Hoch emotionale Virtuosität Die Sinfonietta Cracovia lässt es in Meppen krachen

Von Daniel Lösker

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Großartige Neuinterpretationen von Bach und Mozart mit Susanne Hou an der Solovioline und der Sinfonietta Cracovia. Foto: Daniel LöskerGroßartige Neuinterpretationen von Bach und Mozart mit Susanne Hou an der Solovioline und der Sinfonietta Cracovia. Foto: Daniel Lösker

Meppen. Solch einen Joseph Haydn hat man in Meppen bzw. hier in der Region wohl noch nicht gehört. Seiner „Sinfonie Nr. 43“ bläst die Sinfonietta Cracovia sämtlichen über die Jahrhunderte angesammelten Zuckerstaub von der Partitur und lässt es krachen.

Nichts ist mehr zu hören vom ach so braven „Großvater“ der Klassik, dessen sprichwörtlicher Humor nur zu leicht mit Biederkeit verwechselt wird. Die Sinfonietta kostet das Tremolo der Geigen im 1. Satz in vollen Zügen aus. Jeglicher Kitsch weicht einer klar strukturierten, messerscharf austarierten Virtuosität und bleibt dennoch hoch emotional. Das ist einfach fabelhaft anzuhören und ganz große Orchesterkunst.

Geheimtipp der Klassikszene

Gleiches kann man getrost vom „Konzert für Violine und Orchester in D-Dur“ von Wolfgang Amadeus Mozart behaupten. Susanne Hou an der Solovioline beweist eindrucksvoll, warum sie schon lange dem Status „Geheimtipp der Klassikszene“ entwachsen ist. Erwachsen und mit einer überzeugend eigenen Interpretation setzt sie dem genialen Salzburger ein würdiges Denkmal. Gemeinsam mit der Sinfonietta Cracovia wagt sie einen Drahtseilakt im wunderbaren „Andante cantabile“ des 2. Satzes, indem die Protagonisten – wie zuvor übrigens auch schon in Johann Sebastian Bachs „Violinkonzert in E-Dur“ – scheinbar schwerelos über der Partitur schweben, selbstverständlich ohne diese je zu verlassen.

Nur wirklich Große der Zunft schaffen es, solch einer fragil wirkenden Musikalität dennoch den nötigen Halt zu verleihen. Hou und die Sinfonietta gehören zweifelslos in diese Reihen. Atemlose Spannung herrscht im Saal, als die letzten Töne des kantablen Mittelsatzes verklingen und die Sologeige zum kapriziösen Rondeau auffordert. Ein Geben und Nehmen, ein gegenseitiges Drängen, ein Zurücknehmen und wieder Auffangen, alles wie selbstverständlich in phänomenaler Präzision interpretiert, alles scheint den Musikern zu gelingen.

Furiose Zugabe

Dass dieses Konzert noch lange im Gespräch unter denen sein wird, die sich aufgemacht hatten, den Meppener Theatersaal zu besuchen, steht außer Frage. Langanhaltender und tosender Applaus ist Hou und dem Orchester absolut gewiss. Und die ansonsten viel zu inflationär eingeforderten stehenden Ovationen sind mehr als angebracht. Eine furiose Zugabe folgt. Die „Ouvertüre in g-Moll“ des Haydn-Schülers Franciszek Lessel gerät derart schwungvoll, dass es an ein Wunder glauben lässt, sollten die scheinbar wild springenden Streicherbögen nicht zerbersten. Die großartigen musikalischen Botschafter der polnischen königlichen Hauptstadt Krakau, ganz vorn auf der Stuhlkante sitzend und mit aller denkbaren Freude perfekt musizierend, beweisen, man muss nicht erst in den Ural reisen – Teodor Currentzis und MusicAeterna lassen grüßen – um grandiose neue Interpretationen klassischer Musik zu hören.


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