„Das Experiment“ aufgeführt BBS-Theater-AG Meppen hält Publikum in Atem

Von Petra Heidemann


Meppen. Zutiefst beeindruckt und erschüttert haben die Theaterbesucher in der Aufführung der Theater-AG der BBS Meppen „Das Experiment“ erlebt, wie aus vermeintlichem „Chillen“ geradezu besinnungsloses „Killen“ werden kann.

Wird Macht zum Selbstzweck, verabsolutieren sich Regeln, entwickelt sich eine nicht mehr steuerbare Eigendynamik und das Gefügte gerät aus den Fugen.

Aufgrund einer Suchanzeige für ein sozialwissenschaftliches Experiment über das Leben im Gefängnis erklären sich Männer und Frauen bereit, zwei Wochen als Wärter oder Gefangene in einem Scheingefängnis zu verbringen. Der Roman von Mario Giordano und der Film von Oliver Hirschbiegel basieren auf einem realen Experiment, das 1971 unter der Leitung von Philip Zimbardo an der Stanford University durchgeführt, aber nach 6 von 14 geplanten Tagen abgebrochen wurde, da es unter moralischen Gesichtspunkten nicht länger tragbar war.

Ob Kioskbesitzer, Lehrer, Journalist, Pilot oder völlig unbefangenes, neugieriges Mädchen - sie alle legen mit ihrer Kleidung ihre soziale Rolle, ihre Identität ab und schlüpfen, je nach neuer Rollenzuordnung, in Uniform oder einen Kittel mit Kennziffer. So sind sie zunächst bestenfalls als gruppenzugehörig zu unterscheiden, werden Gefangene ihrer Rollen.

Federführung

Der Federführung des Prof. Thon, dem Florian Niers die adäquate ethische Unberührtheit des um jeden Preis karrieresüchtigen Forschers gab, steht die junge Assistenzärztin Grimm gegenüber, deren Zwiespalt zwischen Ergebenheit der Koryphäe gegenüber und menschlichem Verantwortungsgefühl Marica Lambers überzeugend herausspielte. Schmerzlicher als die Gitterstäbe engt das „Regelwerk“ des Gefängnislebens jede Menschenwürde ein - Sprechverbot, widerspruchsloser Gehorsam, aufs knappste gewährte Essens- und Toilettengangzeiten unter der Fuchtel drastischer Strafandrohung. Während Tom Kremer sehr authentisch den „77“ zunächst mit provokanter Überlegenheit wappnete, offenbarten Selma Burs, „11“, Charleen Schomker, „15“, Jacqueline Beer, „69“, und Ines Jansen, „86“, die Zerbrechlichkeit blinder Unbedarftheit, die Experiment mit Event verwechselt.

Gleichzeitig verkörperten sie aus Verzweiflung erwachsende Courage, die sich als ohnmächtig erweist. Während Julien Robeck als vom Auftraggeber Luftwaffe zur Beobachtung eingeschleuster Hauptmann vor Augen führte, wie weit ein aus der Gewohnheit von Befehl und Gehorsam entstandener Panzer emotional abschirmt und Besonnenheit vermittelt, ließen Matthias Sonnenburg, „74“, und Marc Rolfes, „82“, aber auch alle anderen „Gefangenen“ das Publikum die ganze Brutalität  persönlichkeitszerstörerischer Willkürhandlungen seitens derer, die sich mit Macht ausgestattet wähnen und doch nur Werkzeug sind, geradezu körperlich miterleben. Sporadische Versuche, sich von den anderen ein „ziviles“ Bild zu machen, scheitern am zerbrechen eben dieser Persönlichkeit.

Schikanöse Erniedrigungen

Während sich „Lehrer“ Julian Berns als Vollzugsbeamter Bosch zunächst noch zurückhielt, zeigten Anika Köster als Renzel, Annika Bruno als Eckert und Jan Kroschewski als Kamps in erschreckender Deutlichkeit, was Macht aus einem Menschen macht. Vor allem Kia in der Rolle des Vorreiters Berus wuchs in ihrer Darstellung über sich hinaus und ließ auch das Publikum verschreckt verstummen. Gewaltsame Übergriffe, schikanöse Erniedrigungen an Hundefressnäpfen, Toilettensäuberung mit dem eigenen Hemd, sexueller Missbrauch, Isolation, Psychoterror - irreversible Grenzüberschreitung, die infernalisch mit der totalen Persönlichkeitszerstörung aller und mit Toten auf allen drei Seiten endet.

Ganze Arbeit bei der Regie

Lydia Funke, Christopher Rohe und der ehemalige BBS-Schüler Oliver Velthaus haben hier ganze Arbeit bei der Regie geleistet, unterstützt von Anja Schepergerdes. Aber die großartige und mutige Umsetzung durch das Ensemble, in dem alle wirklich alles gaben, lässt erahnen, welche persönliche Auseinandersetzung mit Thema und Rolle, welcher persönliche Reifeprozess jedes Einzelnen erforderlich ist, das höchst anspruchsvolle Theater-AG-Experiment „Das Experiment“ so realistisch auf die Bühne zu bringen, dass Zuschauer entsetzt auszuweichen versuchten, als ein leerer „Urinbecher“ ins Publikum flog. Solche szenische Ergriffenheit ließ keinen Zwischenapplaus zu, herrschte im Publikum doch knisternde Spannung, umso stärker entluden sich bewundernde Anerkennung, Respekt und Begeisterung, als sich die Beklemmung und die sich aufdrängenden Assoziationen nach dem letzten Vorhang allmählich zu lösen begann. Dieses „Experiment“ dürfte über den Theaterabend hinaus zu einer bleibenden Erfahrung für Ensemble und Publikum geworden sein.