„Ekstase ist nur eine Phase“ Barbara Ruscher überrascht das Meppener Publikum

Von Petra Heidemann

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Meppen. Mit pointierten Wort-Jonglagen, unvermuteten Situationsverknüpfungen und Perspektivwechseln hat die TV-Kabarettistin Barbara Ruscher die Meppener Theaterbesucher überrascht.

Wer unbequeme Wahrheiten und kritische Analysen transportieren will, braucht die Kunst der wohldosierten Überzeichnung, um befreiendes Lachen zu erzeugen. Die Tastatur dieser Mischung aus Distanzierung und persönlicher Betroffenheit beherrscht Ruscher bis in die Fingerspitzen - auch im Wortsinn auf dem Klavier. Mit Leichtigkeit überspielte sie die Distanz zum Publikum, suchte den Kontakt - wie bei „Kalle aus Geeste“, der genau vor „elf Monaten und sechs Tagen“ zum „Jou“ und „Nee“ sagenden Emsländer wurde.

Ekstase in allen Lebenslagen - eine Bohrmaschine zum Schnäppchenpreis, ein Thermomix, ein Nutellabrot, oder „in Hannover Duzen bereits vor der Ehe“, das sind Duftkerzenerfahrungen für gestandene Biker und Bohrmaschinen in zarter Frauenhand. Kollidieren Grillekstasen mit veganen Bekehrungsversuchen, dann sollte es wenigstens „Bio“ sein. Außerdem sei es „fies, ausgerechnet die glücklichen Tiere zu schlachten“. Selbstgefilzte Blockflötenhüllen und umstrickte Laternenpfähle seien keine Lösung, wenn Plastikmüll die Meere vergiftet, Haifischfleisch aufgrund der Piercings von Tauchern zu viel Schwermetall aufwiesen, Antibiotika-Hähnchen eher bei Ratiopharm angeboten werden müssten und ob des Tütenmülls Fisch die Deklaration bräuchte „könnte Spuren von Aldi und Lidl enthalten“. Ruscher hinterfragte, ob Dinkelknochen wirklich hundegerecht und demnächst „Salat aus freilaufenden Ackerfurchen“ ein Teil der „veganen Religion“ seien.

Ruscher konfrontierte mit Kükenschreddern und Bienensterben, inszenierte satirisches Kopfkino über Paybackwahn und Schnäppchenjagd. Wer sich ein Sky-Abo leiste, recherchiere nicht, „wie die Sockennäherin heiße und ob sie als Kind liebevoll gestillt worden sei“. Wenn sie „nicht nähen wolle, könne sie ja was mit Menschen machen - Prostitution“. Besorgt sprach die Kabarettistin die Bewertungsdiskrepanz in puncto Drogen an. Diese seien in jeder Form abzulehnen, aber immerhin seien Kiffer keine Randalierer wie Alkoholiker, allerdings sei es gefährlich, wenn der vom Sonnenuntergang Träumende diesen zu spät als rote Ampel identifiziere.

Politiker hätten Entscheidendes mit der Augsburger Puppenkiste gemein: „lustige Gesellen, von anderen unsichtbar gelenkt“. Wenn die Waffenexporte Deutschlands der Qualität der Bundeswehrausstattung entsprächen, sei das durchaus als Friedensmission zu werten. Dating-Portale verschonte die scharfzüngige Künstlerin ebenso wenig wie den „Landlust“-Hype übersättigter Städter und operativen Schönheitswahn. Nie kam die ehemalige Musik- und Deutschpädagogin belehrend herüber, sondern ließ ihr Publikum an „plötzlichen Erkenntnissen“ teilhaben. Von Ruschers Auszügen aus ihrem Buch „Fuck the Möhrchen - Ein Baby packt aus“ konnte das Publikum nicht genug bekommen - faszinierend, wenn die Absurdität der Erwachsenenwelt aus der Perspektive eines „frühgeförderten“ Kleinkindes entlarvt wird - gesellschaftlicher Spiegel als sprachlich-amüsanter Geniestreich, eben Markenzeichen von Barbara Ruscher.


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