Muss Alkohol teurer werden? Emsländische Suchttherapeutinnen setzen auf Prävention

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Muss Alkohol teurer werden, um den Missbrauch durch Jugendliche einzudämmen? Expertinnen aus dem mittleren Emsland setzen eher auf ein Bündel aus Präventions-Bausteinen. Symbolfoto: Swaantje HehmannMuss Alkohol teurer werden, um den Missbrauch durch Jugendliche einzudämmen? Expertinnen aus dem mittleren Emsland setzen eher auf ein Bündel aus Präventions-Bausteinen. Symbolfoto: Swaantje Hehmann

Meppen. Schotten gelten als Geizhälse. Wenn es um Alkohol geht, müssen sie allerdings notgedrungen tief in die Tasche greifen. In dem Land von Kilt und Dudelsack gibt es den Mindestpreis für Alkohol. Den fordern Experten auch in Deutschland. Wird damit aber zum Beispiel das Komasaufen Jugendlicher eingedämmt? Unsere Redaktion fragte bei Suchttherapeuten im mittleren Emsland nach.

In Schottland wurde ein Mindestpreis für Alkohol zum 1. Mai eingeführt. Ob Wein, Bier oder Spirituosen, die Getränke müssen danach so teuer sein, dass der darin enthaltene reine Alkohol für umgerechnet 57 Cent pro zehn Milliliter verkauft wird. Experten in Deutschland befürworten das. Es sei nachgewiesen, dass mehr Alkohol getrunken werde, je weniger er koste. Die Bundesregierung hält das für ein denkbares Modell auch in Deutschland. „Wir können uns nicht zurücklehnen und abwarten, sondern müssen gemeinsam weiter nach passenden Lösungsansätzen für Deutschland suchen“, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Billigalkoholika zum Discountpreis hätten nichts mehr mit Genuss zu tun, „sondern zielen auf Masse und animieren gerade Jüngere mit wenig Einkommen zum ‚Saufen‘“.

Bewusster Umgang

Ein Allheilmittel sieht Claudia Westermann in einer Preiserhöhung nicht. „Eine Steuererhöhung auf alkoholhaltige Getränke kann eine Ergänzung anderer Maßnahmen sein. Allein die Steuer senkt den Konsum nicht“, sagt die Klinikmanagerin der Fachklinik Hase-Ems in Haselünne.

Prävention bei Jugendlichen habe nachgewiesene positive Effekte, und gesundheitsfördernde Programme allgemein würden ebenfalls zum bewussten Umgang mit Alkohol beitragen. Diese sind aus ihrer Sicht am effektivsten, „weil sie direkt die Lebenswelt der Menschen betreffen“. Gesetzesmaßnahmen wie die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes und Werbeeinschränkungen ergänzten „das Paket“. Steuererhöhungen wären dabei eine Erweiterung, „aber die Wirkung bezüglich der Reduktion sehe ich eher minimal, was auch Zahlen aus Schweden zeigen“.

Abnehmender Trend

Der Alkoholkonsum insgesamt zeige in Deutschland einen abnehmenden Trend, verweist Westermann auf den Drogen- und Suchtbericht der Bundesdrogenbeauftragten 2017. Dennoch zähle Deutschland trotz der allgemein rückläufigen Werte „immer noch zu den Hochkonsumländern“. Höhere Steuereinnahmen würden die Differenz der Einnahmen durch Steuern und der Folgekosten des Alkoholkonsums reduzieren und Deutschland im europäischen Vergleich aus dem hinteren Mittelfeld weiter nach vorne rücken. Mit Blick auf den Konsum von gesundheitsschädlichen Substanzen hält es die Suchttherapeutin für durchaus legitim, „auch eine angemessene Steuer zu verlangen und gleichzeitig gesundheitsfördernde Maßnahmen finanziell zu unterstützen.“

Projekt HaLT

Dass sich eine Erhöhung der Alkoholsteuer auf das Konsumverhalten Jugendlicher positiv auswirkt, wäre nach Ansicht von Marion Feldmann, Fachambulanz für Suchtprävention und Rehabilitation des Caritasverbandes Emsland, wünschenswert, müsse aber abgewartet werden. Es bestehe eine effektive Prävention aus verschiedenen Bausteinen auf unterschiedlichen Ebenen. „Eine höhere Besteuerung ist nur eine Facette. Andere Faktoren haben nach unserer Einschätzung eine höhere Wirkung“, so die Leiterin der Fachambulanz in Meppen. Neben der Aufklärung über Gefahren von risikohaftem Konsum müssten Kinder und Jugendliche weiterhin in ihrer Entwicklung gefördert und gestärkt werden. Dazu gehöre zum Beispiel das Projekt HaLT (Hart am Limit), bei dem die Sensibilisierung von Jugendlichen durch präventive Maßnahmen in Schulen oder auf kommunaler Ebene im Vordergrund steht.

Regulierungen zur Beschränkung

In Deutschland gebe es zudem bereits Regulierungen zur Beschränkung der Verfügbarkeit von Alkohol, etwa das Jugendschutzgesetz. Testkäufe sollten zur Einhaltung beitragen. „Im Rahmen von Schulungen für Verkäufer im Einzelhandel fördern wir als Fachambulanz die Umsetzung.“

Verantwortungsbewusster und kontrollierter Umgang

Kontrollierter Umgang mit Alkohol (KomA) — die Zahlen Quelle: Landkreis Emsland Foto: Alexander Heinl/dpa Grafik: NOZ/Heiner Wittwer

Ziel aller Bemühungen, das betonen Westermann und Feldmann, sollte ein verantwortungsbewusster und kontrollierter Umgang mit Alkohol sein. Ob eine Erhöhung der Steuer dem Missbrauch und der Abhängigkeit vorbeugt oder ob sich dadurch „nur“ das Konsumverhalten und die Trinkmuster der Jugendlichen verändern, bleibe abzuwarten. Für wichtig halten die Suchttherapeuten den sozialen und gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol, wie also etwa im Elternhaus, aber auch in der Gesellschaft allgemein (auf öffentlichen Veranstaltungen) mit Alkohol umgegangen wird.


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