon.

Hinzu kommt nach Vermutungen von Historikern, die sich mit religiösen Vorstellungen befassen, dass das Moor als ein Ort für „unehrliche“ Bestattungen galt. Hier wurden offenbar Menschen „abgelegt“, die sich gegen Sitte und Moral vergangen hatten. Kein Wunder, dass in der christlichen Bestattungskultur, die sich rund um die Kirchen des Mittelalters entwickelte, der torfige Moorgrund keinen Platz hatte. Auch Landesherrschaften achteten später darauf, dass Friedhöfe auf Sand entstanden. So bestimmte 1788 die Münstersche Obrigkeit, der Friedhof für die neuen Twister Moorkolonien sei auf dem sandigen Bült anzulegen, „von Wasser frei, von einem Walle umgeben und gesichert gegen den Einfall von Tieren“.

1000 Bestattungen

Bei der ab 1866 aufgewachsenen Moorsiedlung Barger-Compascuum in Südost-Drenthe spielten die uralten Vorbehalte gegen Bestattungen auf dem Hochmoor offenbar keine Rolle. Die ersten Toten wurden noch nach Erica gebracht. Doch 1876 gab es die ersten Beerdigungen auf dem Hochmoorfriedhof am Ort. Vielleicht waren inzwischen der Torfabbau und die Entwässerung in der Umgebung auch so weit fortgeschritten, dass das Friedhofsmoor nicht mehr unter Wasser stand. Eine Besonderheit war die Lage des Friedhofs aber immer noch, wie die aktuellen Texte dem Besucher erklären. Bis 1943 wurden hier mehr als eintausend Tote bestattet.

Der historische „Hoogveenkerkhof“ war dann ab 1966 Teil des Freiluftmuseums „‘t Aole Compas“ (heute: Veenpark). Im Jahr 2010 wurde das Gelände vom Museum abgetrennt und zwei Jahre lang von einer örtlichen Stiftung unter Wahrung der überlieferten Grabstätten hergerichtet. Heute ist der alte Hochmoorfriedhof wieder ein Teil des allgemeinen Friedhofes von Barger-Compascuum und für Besucher frei zugänglich.