Nach tödlicher Beißattacke in Hannover Wie groß ist das Risiko durch gefährliche Hunde im Emsland?

Von Carola Alge und Harry de Winter

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cw/hdw Meppen. Ein Hund soll in der Nacht zu Mittwoch in einer Wohnung in Hannover eine Mutter und ihren Sohn totgebissen haben. Wie viele gefährliche Hunde gibt es im Emsland, wie oft kommt es zu Zwischenfällen mit den Vierbeinern, und was sagt eine Hundetrainerin zu diesem Fall? Unsere Redaktion hat nachgefragt.

Der Vorfall aus Hannover ging am Mittwoch durch die Medien. „Nach ersten Untersuchungen durch einen Rechtsmediziner wurden die 52-Jährige und ihr 27-jähriger Sohn offenbar von dem Hund getötet“, teilte die Polizei mit. Aktuell steht allerdings noch nicht fest, wie es zu diesem Unglück kommen konnte.

In Niedersachsens zentralem Hunderegister sind derzeit 348.504 Tiere erfasst. 460 davon sind als gefährlich gekennzeichnet, heißt es in einer Mitteilung des Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. In der überwiegenden Zahl der Fälle wurde die Gefährlichkeit bei Mischlingen festgestellt (130 Hunde). In 52 Fällen wurde die Gefährlichkeit bei Deutschen Schäferhunden, in 30 Fällen beim American Staffordshire Terrier, zu dieser Rasse soll auch der Hund aus Hannover gehören, und in zwei Fällen beim Staffordshire Bullterrier gemeldet.

41 gefährliche Hunde im Emsland

Im Emsland sind aktuell 41 Hunde als gefährlich festgestellt, teilt der Landkreis auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Insgesamt kam es in den Jahren 2014 bis 2017 zu 146 Zwischenfällen mit Hunden, der die Behörde nachging. Rechtsgrundlage für die Prüfung der Gefährlichkeit eines Hundes ist das Niedersächsische Gesetz über das Halten von Hunden. Da es keine Rasselisten gibt, erfolgt die Prüfung im Einzelfall, wenn der Landkreis einen Hinweis auf eine gesteigerte Aggressivität eines Hundes erhält. Ergibt die Prüfung Tatsachen, die darauf hinweisen, dass das Tier eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellt, so ist die Gefährlichkeit des Hundes festzustellen. Die Gefährlichkeitsfeststellung gilt dauerhaft. Der Halter braucht dann eine Erlaubnis zur Haltung seines gefährlichen Hundes. Diese ist an Voraussetzungen gebunden wie Vollendung des 18. Lebensjahres, Sachkundenachweis, Wesenstest und Versicherung.

Ordnungsamt und Polizei

Sollten Mitbürger im Emsland Probleme mit aggressiven Hunden haben, ist die erste Anlaufstelle das Ordnungsamt der Stadt oder Gemeinde. Diese können dann entsprechende Auflagen wie Leinen- oder Maulkorbzwang anordnen. Im Zweifelsfall kann ebenfalls die Polizei hinzugezogen werden. Erst bei einem Beißvorfall ist der Landkreis Emsland, Fachbereich Sicherheit und Ordnung, zuständig und übernimmt die Prüfung und Feststellung der Gefährlichkeit eines Hundes, erklärt die Behörde.

Warum beißt ein Hund seine Halter?

Warum konnte es in Hannover zu der vermeintlichen tödlichen Beißattacke kommen? Diese Frage beschäftigt viele Menschen. Unsere Redaktion hat bei Hundetrainerin und Hunde-Verhaltensberaterin Klaudia Holt nachgefragt. Sie hat eine Hundeschule in Haselünne-Flechum, beschäftigt sich viel mit sogenannten Problemhunden. Nach ihrer Einschätzung würde ein Hund in der Regel nicht grundlos zwei Menschen zu Tode beißen. „Hierfür bedarf es einiges mehr.“

Was könnte das sein? Die allgemeine Bandbreite beschreibt Holt als groß: schlechte Haltung, mangelnde Sozialisierung, geringe Frustrationstoleranz, mangelnde Impulskontrolle, erlerntes Aggressionsverhalten, mangelnde Auslastung. Der Fall von Hannover scheine es, so werde es bislang in den Medien beschrieben, auf unter anderem schlechte Haltung sowie mangelnde Sozialisierung zurückzuführen, „möglicherweise auch auf eine sogenannte Deprivationsschädigung“.

Tierschutzrechtlich bedenklich

Der Hund soll im Zimmer des 27-Jährigen gelebt und zeitweise in einem Käfig gehalten worden sein. „Dies ist nicht unbedingt die Haltung, die einem Hund gerecht wird, und sie ist tierschutzrechtlich bedenklich“, sagt die Hundetrainerin aus Flechum.

Grundsätzlich könne man den Grund des Unglücks nur spekulativ betrachten. So gelte für Stafford-Terrier und Pitbull Terrier nichts anderes als bei allen anderen Hunderassen auch: Man sollte darauf achten, „dass man einen seriösen engagierten Züchter findet, eine gute Sozialisierung an die belebte und unbelebte Umwelt erfolgt, Training macht, bei dem der Hund neben den gängigen Grundsignalen auch Impulskontrolle lernt und sich an den Menschen orientieren kann. Weiter sei es wichtig, „dass man dem Hund gerecht wird und ihn in einer Art und Weise, die dem Rasseprofil und dem Wesen des Hundes entsprechend ist, auslastet.“

Muss Auslöser gegeben haben

Mit Blick auf den Vorfall von Hannover könne man nur spekulieren, warum der Hund der Familie letztendlich dermaßen reagiert hat, dass zwei Menschen an den Folgen gestorben sind. In irgendeiner Form werde es nach Einschätzung Holts jedoch einen Auslöser gegeben haben. Eine inakzeptable Haltung und eine mangelnde Auslastung könnten dabei zwei der Faktoren sein, die dazu geführt haben könnten.

Mit der Rasse habe das zunächst nichts zu tun. „Es gibt mehr Vorfälle mit Mischlingen oder Rassen, die als absolut lieb gelten, als mit den sogenannten Kampfhunderassen“. Deshalb hofft Holt, dass sich nach dem Vorfall von Hannover „nicht wieder eine Diskussion entwickelt, Maßnahmen ergriffen und Menschen panisch gemacht werden, weil eine Rasse zu Bestien gemacht wird, denn dies ist sie nicht.“


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